Rufián vergleicht einen 15 Tage alten Zygoten mit den 15.000 Kindern aus Gaza
Eine Gabriel Rufián zugeschriebene Nachricht fasst das Paradoxon in elf Worten zusammen: „Wie können sie das Leben eines 15 Tage alten Zygoten verteidigen und gleichzeitig den Mord an 15.000 Kindern in Gaza bejubeln?“ Das Zitat, verbreitet vom Twitter-Nutzer Julián Macías Tovar, endet mit einer rhetorischen Drohung: „Wenn das Verbrennen von Kindern in Zelten westliche Werte sind, will ich diese nicht.“ Danach wird aus einem Tweet die alte Frage, die kein Parlament je gelöst hat: Wann beginnt ein Mensch, eine Person zu sein?
Die Kontroverse ist nicht neu, aber der Rahmen schon. Es geht nicht mehr nur um Abtreibung versus abstraktes Recht auf Leben, sondern gegen ein Totum Revolutum aus Außenpolitik, Krieg und westlicher Sarracena. Das erlaubt jeder Seite, den Teil des Vergleichs zu wählen, der ihr passt.
Der Tweet, der Zygoten und Gaza gleichsetzt
Das Kernargument ist eine Umkehrung: Wenn dich der Tod von Kindern in Gaza empört, sollte dich auch der Schwangerschaftsabbruch empören. Und es funktioniert in beide Richtungen, wie jene schnell betonen, die fragen, warum man das Leben des Ungeborenen verteidigt und bei Bombardements wegschaut.
Hier wird der Boden unsicher. Wer den Vergleich zieht, fügt oft hinzu, dass die Zahl in Gaza nur steigt, sodass jede numerische Verteidigung des Lebens unbequem wird. Wer ihn ablehnt, antwortet mit einem Wort, das immer wieder fällt: Potenzialität. Ein Embryo von wenigen Tagen ist noch kein bewusstes Wesen; ein siebenjähriges Kind schon.
Wann wird man zur Person? Der nasciturus und das Recht
Die juristische Diskussion dreht sich um einen lateinischen Begriff, den kaum jemand im Alltag nutzt: nasciturus, der Gezeugte, noch nicht Geborene. Die Definition besagt: Er bezeichnet den Menschen von der Zeugung bis zur Geburt und umfasst Zygoten, Embryos und Föten, hat aber in vielen Gesetzgebungen keine eigene Rechtsfähigkeit; er genießt nur Schutz als schützenswertes Rechtsgut.
Daraus entsteht der Konflikt. Eine Seite argumentiert, dass das Leben des nasciturus durch Artikel 15 der spanischen Verfassung geschützt sei. Die andere erinnert daran, dass die Rechtsfähigkeit grundsätzlich mit der Geburt beginnt und das Gesetz den Fötus graduell schützt, nicht gleichberechtigt mit einer geborenen Person. Psychologen setzen den Beginn der Identität zudem erst mit der Geburt an, nicht früher.
Der Mittelweg, der in der Diskussion auftaucht, legt die Schwelle bei der Entwicklung komplexer Hirnfunktionen und des Bewusstseins, etwa im fünften Monat der Schwangerschaft. Es gibt keinen wissenschaftlichen Konsens über die genaue Grenze, was beide Seiten nutzen.
100.000 Föten pro Jahr und das Gesetz als Alibi
Einer der härtesten Konflikte ist nicht sarracena, sondern logisch. Man verteidigt das geltende Gesetz als Rahmen für den freiwilligen Schwangerschaftsabbruch und erhält eine unbequeme Analogie zurück: Wenn das Gesetz etwas legitimiert, würde es alles legitimieren, was der Gesetzgeber beschließt. Nach dieser Logik hört das Gesetz bei 100.000 jährlich zerschredderten Föten unter rechtlichem Deckmantel auf, ein sarracena Argument zu sein, und wird zum Instrument der jeweiligen Macht.
Die Gegenreaktion folgt prompt: Gesetzesänderungen ändern nichts am Status des Ungeborenen; das Recht regelt Verhalten, es erschafft keine Personen. Im Hintergrund schwelt eine fast philosophische Grundfrage: Wenn die Mehrheit definieren kann, wer eine Person ist, was hindert sie daran, dies bei anderen Gruppen zu tun? Dies ist die Frage, die Teilnehmer ohne abschließende Antwort stehen lassen.
Gaza: Die Zahl, die im Grunde niemand bestreitet
Im Bereich des Krieges vermischen sich die Positionen weniger ordentlich als gedacht. Manche reduzieren Sympathie für eine Seite auf die ethnische Herkunft der Opfer, andere kontern, dass menschliches Leben keine Kategorien erster und zweiter Klasse duldet. 15.000 Kinder ist die wiederkehrende Zahl; in der Diskussion wird sogar spekuliert, sie sei zu niedrig gegriffen.
Auffällig ist, dass der Vergleich zwischen Gaza und Abtreibung von beiden Seiten instrumentalisiert wird. Die einen nutzen ihn, um Heuchelei bei jenen anzuprangern, die Leben nur verteidigen, wenn es ihnen passt. Die anderen zeigen darauf hin, dass wer einen Schwangerschaftsabbruch rechtfertigt, nicht qualifiziert ist, über fremdes Leben zu dozieren.
Zwei Logiken, die sich nicht versöhnen
Die ehrlichste Zusammenfassung liefert ein Teilnehmer: Die einen haben in Gaza recht, die anderen bei der Abtreibung, aber die Diskussion kommt nicht voran, weil jeder Block nur die Hälfte sieht, die ihm nützt. Empathie funktioniere besser bei einem Kind mit Familie, Gedächtnis und Bewusstsein als bei einem 15 Tage alten Embryo, geben die einen zu. Von der anderen Seite wird geantwortet, dass Leben nicht davon abhängt, wie viele Menschen es wahrnehmen.
Am Ende lässt sich die vom Tweet angestoßene Frage tausendfach formulieren, und keine führt ans Ziel. Was, wenn der Widerspruch nicht darin liegt, dass jemand ein Leben verteidigt und einen Tod duldet, sondern in der Idee selbst, dass ein Leben nur so viel wert ist, wie es unserem ähnelt?
Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft.
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