Spanien verarmt nicht, aber die Mittelschicht fühlt sich arm

Relative Verarmung in Spanien: Warum 2.000 Euro Gehalt nicht mehr reichen und normale Häuser als Privileg gelten.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Spanien verarmt nicht, aber die Mittelschicht fühlt sich arm
Spanien verarmt nicht, aber die Mittelschicht fühlt sich arm

Ein Beamter der Guardia Civil, zwei Forscherinnen mit Auslandsstipendium und ein Ingenieur aus der Privatwirtschaft. Auf dem Papier die typische technische und Beamtenschaft-Mittelschicht. In der Praxis, gemäß der Erzählung, die jedes Mal entsteht, wenn das Profil von Opfern bekannt wird oder man mit einem Gehalt prahlt, sind sie die neue Jetset. Ein Stellenwert C bei einer öffentlichen Prüfung, ein Einfamilienhaus mit 600 Quadratmetern Garten, gebaut von einem Angestellten ohne Erbe, eine Fahrt im Hochgeschwindigkeitszug. Jedes Zeichen der Stabilität wird heute als Privileg gelesen, und hier beginnt das Problem: Der Maßstab hat sich so weit verschoben, dass er nicht mehr zwischen Having genug zum Leben und gutem Leben unterscheidet.

Die Diskussion darüber, ob Spanien ein Land der Hungernden ist, hat eine unbequeme Antwort: Nein. Aber die relative Verarmung ist real und spürbar im Einkaufskorb, bei der Miete und beim Auto. Was gebrochen ist, ist nicht das absolute Einkommensniveau, sondern die Wahrnehmung dessen, was es bedeutet, 2.000 oder 3.000 Euro im Monat zu verdienen.

Wie viel muss man in Spanien verdienen, um nicht zur Mittelschicht zu gehören?

Die Spanne, die auf der Straße verwendet wird, ist grob, aber beredt. Ein Arbeitnehmer mit 1.200 bis 1.500 Euro netto reist mit dem Bus oder teilt ein Auto; wer über 2.000 Euro liegt, fühlt sich nicht reich, weil Miete, Benzin und Essen den Unterschied aufgezehrt haben. Die Bezugnahme auf den Hochgeschwindigkeitszug als VIP-Transport ist kein Scherz: Es ist die Feststellung, dass bestimmte einst übliche Konsumausgaben heute als Statusmarker funktionieren.

Das Phänomen hat eine psychologische Ebene. Wenn das Nominaleinkommen steigt, aber die Kaufkraft stagniert, verarmt die Gesellschaft nicht schlagartig: Sie vergleicht sich schlechter. Und in diesem Vergleich wird ein Beamter der Gruppe C mit fester Stelle zum neuen Reichen im kollektiven Imaginären, obwohl sein Gehalt nur für einen moderaten Wohlstand reicht.

Das 600-Quadratmeter-Haus, das wie eine Provokation wirkte

Die Anekdote ist fast ein soziologisches Experiment. Ein Prüfling teilt Fotos vom Haus seiner Eltern – ein normales Einfamilienhaus mit 600 Quadratmetern Garten, gebaut von einem Angestellten ohne Erbe –, um Gartenarbeiten zu zeigen. Die Reaktion der Gruppe der Bestehenden: Witze über ihren vermeintlichen Reichtum. Es gab kein Vermögen, nur ein Einfamilienhaus, bezahlt durch Jahrzehnte des Gehalts und eine Hypothek. Die automatische Lesart war Privileg.

Dieser Automatismus ist der Schlüssel. Die öffentliche Debatte hat die Analyse der Einkommen durch das Urteil über den Schein ersetzt: Ein großes Haus, ein ausländischer Universitätsabschluss oder eine öffentliche Stelle genügen, um jemanden zu etikettieren. Das Ergebnis ist eine Gesellschaft, die Stabilität mit Opulenz verwechselt und dabei übersieht, wo das Geld wirklich liegt: bei Energieversorgern, Konzessionären, geretteten Banken und der Armee freigestellter Gewerkschaftsfunktionäre.

Der Wirtschaftsmotor hängt von einer Entscheidung in Detroit ab

Der Fall Vigo dient als Spiegelbild. Schlagzeilen über Rekordbeschäftigung und volle Auftragsbücher im Schiffbau verbergen eine strukturelle Abhängigkeit: Stellantis entscheidet in Paris oder Detroit, ob die Plattform für Elektroautos bleibt oder geht, und die Region erfährt es durch die Zeitung. Der Schiffbau ist per Definition zyklisch. Und die Rekordzahl der Sozialversicherungsbeiträge koexistiert mit intermittierenden festen Arbeitsverträgen, Selbständigen und Teilzeitkräften.

Die Schlussfolgerung ist für beide Narrative unbequem. Weder hat der Sozialismus eine Legion der Armen geschaffen, um Stimmen zu sammeln, noch hat der Markt alle zu wohlhabenden Unternehmern gemacht. Das Modell aus Beton, Tourismus und billigem Kredit wurde von einigen aufgeblasen, von anderen gesprengt und von jenseits davon sozialisiert. Drei Farben, derselbe Ziegelstein.

Was die Beschäftigungsdaten nicht erzählen

Rekordbeiträge entsprechen nicht guter Beschäftigung. Sie addieren befristete, Teilzeit- und Existenzgründungsverträge, und der daraus resultierende Markt ähnelt nicht der realen Industrie. Die unbeantwortete Frage ist, wie viel dieser Beschäftigung Industrie und wie viel saisonale Gastronomie ist. Währenddessen bleibt die Debatte darüber, ob wir ein Land der Hungernden sind, eine Anekdote: Wir sind es nicht, aber es wird immer schwieriger, den Unterschied zwischen Leben und Überleben mit einem iPhone in der Tasche zu erklären.

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Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (17 Antworten).

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