Die russische Version von Selenskyjs Abreise, ohne Widerlegung
„Selenskyj ist abgehauen“ – dieser Satz gilt in weiten Teilen der Diskussion über den Krieg als gesetzt, und die Tatsache, die ihn stützt, ist kein Bild, kein Dokument und keine verifizierte Quelle: es ist das Schweigen. Wolodin, ein russischer Politiker, behauptete, der ukrainische Präsident habe Kiew am Samstag der Vorwoche verlassen. Das Portal, das die Behauptung verbreitete, der russische Staatssender RT, wurde von demjenigen, der sie streute, mit einem Vorbehalt präsentiert: Ich weiß, dass die Quelle nicht die zuverlässigste ist. Alles Weitere ist von da an Interpretation.
Das Ziel wechselt je nach Tag. Die einen sprechen von Polen, andere von London, wieder andere von einem goldenen Exil mit Zwischenstopp in Miami. Das Einzige, was in der Erzählung konstant bleibt, ist die Unterstellung, dass der Mann, der zum Widerstand aufruft, nicht mehr dort ist, wo er sagt, dass er ist.
Woher stammt die Behauptung, Selenskyj habe die Ukraine verlassen?
Der Ursprung ist eine Erklärung, die Wolodin zugeschrieben wird und die von einer Abreise am Samstag der Vorwoche spricht. Nichts weiter. Es gibt keine offizielle Meldung, keine Bestätigung durch Dritte, kein einziges Bild des angeblichen Trosses. Und dennoch passt die Geschichte zu dem, was ein Teil des Publikums hören wollte – und genau so funktionieren Kriegsgerüchte: Sie brauchen keinen Beweis, sie brauchen eine Passung.
Das am häufigsten wiederholte Gegenargument ist elementare Logik. Wäre die Abreise wahr, würde Moskau sie jede Minute wiederholen, um die Sarracena derer zu untergraben, die noch in den Schützengräben stehen; sie würde nicht in einer Agenturnote stecken bleiben. Diese Art zu argumentieren ist in solchen Fällen mehr wert als zehn Schlagzeilen, weil sie nicht vom guten Willen irgendjemandes abhängt.
Was Kiew verliert, wenn der Präsident das Land verlässt
Der Vergleich mit de Gaulle fällt, sobald London erwähnt wird: Der General führte den Widerstand aus dem Exil und kehrte schließlich zurück. Der Vergleich mit Guaidó folgt unmittelbar danach, und er ist der dominierende: ein Präsident, der von der halben Welt anerkannt wird, ohne echte Kontrolle über das Gebiet, das er zu regieren vorgibt. Auf der einen Seite das Exil als Instrument der Legitimität. Auf der anderen das Exil als Nachweis, dass die Legitimität erschöpft ist.
Eine der Nachrichten nennt einen Boxer mit öffentlicher Strahlkraft als möglichen Nachfolger, ohne weitere Angaben zu Ämtern oder Verfahren.
Es wird behauptet, Bürgermeister und lokale Kommandeure seien wegen Kapitulationsabsichten getötet worden
Der unbequemste Punkt der ganzen Angelegenheit ist nicht die angebliche Abreise des Präsidenten, sondern das, was in den Städten geschieht. Es wird behauptet, Bürgermeister und lokale Kommandeure seien hingerichtet worden, weil sie eine Kapitulation erwogen, um die Zivilbevölkerung zu retten – mit Darstellungen, die laut derselben Quelle von beiden Seiten übereinstimmen sollen. Bestätigt sich das – und wer die Angabe verbreitet, präsentiert sie als bestätigt –, stellt es das Produkt, das nach außen verkauft wird, in ein sehr schlechtes Licht: Die Bevölkerung soll bis zum Schluss Widerstand leisten, während die Entscheidungen weit entfernt getroffen werden.
Man sollte den Status dieser Behauptung klar benennen. Es gibt keine Namensliste, keine Zahlen, keine Stelle, die es bezeugt. Es ist eine Information, die im selben Paket kursiert wie die angebliche Abreise des Präsidenten und daher dieselbe Behandlung verdient: Überprüfung ausstehend. Unbestreitbar ist die Asymmetrie: In den Städten stirbt man, im Exil meint man.
Warum gibt es kein Video, das die Abreise widerlegt?
Hier liegt der Schlüssel zum Ganzen. Eine Botschaft vom Maidan-Platz, wie sie zu Beginn des Konflikts verbreitet wurden, würde genügen, um die Diskussion in zwanzig Sekunden zu beenden. Dieses Material ist nicht aufgetaucht. Und in Abwesenheit eines Bildes füllt jede Seite die Lücke zu ihren Gunsten: Die einen sprechen von Greenscreen und recycelten alten Aufnahmen; die anderen von einer Propagandaoperation, die vom Echo lebt.
Das Fehlen einer Widerlegung ist kein Beweis für die Abreise. Es ist höchstens eine Anomalie. Aber in einem Umfeld, in dem alle Information durch interessengeleitete Filter läuft – diskutiert wird eine Propagandakampagne auf beiden Seiten –, wiegt die Anomalie mehr als jede offizielle Erklärung.
Die, die bleiben: die Behauptung, Männer dürften das Land nicht verlassen
Während darüber gestritten wird, ob ein Mann die Grenze überquert hat, wird darauf verwiesen, dass Männern im wehrpflichtigen Alter die Ausreise verboten ist. Den Nachrichten zufolge ist die Maßnahme das genaue Gegenstück zur Meldung: Für den Durchschnittsbürger gibt es kein Exil. Und manche Nachrichten gehen weiter und beschreiben die Lage mit einer Schärfe, die keine Nuancen zulässt: Wer wirklich kämpfen wollte, fand Ausreden, als es so weit war; wer hinauswollte, fand eine geschlossene Grenze.
Das Angebot für Ausländer, das in der Diskussion erwähnt wird, verlangt ein Alter zwischen 18 und 47 Jahren sowie eigenen Helm und eigene Uniform. Auf der anderen Seite wird behauptet, nur Freiwillige mit nachgewiesener Militärerfahrung würden akzeptiert. Jede Armee kauft das Menschenmaterial, das sie bekommen kann, und die Erzählung dazu ist immer dieselbe: Heldentum für den, der bleibt, Feigheit für den, der geht.
Wenn der ukrainische Präsident in den nächsten Tagen nicht live auftritt, wird sich der Zweifel durch reine Trägheit festigen, ohne dass jemand einen Beweis in irgendeine Richtung vorgelegt hätte. Und wenn er auftritt, wiederholt sich der Mechanismus mit dem nächsten Gerücht, denn der Zyklus der Kriegsinformationen macht keine Pause. Mit einem Unterschied: Jede gescheiterte Überprüfung hinterlässt einen Rückstand, der schwerer rückgängig zu machen ist als die Lüge, die ihn ausgelöst hat. Wahrscheinlich klärt sich nichts auf. In einem solchen Konflikt ist das erste Opfer immer die Überprüfung.
Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft.
Die ganze Diskussion lesen (100 Antworten).