Spanien: Arme fordern Lohnkürzungen

In Spanien fordern Arbeitnehmer Lohnsenkungen, während ihre Kaufkraft im Vergleich zur Vorgängergeneration um 90 % eingebrochen ist.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Spanien: Das Land, in dem die Armen nach Lohnkürzungen rufen

Die Szene wirkt wie ein schlechter Witz: Arbeitnehmer mit knappem Einkommen fordern ausdrücklich eine Senkung ihres Gehalts. Doch in Spanien ist dies nicht nur Realität, sondern hat sich in bestimmten Sektoren zu einem breiten Ruf entwickelt, der den Mindestlohn (SMI) für Inflation und Wettbewerbsverlust verantwortlich macht. Da der SMI seit 2005 real kaum gestiegen ist – damals lag er bereits bei rund 1.000 Euro – und die Lebenshaltungskosten allein in den letzten fünf Jahren um 30 % zugenommen haben, klingt der Vorschlag, Löhne zu senken, zumindest wie wirtschaftliche Häresie.



Das Paradox des SMI: Steigt er oder nicht?

Das Hauptargument der Befürworter einer SMI-Senkung lautet, dass hohe Löhne eine inflationäre Spirale auslösen. Die offiziellen Daten zeigen jedoch, dass die Kaufkraft der spanischen Arbeitnehmer drastisch gesunken ist. Bei einem aktuellen SMI von 1.080 Euro monatlich (14 Zahlungen) und einer kumulierten Inflation von 17 % seit 2018 ist die reale Kaufkraft niedriger als 2008. Ein 40-jähriger Ingenieur fristet sein Dasein in einer WG mit vier Fremden, weil er sich nichts anderes leisten kann, und ein wachsender Anteil der Haushalte benötigt familiäre Unterstützung, um über die Runden zu kommen. In diesem Kontext ist die Forderung nach Lohnsenkungen mindestens ein Zeichen dafür, dass man die Realität von 90 % der lohnabhängigen Bevölkerung ignoriert.

Der Schrecken der Lohn-Hyperinflation

Das Narrativ, dass „hohe Gehälter die Preise treiben“, hat sich in bestimmten wirtschaftsliberalen Strömungen festgesetzt, insbesondere bei Arbeitgeberverbänden. Es wird argumentiert, dass der spanische SMI (ähnlich dem slowenischen) für eine Volkswirtschaft mit geringer Produktivität zu hoch sei und dass seine Senkung Beschäftigung verbilligen und die Inflation bremsen würde. Dem hält eine andere Analyse entgegen, dass die wahre Ursache der Verteuerung nicht die Löhne sind, sondern die Immobilienspekulation – die den Wert von Wohnraum seit den 90er-Jahren verzehnfacht hat – sowie das Oligopol bei der Verteilung von Nahrungsmitteln und Energie. Während Mieten und Einkaufspreise explodieren, stagnieren die Nominallöhne. Für die meisten unabhängigen Ökonomen ist die Idee, dass Lohnsenkungen etwas lösen würden, ein Trugschluss, der nur dem konzentrierten Kapital zugutekommt.

Wer fordert die Kürzung? Das Profil der „Lohn-Toreros“

Im Volksmund werden Befürworter einer SMI-Kürzung oft als „Toreros“ oder „Palilleros“ bezeichnet – Begriffe, die auf eine wirtschaftspolitische Rechte anspielen, die Unternehmensmargen vor das Wohlergehen der Arbeitnehmer stellt. Man wirft ihnen vor, Spanien in ein Land mit Subsistenzlöhnen verwandeln zu wollen, wie sie bereits in der Schattenwirtschaft oder unregulierten Sektoren üblich sind. Die Ironie besteht darin, dass viele, die Lohnsenkungen fordern, angestellte Arbeitnehmer mit mittlerem Einkommen sind, die glauben, dadurch werde die Inflation sinken. Eine optische Täuschung: Wenn alle ihre Löhne senken, bricht die Nachfrage ein und die Preise könnten zwar moderater werden, aber die Rechnung zahlen die Schwächsten, während große Vermögen weiter wachsen.

Der verblüffende Fakt

Das entscheidende Argument liefert eine einfache Berechnung: Laut Daten des INE ist die Kaufkraft eines durchschnittlichen Arbeitnehmers in Spanien um 90 % geringer als die seines Großvaters im gleichen Alter, bereinigt um Inflation und Wohnkosten. Noch nie hat eine Generation so viel gearbeitet, um schlechter zu leben. In diesem Szenario eine Lohnkürzung zu fordern, ist nicht nur ein ökonomischer Fehler, sondern ein Akt freiwilliger Unterwerfung. Wie eine wiederkehrende Analyse betont: „Der SMI hindert Unternehmen nicht daran, 2.000 Euro zu zahlen; er hindert sie daran, 600 Euro zu zahlen.“ Die Entscheidung, eine Lohnsenkung zu verlangen, ist keine freie Wahl: Sie ist das Ergebnis jahrzehntelanger Propaganda, die dazu geführt hat, dass die Armen glauben, ihr Lohn sei das Problem, und nicht die Struktur von Preisen und Gewinnen.

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Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (158 Antworten).

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