RAND-Studie: Russische Atomschläge auf London, Berlin und Warschau

Ein RAND-Szenario sieht nukleare Angriffe auf NATO-Länder nach dem Ukraine-Krieg vor. Die Abschreckung macht dies unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

RAND-Studie: Russische Atomschläge auf London, Berlin und Warschau
RAND skizziert russische Atomschläge auf London, Berlin und Warschau

Das US-Think-Tank RAND Corporation entwirft ein Szenario, in dem der Krieg in der Ukraine mit russischen Sprengköpfen auf Großbritannien, Deutschland und Polen endet. Diese These, die jahrelang im spanischsprachigen digitalen Raum kursierte, wirft die unbequeme Frage auf: Hält die atomare Abschreckung einem echten Konflikt stand oder zieht die erste Detonation den gesamten Planeten hinein? Niemand hat eine klare Antwort. Weder innerhalb noch außerhalb des Berichts.

Das Drehbuch beginnt mit einem abgeschossenen Flugzeug über Litauen

Das Szenario geht von einer Fehlwahrnehmung aus: Moskau glaubt, dass die NATO ihre Nordostflanke für einen Angriff verstärkt. Daraufhin wird ein nicht-konventioneller Konflikt ausgelöst, der sich intensiviert. Als ein russisches Flugzeug über Litauen abgeschossen wird, verhängt Russland eine De-facto-Flugverbotszone über Teile Polens und Litauens und mobilisiert Bodentruppen. Laut dem Drehbuch mündet das Ende in eine nukleare Konfrontation mit London, Berlin und Warschau als Zielen.

Hier entsteht der erste Riss. Einige Analysen argumentieren, dass die russische Armee in der Ukraine enorm abgenutzt wurde und eine großangelegte Eskalation am Boden heute undenkbar wäre. Dieser gleiche Verschleiß ist jedoch auch das Gegenargument: Wer konventionell nicht gewinnen kann, greift oft zur nuklearen Erpressung. Die Logik beißt sich in den Schwanz.

Warum die gegenseitige Abschreckung dies verhindern sollte

Das häufigste Argument ist die „gegenseitig gesicherte Vernichtung“ (Mutually Assured Destruction). Ein Angriff auf Großbritannien öffnet die Büchse der Pandora. London verfügt über rund 200 Sprengköpfe, und das britische Arsenal ist auf U-Booten stationiert, die nicht vom Festland abhängen, um einen Erstschlag zu überleben. Ein russischer Angriff auf britisches Territorium würde Vergeltungsmaßnahmen auslösen, die zusätzlich Frankreich und die USA einbeziehen – und damit einen großen Teil der Welt, einschließlich Regionen, die niemand mit diesem Konflikt verbindet.

Es ist das klassische Paradoxon: Wer zuerst feuert, unterschreibt sein eigenes Todesurteil. Die einzige Doktrin, die das Gleichgewicht aufrechterhielt, war genau die Gewissheit, dass es keinen Gewinner geben kann.

Trotz allem sieht das Szenario taktische Sprengköpfe vor, keinen vollständigen strategischen Austausch. Diese Unterscheidung ist wichtig. Wer einen taktischen Schlag führt, glaubt, dass der Gegner nicht mit voller Wucht antwortet. Und hier wird die Analyse fragil.

Der beunruhigende Detailpunkt: Rota und Gibraltar auf der Liste

Der Fokus endet nicht in Mitteleuropa. Bei der Suche nach Zielen weisen einige darauf hin, dass Gibraltar aufgrund seiner Rolle als Basis für britische Atom-U-Boote ein Kandidat ist, und Rota wegen der dortigen Präsenz der US-Marine. Mit Berechnungen zu Flugbahnen, Schiffen und Familien auf dem Tisch wird die Frage nicht mehr geopolitisch, sondern persönlich: Wohin fliehen, um nicht direkt betroffen zu sein?

Diese Art der Ableitung verwandelt eine theoretische Annahme in eine persönliche Angelegenheit. Es ist auch der Grund, warum dieses Thema so leidenschaftlich diskutiert wird.

Wer profitiert, wenn Europa brennt

Eine Strömung vertritt die offensichtliche Ansicht: Ein durch nukleares Feuer verwüstetes Europa würde den Kontinent seinem natürlichen Konkurrenten übergeben. Mit dem deutschen Aktienmarkt im freien Fall, dem Euro am Rand des Kollapses und großen Unternehmen, die ihren Sitz über den Atlantik verlagern, würden Kapital und Firmen dorthin flüchten, wo der Boden nicht glüht und das Meer nicht schmerzt. Die USA würden unversehrt aus dem Konflikt hervorgehen und in der nächsten Runde sogar als Pazifisten auftreten.

Andere Analysen deuten auf einen rationaleren Ansatz hin: Demilitarisierung der Ostflanke, Wiederherstellung der Zusammenarbeit zwischen Russland und Europa sowie Isolierung Chinas, des wahren Konkurrenten. Das wäre logisch und kostengünstig. Das Problem ist, dass es nicht denen zugutekommt, die diese Berichte finanzieren.



Das RAND-Szenario zirkuliert bereits in Büros und Kanälen weltweit wie ein feststehendes Drehbuch. Ist es aber nicht. Ein Think-Tank sagt keine Zukunft voraus: Er zählt Möglichkeiten auf und macht sie zum Spielfeld für seine Leser. Die Frage ist nicht, ob das Szenario eintreten wird, sondern warum es interessant ist, es als unvermeidlich darzustellen.

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Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (142 Antworten).

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