Spanien beendet 2023 mit mehr als der Hälfte seines Stroms aus erneuerbaren Quellen
Die vorläufige Bilanz von Red Eléctrica (dem spanischen Übertragungsnetzbetreiber) liefert eine Zahl, die bis vor Kurzem nach Utopie klang: 50,8 % des 2023 in Spanien erzeugten Stroms stammten aus Wind-, Wasser-, Solarenergie und Co. Das sind mehr als 135.000 GWh, ein Allzeithoch, das den Wert von 2022 (42,2 %) um 8,6 Punkte übertrifft und die 46,7 % von 2021 hinter sich lässt. Die Windkraft führt den Mix mit fast 24 % und rund 63.700 GWh an; die Photovoltaik klettert auf Platz vier mit 14 % und mehr als 37.000 GWh, 34 % mehr als im Vorjahr. Die Kernkraft hält Platz zwei mit 20 %, der GuD-Einsatz fällt auf Platz drei mit 17 %. Die Wasserkraft, Fünfte mit 9,5 %, atmet dank der Regenfälle nach dem trockenen Jahr 2022 wieder auf.
Was die Daten von Red Eléctrica für 2023 zeigen
Die offizielle Lesart stammt von Beatriz Corredor, Vorsitzende von Redeia: „Diese Zahlen sind der unwiderlegbare Beweis, dass die ökologische Transformation mit festen Schritten vorankommt.“ Sie fügt hinzu, dass Spanien der zweitgrößte Erzeuger von Wind- und Solarenergie in Europa sei. Der Bericht reiht Rekord an Rekord: Januar war der erneuerbarste Monat der Geschichte mit 13.542 GWh; November verzeichnete den höchsten monatlichen Erneuerbaren-Anteil mit 59,6 %; und am 3. November wurde der Tagesrekord mit 73,5 % erreicht. Auch bei emissionsfreier Erzeugung (87,9 % am 11. November) und bei der täglichen Windkraft (53,8 % am 26. Oktober) gab es Meilensteine.
Der Nebeneffekt ist der Rückgang der Emissionen: weniger als 32 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent, 28 % weniger als 2022, mit 72 % emissionsfreier Erzeugung. Der Stromverbrauch hingegen sank: um 2,1 % bereinigt um Arbeitstage und Temperaturen, auf rund 244.000 GWh brutto. Das Festlandsnetz fällt um 2,8 %, die Balearen um 0,9 %, die Kanaren steigen um 2,8 %. Der Verbrauchsspitzenwert wurde am 24. Januar um 20:43 Uhr mit 39.101 MW erreicht.
Das Argument, das nicht trägt: Ohne Industrie keine Transformation
Die erste Reaktion der Skeptiker ist immer dieselbe: Windräder und Solarplättchen halten keine Schwerindustrie am Laufen. „Für ein Land ohne Industrie mögen Windräder und Solarplättchen reichen. Aber ein Land mit Industrie... Das ist unmöglich“, fasst eine Haltung zusammen, die einen Großteil des Threads zieht. Das Problem mit diesem Argument: Spanien ist nicht Deutschland, und das Land mit seiner gesamten Industriestruktur ist nicht gestorben, weil es auf Erneuerbare setzt. Der Vergleich zerlegt sich von selbst: Wären 50,8 % Erneuerbare mit Industrie unvereinbar, wäre halb Europa bankrott.
Eine andere Kritiklinie zielt auf die Kosten. „Wenn diese Nachricht stimmen würde, würden Privatkunden 0,05 pro kWh zahlen“, behauptet ein Teilnehmer. Die Antwort: Den Endpreis bestimmt nicht die Erzeugungstechnologie, sondern das Design des Grenzpreismarkts sowie die Netzentgelte und Umlagen. Die alten Photovoltaik-Subventionen mit garantierten Preisen von bis zu 480 €/MWh in einem Markt von 40–50 €/MWh erklären, warum die Rechnung damals nicht sank. Heute ist die Photovoltaik ohne Subventionen wettbewerbsfähig, doch der Strompreis hängt weiterhin am Gas, das den Grenzpreis setzt.
Wasserkraft und Wasser: die Zahl, die irritiert
Eine der meist wiederholten Behauptungen im Thread lautet, Erneuerbare leerten die Stauseen. Der Bericht selbst widerlegt das: Die Wasserkraft trug 9,5 % zum Mix bei, mit 25.500 GWh – über dem Wert von 2022, aber unter denen von 2020 und 2021. Das heißt: Die Dürre hatte die Wasserkraftproduktion im Vorjahr auf historische Tiefstände gedrückt, und in diesem Jahr hat sie sich nur dank der gestiegenen Niederschläge teilweise erholt. Das Ursache-Wirkungs-Verhältnis läuft entgegengesetzt zur gängigen Behauptung: weniger Regen, weniger Wasserkraft – nicht umgekehrt.
Speicher, der eigentliche Engpass
Wo die Debatte recht hat, ist beim Speicherbedarf. Für höhere Erneuerbaren-Anteile braucht es Backup-Kapazität. In Spanien ist die einzige nennenswerte Speicherform heute die Pumpspeicherkraft. Natrium-Ionen-Batterieprojekte mit 50 €/kWh und 2.000 bis 4.000 Lebenszyklen klingen zunehmend nach dem fehlenden Baustein. Bis dahin bleibt Gas der natürliche Backup, und das spanische System ist mit GuD-Kraftwerken überdimensioniert, sodass es die Lücken decken kann, ohne alle Kraftwerke anzufahren.
Die zweite Baustelle ist die Alterung des Parks. Manche warnen, dass in den nächsten fünf Jahren ein Großteil der in der Subventionsära installierten Photovoltaik erneuert werden muss – mehr als eine Million Paneele. Und die Exportbilanz, im zweiten Jahr in Folge nahe 15.000 GWh, stößt an die begrenzte Interconnections-Kapazität mit Frankreich und Portugal.
Warum sinkt der Strompreis nicht, wenn die Hälfte erneuerbar ist?
Weil der Großhandelspreis von der teuersten Technologie bestimmt wird, die zur Deckung der Nachfrage nötig ist – in Spanien ist das weiterhin das gasbetriebene GuD-Kraftwerk. Erneuerbare kommen mit nahezu null Grenzkosten ins Netz und verdrängen die teuren Erzeuger, aber solange das Gas in Spitzenzeiten den Preis setzt, gibt der Markt die Senkung nicht vollständig weiter. Dazu kommen Netzentgelte, Umlagen und die Mehrwertsteuer. Die Paradoxe: Je erneuerbarer der Mix, desto billiger die Erzeugung – und desto weniger spürt man es auf der Rechnung.
Das Schlussbild ist für beide Lager unangenehm: Der Erneuerbaren-Anteil von 50,8 % ist eine unwiderlegbare Tatsache, und die Stromrechnung spiegelt ihn trotzdem nicht wider. Zwischen dem triumphalen Titel und dem „Das ist gelogen“ liegt ein Gebiet, das niemand besetzt: zu erklären, warum ein System, das die Hälfte seines Stroms emissionsfrei erzeugt, weiterhin einen Endpreis hat, der von importiertem Gas abhängt. Genau dort bleibt die Analyse stecken.
Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft.
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