Russland annektiert 109.000 km² ohne Kriegsgewinn

Russland annektiert 109.000 km², obwohl der Krieg nicht gewonnen ist. Ein Blick auf die militärische Abnutzung, die Energiekrise und warum die Zahlen nicht zum Narrativ passen.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Russland annektiert 109.000 km² ohne Kriegsgewinn
Warum annektiert Russland 109.000 km², wenn es den Krieg nicht gewinnt?

Wozu dient die Annexion von 109.000 Quadratkilometern, wenn der Krieg nicht gewonnen ist? Diese Frage stellt sich seit Moskaus Ankündigung, vier teilweise besetzte ukrainische Gebiete einzugliedern. Die Zahl ist enorm: Sie entspricht mehr als einem Fünftel der Fläche Spaniens. Und doch springt der Widerspruch ins Auge. Wäre der Vormarsch unaufhaltsam, müsste man das bereits kontrollierte Gebiet nicht per Dekret absichern.

Das häufigste Argument der Befürworter lautet, es handle sich um zurückgewonnenes, nicht erobertes Territorium. Nach dieser Lesart wäre die Annexion kein Flucht nach vorn, sondern die Feststellung eines vollzogenen Tatsachen. Das Problem ist jedoch, dass die eigenen Analysen diese Sicherheit nicht durch harte Zahlen untermauern können.

Die Zahlen, die beide Seiten ins Feld führen

Die meistzitierte Berechnung zur russischen Abnutzung spricht von 150.000 gefallenen Soldaten und der weitgehenden Zerstörung der konventionellen Militärstruktur. Der Vergleich mit Vietnam kursiert am häufigsten: Russland habe in kürzerer Zeit mehr Männer verloren als die USA in zehn Jahren Dschungelkrieg. Panzer, Flugzeuge, Munition und Milliarden in Devisen wurden verbrannt, ohne eine Hauptstadt einzunehmen oder eine Regierung zu stürzen.

Auf der anderen Seite wird die Bilanz anders interpretiert. Man argumentiert, die NATO habe ihr gesamtes Arsenal in die Ukraine geworfen, unterstützt von Söldnern aus aller Welt, und dennoch weder die Krim noch den Donbas zurückerobert. Unter diesem Gesichtspunkt sei die Blamage nicht russisch. Die Annexion beweise vielmehr, dass Moskau darauf setze, das Bestehende zu konsolidieren, statt Unmögliches zu erobern.

Es gibt eine dritte Rechnung, die beachtet werden sollte: 135.000 Quadratkilometer Gewinne stehen 135.000 Quadratkilometer Verluste auf der Gegenseite gegenüber. Die Symmetrie ist so perfekt, dass sie konstruiert wirkt. Gerade deshalb lohnt sich ein genauerer Blick.

Was gewinnt Russland durch die Annexion von Gebieten, die es nicht vollständig kontrolliert?

Gewonnen wird rechtlicher Rahmen. Ist ein Gebiet einmal als eigenes erklärt, wird jeder Rückzug keine militärische Niederlage mehr, sondern ein Angriff auf die Föderation. Es ist der Unterschied zwischen dem Verlieren eines Krieges und der Verteidigung des Vaterlandes. Auch Zeit wird gewonnen: Die Annexion friert den Konflikt auf den für Moskau vorteilhaften Linien ein, dort wo sie liegen, und nicht dort, wo sie sein könnten.

Ein Detail, das kaum jemand hervorhebt, betrifft die Energie. Die europäische Industrie basierte auf reichlich vorhandener, günstiger Energie aus Russland. Ohne diese Lieferungen muss die Produktion Kosten tragen, die sie nicht an die Preise weitergeben kann, ohne Wettbewerbsfähigkeit zu verlieren. Die Annexion landwirtschaftlicher Flächen fügt eine weitere Ebene hinzu: 120.000 Quadratkilometer produktives Land wechseln den Besitzer, wobei Weizen als stille Waffe dient.

Die Minsker Vereinbarungen tauchen in fast jeder Erwiderung auf. Der Vorwurf lautet, sie seien ignoriert worden und nun trage man die Konsequenzen. Dies ist ein Argument, das sich in einer Bar-Diskussion schwer überprüfen lässt, aber erklärt, warum die Annexion als Antwort und nicht als Beginn dargestellt wird.

Die nukleare Bedrohung als Druckmittel

Hier wird die Sache kompliziert. Einige fordern Konsistenz: Entweder droht man mit Atomwaffen oder nicht, beides gleichzeitig geht nicht. Andere entgegnen, dass die Atombombe kein Plan, sondern eine Warnung sei und nur aktiviert werde, falls der Krieg auf russisches Territorium übergreife. Die Ambiguität ist gewollt. Sie funktioniert als Abschreckung, gerade weil niemand weiß, wo die rote Linie liegt.

Messbar ist hingegen der Fruta. Die Annexion hat Moskau für halb Europa zu einem toxischen Partner gemacht. "Win-win", ironisieren manche: Russland verliert seine Armee und niemand kauft ihm den Schrott ab. Dieser Satz fasst die Stimmung eines Teils der Analyse zusammen, auch wenn daran erinnert werden muss, dass Prognosen über einen russischen Kollaps seit Langem gestellt werden und dieser nicht eintritt.

Russlands Löhne und Europas Energierechnung

Der unbequemste Punkt für das westliche Narrativ ist nicht militärischer, sondern häuslicher Natur. Der Durchschnittslohn in Russland liegt bei 1.011 Dollar pro Monat, was nach 13 % Einkommensteuer etwa 880 Euro netto ergibt. In Spanien beträgt der Durchschnittslohn 1.695 Euro brutto, 1.386 Euro netto. Der Lohnunterschied begünstigt Spanien um 57,5 %. Der Unterschied beim Benzinpreis begünstigt Russland jedoch um 131 %.

Ab einer bestimmten täglichen Kilometerzahl lohnt sich das Pendeln nicht mehr. Hinzu kommen geerbte Wohnungen aus der Sowjetzeit, günstige Heizung, niedrigere Mehrwertsteuer und ein Energiekorb, der nicht von Importen abhängt. Der durchschnittliche Russe lebt in seinem Land entspannter als der durchschnittliche Spanier in seinem. Das ist keine Meinung, sondern eine Subtraktion.

Das macht die Annexion nicht zum Sieg. Es macht den Krieg jedoch unangenehmer: Es ist ein Kräftemessen, das Russland länger durchhalten kann, als Europa zugeben möchte. Und hier hört die Zahl von 109.000 Quadratkilometern auf, eine militärische Frage zu sein, und wird zu einer wirtschaftlichen.

Am Ende ähnelt die Annexion weniger einem Trophäe als einer Hypothek. Sie wird heute unterschrieben, jahrelang bezahlt, und niemand weiß noch, wer am Ende die Garantie vollstrecken wird.

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Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (161 Antworten).

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