Russland: Rubel fällt um 35%, Leistungsbilanzüberschuss bricht ein

Der Leistungsbilanzüberschuss Russlands sank im zweiten Quartal um 93%. Der Rubel verlor binnen Jahresfrist 35%. Fünf Daten zum Einbruch.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Russland: Rubel fällt um 35%, Leistungsbilanzüberschuss bricht ein
Fünf Daten zum russischen Einbruch und was sie ausblenden

Die russische Wirtschaft bricht zusammen. Die fünf Daten, die diese Diagnose stützen, sind konkret, datiert und einzeln überprüfbar. Das Problem ist jedoch, dass keines der Daten das Bild allein vervollständigt: Während der Leistungsbilanzüberschuss in einem Quartal um 93% einbrach, prognostizierte die russische Zentralbank weiterhin Wachstum für das Gesamtjahr. Beides passt zum selben Land.

Die fünf Daten, die die These stützen

Die Bestandsaufnahme umfasst: den Rubel, die Leistungsbilanz, die Öl- und Gaseinnahmen, den Autoabsatz sowie die Abwanderung von Menschen und Kapital. Der Rubel hat im letzten Jahr mehr als 35% an Wert verloren und allein im letzten Monat 6,8%, mit einer besonders kritischen Phase während des Wagner-Aufstands im Juni, als die Währung ihren tiefsten Stand seit 15 Monaten gegenüber dem Dollar erreichte. Das Szenario – Bürger, die hastig ihre Ersparnisse umschichten – kommt dem nächsten an Panik, was Moskau seit Kriegsbeginn erlebt hat.

Wie stark fiel der russische Leistungsbilanzüberschuss?

Um 93%. Zwischen April und Juni verbuchte das Land einen Überschuss von 5,4 Milliarden Dollar, verglichen mit dem Rekordwert von 76,7 Milliarden im Vorjahreszeitraum. Diese Zahl stammt von der Bank of Russia (Zentralbank), die auf einen Rückgang des physischen Exportvolumens und sinkende Rohstoffpreise zurückführt. Übersetzt: Es wird weniger verkauft und zu niedrigeren Preisen. Die weit verbreitete Interpretation lautet, dass die Energiegewinne die Wirtschaft nicht mehr so stark stützen wie früher und die Sicherstellung von Importen zum Problem geworden ist.

Vom 40% des europäischen Gases zum asiatischen Rabatt

Das russische Finanzministerium erklärte im Juni, dass die Einnahmen aus Öl- und Gassteuern um 36% im Jahresvergleich fielen und die Gewinne aus Rohöl und seinen Derivaten um 31% sanken. Vor dem Krieg deckte Russland etwa 40% der Erdgasimporte der Europäischen Union und ein Viertel ihrer Rohölimporte. Diese Zahlen sind fast auf null gesunken. China und Indien haben die Lücke gefüllt, aber zu Ramschpreisen: Moskau verkauft mit großen Rabatten, was es zuvor zu Marktpreisen absetzte.

Wie viele Autos und wie viele Köpfe hat Russland verloren?

Vor der Invasion wurden landesweit etwa 100.000 Einheiten pro Monat verkauft. Jetzt sind es ungefähr ein Viertel, und zwar nicht nur wegen steigender Preise oder des Vertrauensverfalls der Verbraucher: Es fehlt das Angebot. Parallel dazu sind Millionen Russen ausgewandert. Usbekistan allein hat mehr als 400.000 aufgenommen. Die Spuren dieser Flucht zeigen sich in Überweisungen nach Armenien, Georgien oder Kirgisistan, Länder, die auf keiner Liste der Finanzzentren stehen. Nichts Alarmierendes, wenn man die Details nicht betrachtet.

Wer liefert die Daten und mit welcher Methode?

Das ursprüngliche Paket stammt von Business Insider und basiert auf Zahlen eines Instituts für Executive Leadership an der Yale University, wobei Jeffrey Sonnenfeld als Hauptquelle für den Teil zur Kapitalflucht dient, sowie auf Statistiken der Bank of Russia und des Finanzministeriums für den Rest. Es handelt sich um seriöse Quellen.

Der Gegenangriff: Was sagen die Zahlen, die die Erzählung auslässt?

Hier bröckelt die Diagnose. Der Schrumpf der russischen Wirtschaft im Jahr 2022 betrug „nur“ 2,1%, unter dem Niveau, das der Internationale Währungsfonds, die Weltbank und eine halbe Dutzend Analysehäuser monatelang prognostiziert hatten. Der Schlüssel lag, so das Argument, in der Reaktion der Bank of Russia und den Einnahmen aus Öl, Raffinerieprodukten und Gas. Manche fügen zwei unbequeme Nuancen hinzu: Die Wechselkurse des Rubels gegenüber Yuan und Rupie bewegen sich innerhalb der üblichen Spannen des letzten Jahrzehnts, und die US-Bilanz lädt nicht gerade dazu ein, Lektionen zu erteilen.

Auch eine Berechnung zur Brain Drain kursiert, die die Skala neu ordnet. Spanien verliert zwischen 300.000 und 500.000 Migranten pro Jahr bei 45 Millionen Einwohnern, also etwa 0,9% der Bevölkerung. Die 400.000 aus Russland entsprechen 0,28%. Relativ gesehen verliert das Land, das bleibt, mehr.

Was in beiden Versionen nicht zusammenpasst

Der Ökonomieprofessor Volodymyr Lugovskyy von der Indiana University skizziert das extreme Szenario: Russland könnte wie die Sowjetunion in mehrere Teile zerbrechen, und er behauptet, dies wäre für den Rest der Welt nicht unbedingt schlecht, da das Land heute als zentralistisches Imperium funktioniere. Auf der anderen Seite stolpert die These vom terminalen Kollaps über ein Methodenproblem: Die gewählten Indikatoren sind die schlechtesten verfügbaren, und der Sanktionskalender läuft bereits ins vierte Jahr.

Im Hintergrund steht eine Frage, die keine der beiden Seiten bequem beantwortet: Was genau misst eine Wirtschaft im Krieg? Die Autoverskaufsdaten oder die Überweisungen nach Kirgisistan sagen viel über Konsum und Vertrauen aus, aber deutlich weniger über die Fähigkeit, eine militärische Anstrengung über Jahre hinweg aufrechtzuerhalten.

Was kann erwartet werden?

Wenn das letzte Jahr und ein halbes etwas lehrt, dann dass Prognosen über Russland systematisch in Richtung westlichen Optimismus fehlgeleitet waren. Die Vorhersage, mit gebotener Vorsicht: Die Wohlfahrtsindikatoren werden weiter fallen, die aggregierten Zahlen werden sich besser halten, als die Schlagzeile suggeriert, und die Distanz zwischen beidem – die vom Bürger zum Staat – wird das wahre Thermometer bleiben. Niemand hat bisher einen Weg gefunden, dies zu messen.

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Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (230 Antworten).

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