Reverte: Sánchez hat nie ein Buch gelesen

Pérez-Reverte nennt Sánchez einen 'politischen Mörder' und gibt zu, ein Fan zu sein. Debatte über Macht, Zynismus und Lesen entbrannt.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Reverte: Sánchez hat nie ein Buch gelesen
Reverte bezeichnet Sánchez als 'politischen Mörder' und löst Debatte aus

Arturo Pérez-Reverte war im Fernsehen, um seinen neuesten Roman, Das letzte Problem, vorzustellen, sprach aber schließlich über etwas anderes. Auf die neue Regierung angesprochen, lieferte der Schriftsteller und Akademiker eine Definition, die sich wie ein Lauffeuer verbreitete: Pedro Sánchez sei, sagte er, "ein politischer Revolverheld, ein Mörder, ein Typ, der vor nichts zurückschreckt". Und schloss ab: "Er hat in seinem Leben kein Buch gelesen, da bin ich mir sicher." Der Satz funktionierte wie ein Streichholz im Pulverfass. Innerhalb weniger Stunden entwickelte sich der Kommentar zu einer breiteren Diskussion über Macht, Zynismus und die Bedeutung des Lesens.

Das Bemerkenswerte war nicht die Beleidigung – Reverte ist bekannt dafür, dass er kein Blatt vor den Mund nimmt –, sondern das Porträt, das er anschließend zeichnete. Sánchez habe, so sinngemäß, "Machiavelli im Blut", einen "außergewöhnlichen politischen Instinkt", sei "mutig, kühn, beharrlich und skrupellos". Für einen Romanschriftsteller sei er, fügte er hinzu, "eine faszinierende Figur, wahrscheinlich der interessanteste Politiker, den es derzeit in Spanien und Europa gibt". Bewunderung und Verurteilung im selben Satz.

Das unbequeme Lob: "Ich bin ein Fan"

Der Schriftsteller beließ es nicht bei der sarracena Diagnose. Er beschrieb Sánchez weiter als jemanden, der "uns sehr gut auf den Puls gefühlt hat" und "sehr intelligent mit allen spielt". "Politiker sind alle niederträchtig und fähig, ihre Mutter zu verkaufen. Er verkauft seine Mutter, übergibt sie aber nicht, oder übergibt unsere, bevor er seine übergibt, und überzeugt uns zudem, dass es seine war, die übergeben wurde", sagte er lachend. "Dafür muss man Talent haben und er hat keinen Feind. Sie sind alle Weicheier, er wird fallen, wenn er will, er ist unschlagbar."

Die Paradoxie ist das Herzstück der Sache. Reverte beschreibt eine "vollkommen unmoralische" Figur, die in einem seiner Romane "der Bösewicht, böse, böse" wäre. Und gesteht dann: "Er ist sehr gut in dem, was er tut, ich bin fasziniert. Die Souveränität, die Dreistigkeit, der Zynismus... Es gibt keinen wie ihn, ob zum Guten oder zum Schlechten. Ich bin ein Fan." Dieses "Ich bin ein Fan" war für viele die eigentliche Schlagzeile.

Zur Amnestie in Katalonien und zu Puigdemont äußerte sich der Schriftsteller kürzer: "Er ist Sánchezs Marionette, alle sind nur Statisten, die Hauptfigur ist Sánchez. Er hat erreicht, dass alle, einschließlich Puigdemont, für ihn arbeiten, damit er in der Moncloa bleibt. Wäre er ein guter Mensch, wäre er fantastisch."

Worüber streitet man, wenn man darüber streitet, ob Sánchez liest?

Die Unterhaltung wandte sich schnell tiefergehenden Themen zu. Manche behaupten, das kulturelle Niveau eines Präsidenten werde nicht an gelesenen Romanen gemessen, sondern an Managementfähigkeiten, Kommunikation und dem Verständnis des Umfelds. Aus dieser Sicht wird Wissen heute auch durch Fachbücher, Erfahrung und soziopsychologische Kompetenz erworben, nicht nur durch Literatur. Andere entgegnen, dass ein Regierungschef, der in seinem Leben kein Buch gelesen hat, kaum über eigenes Urteilsvermögen verfügen kann, und dass die Anekdote über sein Lieblingsbuch – die Nationale Episoden von Galdós, die kein einzelnes Buch sind, sondern mehr als fünfzig – darauf hindeutet, dass die Antwort aus zweiter Hand stammte.

Die dritte Ebene ist die unbequemste: die Faszination. Mehrere Analysen weisen darauf hin, dass die Bewunderung für eine Figur aufgrund ihres Zynismus und ihrer Skrupellosigkeit nicht neutral ist. Es sei, sagen sie, eine Form der Codependenz gegenüber der Macht. Und sie erinnern daran, dass die ästhetische Bewunderung für den "interessanten Bösewicht" Grenzen hat: Der Bösewicht in einem Roman regiert kein Land.

Der Schriftsteller als Figur: Geschäft, Feder und RAE

Die andere Hälfte der Debatte drehte sich nicht um Sánchez, sondern um Reverte. Ob er ein "solider, aber Thriller"-Schriftsteller sei, ob sein Beitritt zur Real Academia Española (Königlich Spanische Akademie) eher Marketing als Philologie sei, ob er von der Persona lebe, die er sich aufgebaut hat. Manche erinnern daran, dass die Institution eminent technisch ist und Schriftsteller eine eher marginale Rolle spielen; einen Bestseller-Star aufzunehmen, war ihrer Argumentation nach eine Möglichkeit, sie dem Publikum näherzubringen. Ihm werden auch seine Französisch-Affinität, sein Schweigen bei Fragen zur Amnestie und seine Tendenz vorgeworfen, "alle Politiker seien gleich" zu sagen, ohne auf einen bestimmten hinzuweisen.

Der Gegenpunkt kommt aus einer anderen Perspektive: Wenn der Schriftsteller Geld mit seinen Büchern verdient und im Fernsehen auftaucht, um sie zu verkaufen, ist politische Analyse Teil der Show. "Pérez-Reverte GmbH", fasste jemand zusammen. Werbung und Meinung im selben Paket.



Am Ende bleibt die Diskussion dort, wo sie begonnen hat: bei einem Satz. "Er hat in seinem Leben kein Buch gelesen." Es könnte wahr sein, es könnte eine beiläufige Bemerkung sein. Was niemand bestreitet, ist, dass sie von einem Romanschriftsteller stammt, der unmittelbar danach gestand, ein Fan der Figur zu sein, die er gerade als Mörder bezeichnet hatte.

Auch verfügbar auf: English

Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (130 Antworten).

Weitere Zusammenfassungen

Alle Zusammenfassungen auf Deutsch →

-
Volver