Russlands Wachstum übertrifft die EU trotz hoher Zinsen

Russland wächst 2024 um geschätzte 3 % bei 15 % Leitzins, während Deutschlands energieintensive Industrie um 12,2 % einbricht.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Russlands Wachstum übertrifft die EU trotz hoher Zinsen
Russland wächst dreimal so schnell wie die EU – Deutschland zahlt für teures Gas

Russland wächst dreimal so schnell wie die Europäische Union. Das ist in der Wirtschaftspresse zu lesen und stimmt auch, aber es ist eine Vergleichsfalle: Das Land führt einen groß angelegten Krieg mit Leitzinsen von 15 % und einer Wachstumsprognose von 3 % für 2024, während der europäische Industriemotor unter den Energiepreisen leidet. Es geht nicht darum, ob die Zahl gut oder schlecht ist. Sondern darum, was sie misst.

Was steckt hinter Russlands Wachstum bei 15 % Zinsen?

Ein offizieller Zinssatz von 15 % und ein Wachstum von 3 % sind keine Kombination, die man täglich sieht. Manche lesen diesen Cocktail als Zeichen einer durch Staatsausgaben und Emissionen stimulierten Wirtschaft, in der die Investitionsgüterindustrie dank eigener, billiger Rohstoffe auf Hochtouren läuft. Ähnlich wie die USA im Zweiten Weltkrieg, lautet diese Deutung. Die andere Hälfte der Analyse vermutet das Gegenteil: dass das Wachstum auf Kriegsanstrengungen und Geld beruht, das nicht dort liegt, wo es scheint.

Deutschland bezahlt hohe Energiepreise mit industrieller Produktion

In Deutschland bewegen sich die Zahlen in die entgegengesetzte Richtung. Der Verbrauch sank 2022 um 15 % und bis zum Jahresverlauf kamen weitere 8 % Rückgang hinzu. Die Produktion energieintensiver Industrien ging im Juni 2023 um 12,2 % gegenüber dem Vorjahr zurück – obwohl sie im Monatsvergleich um 1,1 % stieg –, wie zitierte Bundesdaten zeigen. Übersetzt: Fabriken, die große Mengen Gas benötigen, drosseln ihre Aktivität, und jene, die können, verlagern sie.

Das Kernargument ist einfache Buchhaltung. Die deutsche Industrie funktionierte mit billigem Pipeline-Gas; nun kauft sie teureres Gas aus den USA, Katar oder Norwegen. Weniger Marge, weniger Wettbewerbsfähigkeit gegenüber China und den USA selbst. Wer behauptet, die europäische Energiepolitik sei ein Fehler gewesen, muss nicht übertreiben. Er braucht nur die Rechnung von 2021 mit der heutigen zu vergleichen.

  • Verbrauch in Deutschland: -15 % 2022 und -8 % akkumuliert danach
  • Energieintensive Produktion: -12,2 % YoY im Juni 2023
  • Zinsen in Russland: 15 %, mit geschätztem Wachstum von 3 %

Der Markt, den Russland verlor, und den Europa nicht gewann

Russland hat einen Markt verloren, der dreimal größer ist als seine Bevölkerung; Europa einen, der dreimal kleiner ist. Jede Seite zieht daraus ihre eigene Schlussfolgerung. Rohstoffexporte sind kein Selbstläufer – Venezuela, Algerien oder der Kongo leben davon, ohne aus der Armut herauszukommen –, aber es macht einen Unterschied, ob man Öl und Gas verkauft, die immer Abnehmer finden, oder Autos. Die Russen platzieren ihre Produktion jetzt in China und Indien mit Rabatt, ja, aber mit Volumen.

Die andere Seite ist die europäische. Den Verzicht auf 150 Millionen Kunden schlagartig zu kompensieren, hat Kosten, und ganze industrielle Lieferketten durch Eigenproduktion zu ersetzen, dauert länger als zwei Geschäftsjahre. Der Arbeiter in einer russischen Autofabrik und der in einem deutschen Werk spielen nicht dasselbe Spiel: Einer produziert für einen stimulierten Binnenmarkt, der andere hängt vom Export ab, wobei die Energiekosten seine Marge auffressen.

Warum kommen keine Unternehmen und Fachkräfte nach Russland?

Das unbequemste Gegenargument zur Erzählung vom russischen Paradies ist die Evidenz: Man sieht keine multinationalen Konzerne, die sich ansiedeln, und keine Ströme von Fachkräften, die dorthin ziehen. Die russische Bürokratie ist umfangreich und erschwert ausländischen Unternehmern den Einstieg, während andere Länder mit Visa-Programmen für digitale Nomaden konkurrieren. Das Fehlen dieses Flusses deutet laut dieser Lesart auf mangelnde Garantien und Vertrauen hin.

Die Antwort lautet, dass ein kapitalistisches System nicht daran gemessen wird, wie viele Expats es anzieht. In Russland gibt es Unternehmen, Börsen und einen funktionierenden Privatsektor, mit der Besonderheit, dass Teile des ehemaligen ausländischen Kapitals in lokale Hände übergingen. Dass der Westen dies nicht sieht, bedeutet nicht, dass es nicht existiert, heißt es oft. Und hier stockt das Gespräch: Einige fordern konkrete Zahlen, andere weichen ihnen aus.

Protektionismus, China und die Versuchung der Importsubstitution

China taucht in fast allen Aspekten dieser Thematik auf. Es wird als Wirtschaft mit selektiver Liberalisierung und technokratischer Planung beschrieben, ein Hybridmodell, das nicht in gängige ökonomische Schulen passt und das mit staatlicher Kontrolle über Kredit und Industrie gewachsen ist. Daraus ergibt sich die Diskussion über Protektionismus als Rezept, erinnert an die Tatsache, dass England, die USA, Deutschland, Japan und Südkorea Zölle und Schutzmaßnahmen nutzten, bis sie eigene Industrien aufgebaut hatten. Das Problem bei der Kopie dieses Handbuchs ist, dass es etwas erfordert, was Europa heute nicht hat: Zeit und billige Energie.

Mit diesen Voraussetzungen ist die vernünftigste Prognose für 2024 eher unspektakulär. Wenn die Energiepreise nicht sinken, wird die energieintensive europäische Industrie weiter schrumpfen und das Wachstumsgefälle bestehen bleiben. Russland wird die Daten weiterhin in den Schlagzeilen präsentieren, mit seinen 15 % Zinsen und seinem 3 % Wachstum im Gepäck. Bis jemand erklärt, wie dieses Wachstum berechnet wird, oder bis der Krieg die Buchhaltung nicht mehr verdeckt.

Auch verfügbar auf: English

Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (169 Antworten).

Weitere Zusammenfassungen

Alle Zusammenfassungen auf Deutsch →

Volver