Sätze, die lügen: vom 10-Prozent-Hirn-Mythos bis „Arbeit adelt“

Vom 10-Prozent-Hirn-Mythos bis „Arbeit adelt“: die Floskeln, die man gedankenlos wiederholt und die die Realität täglich widerlegt.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Sätze, die lügen: vom 10-Prozent-Hirn-Mythos bis „Arbeit adelt“
Sätze, die lügen: vom 10-Prozent-Hirn-Mythos bis „Arbeit adelt“

Ein Mann schläft an einem Geldautomaten. Ein anderer steckt ihn aus Spaß in Brand. Die Szene, die jeder in jeder spanischen Stadt erleben könnte, zerstört schlagartig eines der meist wiederholten Klischees: dass Menschen, die nichts mehr zu verlieren haben, gefährlich seien. Obdachlose, so das Argument, seien die verwundbarsten Menschen, nicht die gewalttätigsten. Sie seien diejenigen, die Angst vor anderen haben. Die Floskel ist, wie so viele andere, eine Lüge.

Die Liste der falschen Schlagworte, die in den letzten Monaten in Foren und sozialen Medien kursieren, ist lang. Manche sind wissenschaftliche Mythen: Wir nutzen nur 10 Prozent unseres Gehirns, Stiere hassen die Farbe Rot, Kaugummi braucht sieben Jahre zur Verdauung. Andere sind ökonomische Parolen: Geld macht nicht glücklich, Arbeit adelt, der Kunde ist König. Und andere schlicht politische Propaganda: Spanien geht es gut, ich werde nicht auf 5 % erhöhen, mit Bildu werde ich niemals paktieren. Die Liste wächst weiter.

Der 10-Prozent-Mythos und andere Gerüchte, die überleben

Die Wissenschaft widerlegt mit Daten, was seit Jahrzehnten von Mund zu Mund geht. Wir nutzen praktisch alle Bereiche des Gehirns, sogar im Schlaf. Stiere sind rot-grün-blind: Sie reagieren auf die Bewegung des Capes, nicht auf die Farbe. Kaugummi klebt nicht am Darm und braucht auch nicht sieben Jahre zur Verdauung. Das sind harmlose Lügen, aber eben Lügen – und sie zeigen, wie leicht sich eine Unwahrheit im kollektiven Bewusstsein verankern lässt.

Kompliziert wird es, wenn der Hoax die Gesundheit betrifft. Es gibt keine Studie, die bewiesen hat, dass Impfungen keinen Autismus verursachen, wird sogar behauptet – eine Umkehrung der Beweislast, die WHO, FDA und CDC kurzerhand als gesteuert abtut. Die Behauptung, die am Rand kursiert, ist wissenschaftlich nicht belegt: Studien, die Impfungen mit Autismus in Verbindung brachten, wurden zurückgezogen oder widerlegt. Doch die Floskel, bis zum Überdruss wiederholt, findet weiterhin Echo.

Geld macht nicht glücklich: die Manipulation der Erzählung

Manche Sätze sind nicht nur falsch, sie verbergen eine Absicht. Geld macht nicht glücklich impliziert etwas, das nicht gesagt wird: dass wer kein Geld hat, sich damit zufriedengeben soll. Das Argument, in der Diskussion klar dargelegt, lautet, dass es eine Manipulation ist, damit sich diejenigen mit wenig damit abfinden, im Park Sonnenblumenkerne zu knacken. Bis zu einem gewissen Punkt verbessert Geld durchaus die Lebensqualität und reduziert Stress. So, wie der Satz verwendet wird, ist er irreführend.

Genauso verhält es sich mit Arbeit adelt. Zwei Floskeln, diese und die von der Unwissenheit als Glück, hätten mehr Leben zerstört als so manche Wirtschaftskrise, heißt es. Arbeit, die prekär, schlecht bezahlt oder schlicht ausbeuterisch ist, adelt nicht: Sie zermürbt. Der Satz, von der Kanzel und aus dem Chefzimmer wiederholt, dient dazu, das Unjustifizierbare zu rechtfertigen.

Die Zeit setzt jeden an seinen Platz: die Lotterie des Erfolgs

Der nächste große Satz. Die Zeit setzt jeden an seinen Platz funktioniert nur, solange der Nachbar schlechter dasteht. Wenn der Nachbar mit vierzig einen weit größeren Erfolg vorweisen kann, ist das Argument verbraucht. Verdienst, so das Argument, sei nicht nur eine Frage der Anstrengung: Das Startkapital, mit dem jeder beginnt, bestimmt die Obergrenze, bis zu der er gelangen kann. Die Selbstgemachten, so die Kritik, hätten den Kleiderschrank voller Leichen.

Karma und immanente Gerechtigkeit werden genauso abgehandelt. Das Karma holt dich schon ein ist ein Versprechen, das sich nicht erfüllt: Es gibt hartnäckige Widerlinge, die friedlich und umgeben von ihren Lieben sterben. Die Floskel ersetzt die Analyse durch Hoffnung. Und Hoffnung ist in der Wirtschaftspolitik ein schlechter Ersatz für Daten.

Reden bringt einander zur Verständigung: der Mythos des Dialogs

Der Satz, bei jedem Konflikt wiederholt, stimmt in den meisten Fällen nicht. Ein Blick in die sozialen Medien genügt: Die Leute gehen sich an die Gurgel, und die meisten Gespräche bestehen darin, den Gegner zu erniedrigen und zu verachten. Reden bringt nur einen sehr kleinen Teil der Menschen zur Verständigung, und auch nur manchmal. Der Dialog funktioniert, wenn der Wille zur Einigung vorhanden ist; fehlt er, ist es Theater.

Der Mythos des Dialogs wird ergänzt durch den der Gleichheit vor dem Gesetz. Alle sind vor dem Gesetz gleich klingt schön und wird von der Realität täglich widerlegt: Die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit bestimmt den Zugang zur Justiz, und nicht alle Straftaten werden mit gleicher Intensität verfolgt. In einem Politiker Mund ist der Satz eine Absichtserklärung, keine Beschreibung der Realität.

Politische Propaganda als Schlagwort verkleidet

Die politische Liste ist die aufschlussreichste. Ich könnte nicht schlafen, wenn Podemos regiert, mit Bildu werde ich niemals paktieren, ich werde nicht auf 5 % erhöhen. Alle wurden als Zusagen ausgesprochen, und alle wurden von den Fakten oder vom Lauf der Zeit widerlegt. Die politische Floskel hat ein Verfallsdatum: Sie gilt, bis das Gegenteil nützlich ist.

Es gibt auch welche, die die Realität auf den Kopf stellen: Franco verübte einen Putsch wird als Selbstverständlichkeit präsentiert, doch manche bestreiten es; die PSOE ist eine Arbeiter- und spanische Partei wird wie ein Dogma wiederholt, während die Partei ihre Wählerschaft wechselt. Und der jüngste Satz: Die Einwanderer kamen her, um unsere Renten zu bezahlen. Der Satz, als ökonomisches Argument gebraucht, ignoriert, dass auch Migranten altern und dass ihr Nettofiskalbeitrag von vielen Faktoren abhängt.

Der Abschluss: der Satz, der aufrüttelt

Die Floskel ist das Schmerzmittel des Denkens. Sie lindert den Schmerz des Nachdenkens, heilt aber die Krankheit nicht. Und einer fasst alle anderen zusammen: Wissen nimmt keinen Platz weg. Deshalb, so die Ironie, steckt man dich gleich nach der Geburt für zwanzig Jahre in eine Schule, und du kommst als Stoffpuppe heraus, die nur noch die bunten Papiere will, die ihre Sklavenhalter drucken. Der Satz ist, wie fast alle, eine Lüge. Wissen nimmt durchaus Platz ein: Es nimmt den Platz ein, den man anderen Dingen nicht mehr widmet. Und das ist, in einer Welt voller Floskeln, genau das, was niemand hören will.

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Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (106 Antworten).

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