Satanismus als Symptom: Wenn Ökonomie zur Theologie wird

Ein Wirtschaftsthread entwickelt sich zu einer theologischen Debatte über Satan, NWO und Musk. Ein Zeichen für die Unüberschaubarkeit der aktuellen Krise.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Satanismus als Symptom: Wenn Ökonomie zur Theologie wird
Satan als Symptom: Wenn Ökonomie zur Theologie wird

In einem Unterforum für Wirtschaft ist ein Beitrag mit 696 Tagen Alter und 105 Antworten zu einer Abhandlung über das Böse mutiert. Der Titel sagt alles: „Es ist die Zeit unseres Herrn Satans und wir müssen ihm folgen“. Es ist keine Nachricht, es ist ein Symptom. Während benachbarte Threads die Inflation (IPC), den Euribor oder Zwangsräumungen sezieren, wird hier diskutiert, ob der Widersacher – so bedeutet Satan im Hebräischen, wie in einer Nachricht erklärt – die EZB, die Regierung oder der Nachbar im fünften Stock ist. Die Paradoxie besteht darin, dass die meistgelesene wirtschaftliche Diskussion der letzten Woche nicht über Zinssätze handelte, sondern über angewandte Theologie.

Satanismus als Rahmen für ökonomische Analyse

Die Diskussion beginnt mit einer provokanten Aussage: „Heute habe ich Satan verärgert“. Von dort an verwandelt sich der Thread in ein säkulares Beichtstuhl-Gespräch, in dem jeder seine Ängste projiziert. Ein Teilnehmer definiert Satan als „Widersacher oder Feind“ und fügt hinzu: „So wie ein Kalb oder Lamm, wenn es zum Schlachthof geht, nicht weiß, wer sein Feind ist, sind auch wir nicht näher dran“. Die Metapher ist ökonomisch: der Markt als Schlachthof, der Bürger als Vieh. Eine andere, doktrinärere Nachricht behauptet, dass „der echte Satanismus darin besteht, dem Beispiel Luzifers zu folgen, des gefallenen Engels, der glaubte, Gott zu sein“, und dass Satanisten „glauben, der Mensch könne danach streben, ein Halbgott unendlicher Weisheit zu werden, die Natur und die Pläne des Universums zu kontrollieren, ohne etwas oder jemanden über sich“. Gelesen im finanziellen Kontext, klingt dies nach einem Handbuch für aggressives Investieren.

Rechte Patrioten und der satanische NWO

Der Thread driftet in die Politik ab, mit einer Ironie, die sich selbst beißt: „Warten Sie, bis die patriotische Rechte uns vor dem satanischen NWO rettet“. Die Nachricht enthält einen Tweet – dessen Inhalt aus Vorsichtsgründen hier nicht wiedergegeben wird – und schließt ab: „Ah. Ups. Also auch nicht hehe“. Die implizite Schlussfolgerung ist, dass weder die eine noch die andere Seite vom Bösen befreit. Parallel dazu urteilt ein anderer Teilnehmer: „Musk ist der größte Subventionsempfänger dieser Welt, aber zynisch schreit er Freiheit“. Die Kritik am Unternehmer als messianischer Figur vermengt sich mit Misstrauen gegenüber dem offiziellen Narrativ, egal welches es ist.

Warum endet ein Wirtschafts-Thread beim Teufel?

Die Antwort liegt im Kontext: 266 neue Threads innerhalb von 36 Stunden im selben Unterforum. Die meisten betreffen die DANA-Katastrophe in Valencia, Gerüchte, Mazón, Forata, Freiwillige. Wenn die Aktualität unüberschaubar wird, greift das Forum auf die Metaphysik zurück. Eine Nachricht fasst es zusammen: „Jetzt, wo Chaos herrscht, seid ihr ruhiger“. Der Satz, zugeschrieben einem vermeintlichen Dämon, beschreibt die Stimmung gut: Die Ökonomie erklärt nichts, also tritt Satan auf. Ein anderer Teilnehmer liefert die akademische Definition: „Satan = Widersacher oder Feind“. Das heißt, der Andere. Derjenige, der den Euribor erhöht, der die Fabrik schließt, der nicht vor der Flut gewarnt hat.

Gut gegen Böse, Foren-Version

Gegen Ende verschärft sich der Ton. Eine Nachricht behauptet: „Wir werden euch besiegen“. Die Antwort kommt sofort: „Wir? Wer seid ihr 'wir'?“. Der Austausch degeneriert zu Beschimpfungen, die wir nicht wiedergeben. Die theologische Diskussion wird tribalistisch. „Die Läusigen sind die Roten“, sagt einer. „Es steht geschrieben, ich glaube, ich muss dir nichts erklären“, fügt ein anderer hinzu. Die biblische Referenz wird als Wurfgeschoss genutzt. Mitten drin fragt jemand: „Gibt es einen Unterschied zwischen Kommunist und Sozialist?“. Die Antwort, in Großbuchstaben: „Auf der Erde gab es nie einen echten kommunistischen Staat. Was man unter Kommunisten versteht, ist alles für das Volk, aber ohne das Volk“. Die politische Ökonomie kehrt zu ihren Ursprüngen zurück.

Die Berechnung, die niemand aufschlüsselt

Jenseits der Theologie enthält der Thread eine Analyse, die Aufmerksamkeit verdient: die Idee, dass Satanismus eine Metapher für den räuberischen Kapitalismus ist. „Der Mensch kann danach streben, ein Halbgott unendlicher Weisheit zu werden, die Natur und die Pläne des Universums zu kontrollieren, ohne etwas oder jemanden über sich“. Das ist, Wort für Wort, die Definition des Homo oeconomicus. Die vollständige Berechnung, Posten für Posten aufgeschlüsselt, würde für eine Abhandlung reichen: Wenn der Markt Gott ist, ist Gewinn die Erlösung und Insolvenz die Hölle. Niemand sagt es so, aber man ahnt es.



Ist Satan die EZB, der IWF oder der Vermieter deiner Wohnung? Der Thread klärt es nicht. Er bleibt im Schützengraben, zwischen „Kehrt um“ und „Widersteht nicht“. Das Einzige, was sicher ist, ist, dass 696 Tage später immer noch jemand Satan ärgert. Und es erzählt.

Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (105 Antworten).

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