Spanien verliert seit 2018 Produktivität trotz 100 Milliarden Euro an EU-Geldern
Der Internationale Währungsfonds hat die spanische Ausnahmeerscheinung erneut hervorgehoben: Spanien ist die einzige große Volkswirtschaft der Eurozone, die seit 2018 Produktivität verliert, während sie zugleich den Anstieg der Arbeitskosten in der Eurozone anführt. Parallel dazu hat Spanien fast 100 Milliarden Euro an EU-Geldern erhalten, ein Großteil davon für Digitalisierung und Technologie bestimmt. Das Ergebnis, laut den Daten des IWF selbst: ein Land, das mehr abrechnet, aber pro Arbeitsstunde dasselbe produziert – mit einem Pro-Kopf-BIP, das seinen Höchststand von 2007 bis heute nicht übertroffen hat.
Das BIP wächst, das Pro-Kopf-BIP nicht
Die makroökonomische Gesamtzahl steigt. Das spanische BIP wächst Jahr für Jahr, aber nur durch die Aufnahme von mehr Menschen in den Arbeitsmarkt, Staatsausgaben, Inflation, europäisches Geld und Schulden. Wird dieser Kuchen unter mehr Esser geteilt, wird der Anteil eines jeden kleiner. Das reale Pro-Kopf-Einkommen stieg von 25.420 Euro im Jahr 2019 auf 25.620 im Jahr 2024 – ein Plus von 0,1 % in fünf Jahren und kaum 4 % über dem Niveau von 2007. In Kaufkraftparität lag Spanien 2023 bei 89 % des EU-Durchschnitts, nachdem es 2006 noch 105 % erreicht hatte.
Die Banco de España (die spanische Zentralbank) berechnete mit Daten vor 2025, dass das reale BIP 3,7 % über dem Niveau von 2019 lag, das BIP pro Einwohner jedoch nur 0,3 % – siebenmal weniger als der Eurozonen-Durchschnitt. BBVA Research schätzte 2024, dass der private Konsum pro Einwohner, inflationsbereinigt, immer noch 2,3 % unter dem Niveau von vor Elbichito lag. Der IWF sagte im April, dass das spanische Pro-Kopf-BIP 2025 genauso stark gewachsen sei wie das der Eurozone, und prognostiziert für 2026 0,9 % für Spanien gegenüber 1,0 % für die Eurozone. Im besten Fall ein Unentschieden.
Löhne: 33.700 Euro brutto gegenüber 53.751 in Deutschland
Die nüchternen Eurostat-Zahlen für 2024 bei Vollzeit lassen wenig Raum für Interpretationen. Spanien zahlt 33.700 Euro brutto pro Jahr. Der EU-Durchschnitt liegt bei 39.800. Frankreich bei 43.790. Deutschland bei 53.751. Es fehlen 6.000 Euro pro Jahr bis zum europäischen Durchschnitt und 20.000 bis nach Deutschland. Die Reallöhne stagnieren seit 25 Jahren: Man verdient auf dem Papier mehr, kann aber genauso viel kaufen wie im Jahr 2000.
Der Trick liegt in der Darstellung. Die Rede ist vom Bruttojahreslohn, und das Durchschnittsgehalt 2024 betrage 29.540 Euro, was nach 2.400 pro Monat klingt. Aber das sind 14 Gehälter pro Jahr, vor Abzug der IRPF (spanische Einkommensteuer) und der Sozialabgaben. Die Hälfte der Arbeitnehmer verdient weniger als 24.497 Euro, den Median. Und das häufigste Gehalt liegt bei 16.520 Euro pro Jahr, etwa 1.180 Euro im Monat. Die offizielle kumulierte Inflation seit 2016 liegt bei rund 30 %, aber der reale Warenkorb – Lebensmittel, Nebenkosten, Verkehr, Versicherungen – ist stärker gestiegen. Der Strompreis hat sich auf dem Höhepunkt verdreifacht, Olivenöl hat sich verdoppelt, der Grundbedarfskorb um 40 % zugelegt. Bei Tariferhöhungen von 2-3 % pro Jahr geht die Rechnung nicht auf.
Die Arbeitskosten steigen schneller als die Produktion pro Stunde
Hier liegt der Kern des Problems. Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit sind nicht dasselbe. Ein Land kann pro Stunde wenig produzieren und trotzdem gut exportieren, wenn die Kosten mitspielen. Das Problem entsteht, wenn die Arbeitskosten schneller steigen als das, was jede Arbeitsstunde erwirtschaftet. Spanien führt diesen Anstieg in der Eurozone an, laut IWF, und verliert gleichzeitig Produktivität. Genau diese Kombination untergräbt die Wettbewerbsfähigkeit, ohne dass sich das Nettogehalt des Arbeitnehmers verbessert.
Der SMI (der gesetzliche spanische Mindestlohn) taucht in der Debatte als Eckpfeiler auf. Manche behaupten, sein Anstieg habe Wettbewerbsfähigkeit zerstört; andere entgegnen, der SMI sei nicht das, was das Unternehmen zahlt, sondern das, was der Arbeitnehmer erhält. Eine Rechnung, die unter Kleinunternehmern kursiert, schlüsselt es so auf: Damit ein Arbeitnehmer 32.000 Euro brutto erhält, zahlt das Unternehmen rund 50.000, wovon etwa 18.000 an das Finanzamt und die Sozialversicherung gehen. In der Gastronomie, mit drei Arbeitnehmern auf Mindestlohnniveau, liegen die Fixkosten für einen geöffneten Betrieb bei rund 8.100 Euro pro Monat ohne Küchenbetrieb und 9.646 mit Küche. Der durchschnittliche operative Gewinn eines Unternehmens in Spanien liegt bei 10 %, der Nettogewinn bei 6 %.
Die Zeitbombe der zugesagten Ausgaben
Die unbequemste Analyse betrifft nicht das laufende Jahr, sondern das kommende Jahrzehnt. Die festgelegten Ausgaben sind explodiert: 600.000 mehr Beamte und öffentlich Angestellte, 700.000 Millionen Euro mehr Schulden, zwei Millionen Empfänger des IMV (der spanischen Mindesteinkommensleistung) und fünf Millionen Menschen mit Zugang zu Gesundheitsversorgung, sozialem Wohnungsbau, Bildung und Schulessen-Zuschüssen. Nichts davon lässt sich mit einem Regierungswechsel abbauen. Schulden werden nicht zurückgezahlt, sie werden refinanziert. Öffentlich Angestellte werden nicht entlassen, sie werden eingefroren und gehen in Rente, in der Hoffnung, dass der Nachfolger die Suppe auslöffelt.
Manche behaupten, dieses Design sei kein Verwaltungsunfall, sondern eine bewusste Architektur: Jeder Haushaltsposten schafft ein Wählerverzeichnis mit monatlichem Gehaltsscheck. Andere entgegnen, ohne diese Ausgaben würde der soziale Zusammenhalt brechen. Die Debatte dreht sich jedenfalls nicht um den nächsten Haushalt, sondern darum, wer die Rechnung begleicht, wenn sie fällig wird.
Der psychologische Faktor und der Arbeitsmarkt
Es gibt einen Blickwinkel, der es fast nie in die IWF-Berichte schafft: den Fehlanreiz. Manche argumentieren, dass die Produktivität von allein sinkt, wenn der Arbeitnehmer sieht, dass der von ihm geschaffene Wohlstand in Steuern, Abgaben und Transfers an die fließt, die nichts produzieren. Niemand muss das anordnen. Die Frage, ungeschminkt formuliert, lautet: Wozu sich anstrengen, wenn ein anderer die Früchte der eigenen Mühe erntet?
Auf der anderen Seite der Waage steht die Zusammensetzung der Erwerbsbevölkerung. Manche behalten vor, dass der massenhafte Zustrom ungelernter Arbeitskräfte die Löhne im unteren Segment nach dem Gesetz von Angebot und Nachfrage drückt. Nach einer kursierenden Rechnung gehen 90 % der vernichteten Arbeitsplätze auf Automatisierung und Robotik zurück, aber solange Automatisieren teurer ist als Einstellen, wird eingestellt. Und wenn die Steuerlast Investitionen in Robotisierung verhindert, schließt sich der Kreis. Die Falle der 50 Beschäftigten – ab da vervielfacht sich die Bürokratie – rundet das Bild ab.
Was lässt sich mit der spanischen Produktivität anfangen?
Die kursierenden Rezepte sind Lehrbuch: die IRPF (Einkommensteuer) senken, die Mehrwertsteuer erhöhen, die Gesetzgebung vereinheitlichen und Bürokratie abbauen. Der optimale effektive Steuerhebesatz liegt laut Laffer-Kurve bei rund 16 %. Darüber hinaus bringt jeder weitere Punkt weniger ein. Die Frage ist nicht, ob Spanien Reformen braucht, sondern ob eine Regierung bereit ist, die politischen Kosten ihrer Durchführung zu tragen.
Angesichts dieser Pro-Kopf-Einkommensunterschiede sollte der Aufholprozess gegenüber Deutschland eine nationale Priorität sein. Das ist seit zwei Jahrzehnten nicht der Fall. Und die EU-Gelder, die die Abkürzung sein sollten, seien, so manche, in Digitalkits und allerlei Prestigeprojekten verpulvert worden. Die Zeit läuft derweil weiter.
Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft.
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