Russisches Staatsfernsehen simuliert Atomschlag auf Europa

Das russische Staatsfernsehen zeigt eine Karte mit Flugzeiten für Atomangriffe auf Europa: Berlin in 106 Sekunden, Paris in 200 Minuten.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Russisches Staatsfernsehen simuliert Atomschlag auf Europa
Russisches TV simuliert Angriff: Berlin in 106 Sekunden, Paris in 200

Berlin in 106 Sekunden. Paris in 200. Das russische Staatsfernsehen sendete eine Karte mit den Flugzeiten eines hypothetischen Atomschlags auf Europa, bei dem die Raketen von Kaliningrad aus starten. Die Simulation wurde zunächst in der meistgesehenen Talkshow des Landes besprochen und anschließend von einem Abgeordneten der Duma bestätigt, dessen Partei die Regierung unterstützt. Der Clip erreichte westliche Medien über einen defekten Link: Die Schlagzeile war auf der Startseite zu sehen, aber der Link führte zu anderen Artikeln über den Krieg. Das Video selbst zirkulierte separat.

Was bedeuten die 106 und 200 Sekunden auf der Atomkarte?

Die im Studio gezeigte Grafik markiert den Einschlag in der deutschen Hauptstadt nach 106 Sekunden vom Start an und in der französischen nach 200. Zwischen Moskau und Paris liegen 2.500 Kilometer, eine Strecke, die schwindelerregende Geschwindigkeiten erfordert. Die genannten Hyperschallraketen erreichen laut den im Thread diskutierten Referenzen zwischen 20.000 und 30.000 km/h. Hier entsteht die erste berechtigte Zweifel: Es funktioniert besser als Studioparole denn als ballistische Berechnung. Und als Parole funktioniert es.

Warum startet die Karte von Kaliningrad aus?

Die russische Exklave im Baltikum erscheint in der Simulation als Absprungpunkt, nicht zufällig. Es ist der am weitesten nach Mitteleuropa vorgeschobene Punkt des russischen Territoriums, der die Uhr bis Berlin verkürzt. Hier kommt das Detail ins Spiel, das im Thread erwähnt wurde: Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion hatte Russland unterzeichnet und wiederholt erklärt, dass es keine nuklearen Waffen auf diesem Territorium stationieren würde. Wenn diese Zusage noch gilt, widerspricht eine Infografik, die Raketen von dort abfliegen lässt, diesem Versprechen, wenn auch nur zeichnerisch. Es könnte ein Versehen des Grafikers sein. Es könnte aber auch die Botschaft sein.

Die Vergeltung, die manche als sicher ansehen

Angriffspläne kommen selten allein. Im Thread nahmen einige an, dass London und Paris mit ihrem eigenen Arsenal gegen Moskau, St. Petersburg, Nowosibirsk und Minsk antworten würden und dass sogar ein Sprengsatz für China reserviert bliebe. Die gegenteilige Lesart, ebenfalls von einem Teilnehmer, ist die des akzeptierten Selbstmords: Washington würde die gegenseitige Vernichtung wegen der Ukraine nicht hinnehmen und seine Raketen würden die russische Hauptstadt nie erreichen. Vom gesamten Brett schließen manche, dass Europa die einzige garantierte Verliererin ist, egal wer den Austausch gewinnt. Der Rest sind Spekulationen.

Der Moderator, der nicht fürs Vaterland sterben will

Die Journalistin Julia Davis, die seit Jahren das russische Programm verfolgt, hob ein Detail des Clips hervor: Von den beiden Diskussionsteilnehmern war der Moderator der einzige, der nicht bereit schien, für die Heimat zu sterben, und er diskutierte mit dem Gesetzgeber, der für die Provokation plädierte. Dieser Gesetzgeber fasste die Lösung sogar in einer Hyperschallrakete gegen Großbritannien zusammen. Der Ausschnitt wurde als Beweis verbreitet, dass die Sache kein schlechter Scherz ist. Eine der im Thread gegebenen Erklärungen deutet auf den Ton hin: Die Botschaft richte sich nicht an die Jugend, denen man eine Konsumzukunft verkauft, sondern an ein älteres Publikum, dem die Erzählung vom Weltuntergang vertraut vorkommt. Es gibt eine andere, pragmatischere Lesart: Wer den Clip verbreitete, stellte ihn als Abschreckungsversuch dar, um die westliche Hilfe für die Ukraine zu stoppen.

Ändert sich etwas, wenn die Ukraine der NATO beitritt?

In Bezug auf die Entfernung nicht: Lettland gehört der Allianz seit Jahren vor dem Konflikt an und liegt näher an St. Petersburg und Moskau als die Ukraine. Dies ist der Fakt, der wiederholt wird, um die Ausrede der Erweiterung zu entkräften. Die tiefere Antwort hängt davon ab, welche Seite man wählt. Manche behaupten, wer warnt, sei kein Verräter, und die echte Eskalation seien Sanktionen und Waffenlieferungen. Auf der anderen Seite steht das Gegenargument: Ein Staatsfernsehen, das zur Primetime europäische Städte ausradiert, warnt nicht, sondern droht.

Spanien fehlt auf der Karte

Bei den Flugzeiten taucht kein spanischer Punkt auf. Die Interpretation dieses Übersehens war fast festlich: Die Vorteile, arm zu sein und unbemerkt zu bleiben. Andere sahen darin eine weitere Demütigung durch strategische Missachtung. Ab da öffnete sich die Unterhaltung in drei Richtungen: Ob die atomare Botschaft Propaganda oder reale Vorbereitung ist, wie viele der russischen Raketen startbereit wären und was die NATO tun würde, wenn die Provokation nicht mehr nur rhetorisch wäre. Niemand schloss irgendetwas ab.



Zwei Zahlen, eine Karte und ein Staatsfernsehen. Das Überprüfbare endet hier. Der Rest ist Interpretation: Wer den ersten Schlag führt, wer Widerstand leistet und wer nicht auf der Grafik erscheint. Die 106 Sekunden bis Berlin sind ein Fakt. Was damit geschieht, nicht.

Auch verfügbar auf: English

Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (284 Antworten).

Weitere Zusammenfassungen

Alle Zusammenfassungen auf Deutsch →

Volver