Warum die russische Staatsverschuldung nur 16 % des BIP beträgt
Die Paradoxie ist unbequem. Das Land, das seit Jahren am Rande des Kollapses gezeichnet wird, weist eine Staatsverschuldung von rund 16 % seines BIP auf, während Spanien mit 120 % zu kämpfen hat. Und als wäre das nicht genug, ist es der größte Erdölproduzent der Welt. Mit einer solchen Visitenkarte zu behaupten, die russische Wirtschaft sei einfach arm, erfordert deutlich mehr Erklärungen als üblich.
Die Ausgangsfrage ist nicht akademisch: Wen schädigen die Wirtschaftssanktionen wirklich? Die These, die die gesamte Diskussion überschwebt, lautet, dass das dominante Narrativ – Russland als ruiniertes und abhängiges Land – eher Propaganda als Zahlen widerspiegelt. Wer sich mit dem Thema befasst, fordert, diese Mythen zu entkräften und die Daten ohne Vermittler zu betrachten. Das Problem ist, dass die Daten mindestens zwei Lesarten zulassen, und beide haben Argumente.
Wie hoch ist Russlands Verschuldung im Vergleich zu Spanien oder Venezuela?
Der Verschuldungsgrad fungiert als Schlagzeile für das gesamte Thema. Im Gegensatz zu den 16 % in Russland lastet auf Spanien eine Quote von 120 %, und Venezuela, mit den größten Erdölreserven der Welt, liegt bei 26 %. Manche ziehen daraus die direkte Schlussfolgerung: Zwischen einem Land, das wenig schuldet, und einem, das viel schuldet, ist das erstere besser, unabhängig davon, wie viele High-End-Smartphones die Menschen besitzen. Sie fügen hinzu, dass wer viele Dinge besitzt, verschuldet lebt, während der andere seine Kinder nicht belastet.
Das Gegenargument ist nicht weniger ernst. Eine niedrige Verschuldung kann auch bedeuten, dass die Wirtschaft nicht genug Vertrauen weckt, um Kredite zu erhalten, und dass das Finanzsystem durch die politische Macht domestiziert wurde. Nach dieser Lesart sind die 16 % keine Medaille, sondern ein Symptom der Isolation. Jeder wählt sein Glas halb voll.
Wie gewichtig ist Russland wirklich, wenn man es nach Kaufkraftparität misst?
Der am meisten diskutierte Punkt ist die Messmethode. Das nominale BIP zum Dollarkurs verfälscht das Bild einer geschlossenen Wirtschaft mit niedrigen Inlandspreisen, argumentieren einige. Angepasst an die Kaufkraftparität würde sich die russische Größe um 2,5-fach auf 4,3 Billionen US-Dollar im Jahr 2020 und 4,6 Billionen im Jahr 2021 erhöhen, mit einem Pro-Kopf-Einkommen von rund 30.000 Dollar. Seit 2010 wäre dieses BIP um 42 % gewachsen, ein Tempo ähnlich dem deutschen.
Auf der anderen Seite wird das nominale BIP als das einzige ehrliche Thermometer für Produktivität und Gewicht auf den internationalen Märkten verteidigt. Die Kaufkraftparität verbilligt Haarschnitte oder Zucchini-Käufe, aber sie misst nicht, was ein Land zum Welthandel beiträgt, so das Argument. Zwei Länder können dieselbe medizinische Versorgung mit derselben Qualität bieten und dennoch radikal unterschiedliche BIP-Zahlen summieren, je nachdem, ob die Dienstleistung in New York oder in Twer erbracht wird.
Hier spielt sich die eigentliche Debatte ab. Es ist nicht dasselbe, eine Wirtschaft zu bewerten, die durch ihre Eigenproduktion wertvoll ist, und eine, die durch ihre Exporte wertvoll ist. Je nachdem, worauf der Fokus gelegt wird, ist Russland das eine oder das andere, und die Uneinigkeit lässt sich nicht schließen.
Die russische Industrie: 40 % des BIP und nur 7,5 % Importanteil
Das Argument, das Skeptiker am meisten verunsichert, ist das industrielle. Russland hätte einen Industriesektor, der rund 40 % seines BIP ausmacht – mehr als doppelt so viel wie die 19 % in Spanien –, wobei nur ein Zehntel davon auf die Rohstoffförderung entfällt. Auf Basis der Kaufkraftparität würde diese Industrie 1,9 Billionen US-Dollar generieren, verglichen mit den 0,36 Billionen, die Spanien zugeschrieben werden.
Die Importe stützen die These vom autarken Land: Sie machen 7,5 % des BIP aus, gegenüber 17 % in Spanien oder 30 % in Deutschland. Daraus wird abgeleitet, dass Russland intern etwa 93 % dessen produziert, was es konsumiert, und nur das kauft, was es nicht für wesentlich hält oder was seine Industrie nicht herstellen kann.
Es bleibt die technologische Erwiderung: Die Schwäche bei Mikrochips und High-End-Produkten ist kein exklusives Moskauer Phänomen. Die Frage, mit einem gewissen Unterton in den Raum gestellt, lautet, wie viele Mikrochips Europa eigentlich produziert. Die unbequeme Antwort ist: wenige.
Einkommen wie in Iran oder der Türkei und eine Lebenserwartung von 75 Jahren
Die andere Seite zeigt auf den Kern der Sache: Das russische Pro-Kopf-Einkommen ähnelt eher dem von Iran oder der Türkei als dem europäischen Niveau und wäre durch jährliche 300 Milliarden Dollar an Kohlenwasserstoffexporten aufgebläht. Außerhalb dieses Kerns erschöpft sich das Unternehmensgewebe in Gazprom, der vom Staat kontrollierten Bankenbranche und einer Verteidigungsindustrie mit sowjetischen Restbeständen, die kommerziell nicht konkurrenzfähig ist.
Die Herausforderung beschränkt sich nicht auf das BIP. Die russische Lebenserwartung von 75 Jahren liegt achteinhalb Jahre unter der spanischen, und der durchschnittliche russische Mann erreicht wegen Alkoholismus nicht einmal 65. Solche Unterschiede erklärt weder das Klima noch der Wechselkurs: Sie deuten auf Gesundheitswesen, Gewohnheiten und Lebensqualität hin.
Und manche erinnern daran, dass die Türkei, kaum mit Rohstoffen ausgestattet, Russland 2021 beim Pro-Kopf-Einkommen nach Kaufkraftparität übertraf. Wäre das russische Wirtschaftswunder tatsächlich eines, sollte der türkische Spiegel nicht so schmerzen.
400-Euro-Gehalt bei 100-Euro-Miete?
Hier kommt der Geldbeutel-Vergleich ins Spiel, der jede Tischrunde gewinnt. Ein russisches Durchschnittsgehalt von 400 Euro bei Mieten von 100 Euro bedeutet, dass 25 % des Lohns für Wohnraum ausgegeben werden; ein spanisches Gehalt von 1.000 Euro bei Mieten von 600 Euro führt dazu, dass man sich 60 % verliert. Das Verhältnis kehrt sich um, und das Papiergeld verliert an Gewicht gegenüber dem, was man damit tun kann.
Es ist dieselbe Logik, die zu einer unbequemen Schlussfolgerung führt: Das Haus im brutalen Winterklima ganzjährig zu heizen und die nächsten Generationen nicht zu verschulden, ist ebenfalls eine Form von Reichtum, die kein Indikator erfasst. Man kann diskutieren, ob es viel oder wenig ist, aber nicht, dass es inexistent ist.
Die Diskussion wird allerdings von niemandem abgeschlossen. Weder jene, die auf die Schulden schauen, noch jene, die auf Innovation achten, noch jene, die auf den Warenkorb blicken. Am Ende: Kann man ein Land als arm bezeichnen, das kaum Schulden hat, fast alles selbst produziert, was es konsumiert, und genau das verkauft, was der Rest der Welt verbrennen muss?
Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft.
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