Reiche Länder fordern einen neuen Gesellschaftsvertrag

Frankreich ruft den Ausnahmezustand aus – bei Schulden von 119 % des BIP und einem Defizit von 5,1 %. Der IWF beziffert die Kosten der Unruhen mit fast einem halben Prozentpunkt Wachstum.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Die Bürger wohlhabender Länder fordern einen neuen Gesellschaftsvertrag, der sich mit Schulden, Alterung und prekärer Arbeit befasst, während die Regierungen der G-7 mit Massenprotesten und wachsendem Misstrauen gegenüber den Institutionen konfrontiert sind.

Der soziale Unmut hat sich auf den Straßen der wichtigsten Volkswirtschaften der G-7 breitgemacht. Frankreich hat angesichts einer Protestwelle den Ausnahmezustand verhängt, der eine tiefe Erschöpfung des bisherigen Wachstumsmodells und ein wachsendes Misstrauen gegenüber den Institutionen offenbart. Die Unzufriedenheit ist kein isoliertes Phänomen: Sie breitet sich über Spanien, Italien, Deutschland, Großbritannien und die USA aus, angetrieben von der Teuerung, der Unsicherheit über die Renten und der beruflichen Unsicherheit im Zuge des Einzugs der künstlichen Intelligenz.

## Frankreich, der Epizentrum der institutionellen Krise

Frankreich veranschaulicht die Schwere des zivilen Aufruhrs. Die Proteste, die **Emmanuel Macron** zur Verhängung des Ausnahmezustands veranlassten, zeigen einen doppelten Druck: das Misstrauen der Bürger gegenüber den Institutionen und die Anforderungen der Märkte angesichts übermäßiger Verschuldung. Das Land steckt in einem Teufelskreis aus Reformblockade und geringem Spielraum, um Disziplin bei den öffentlichen Finanzen durchzusetzen, die Anpassungen erfordern. Die Krise ist strukturell und zeigt die Erschöpfung eines Modells, das keine prosperierenden Perspektiven bietet – besonders nicht für die Jüngeren.

Der **IWF** hat die wirtschaftlichen Kosten dieser Dynamik beziffert. Sein *Fiscal Monitor*-Bericht berechnet, dass ein deutlicher Anstieg sozialer Unruhen das französische BIP-Wachstum um fast **einen halben Punkt** schmälert und dass die Verschlechterung der primären Fiskalsalden es um weitere **0,2 Punkte** sinken lässt. In seiner jüngsten Länderbewertung warnt die Institution, dass die politische Fragmentierung die geplanten Anpassungen eingeschränkt und die Korrektur des Defizits, das bei **5,1 %** liegt, und der Schulden, die **119 % des BIP** erreichen, verzögern könnte. Diese Lage könnte die Risikoprämie gegenüber dem deutschen Bund weiter erhöhen, die derzeit bei **159 Basispunkten** liegt.

Auf den französischen Straßen versammelten sich am **17. Oktober** **eine halbe Million** Studierende, Lehrkräfte und Gewerkschafter, es gab mehr als **2.000 Festnahmen**. *The Economist* deutet diese Episoden als Zeichen der Erschöpfung des politischen Zentrismus, mit Regierungen, die außerstande sind, soziale Forderungen zu bewältigen. Das französische Paradox ist bemerkenswert: Macrons Machtverlust, sein Land zu regieren und seine Wirtschaft zu reformieren, steht im Kontrast zu seiner Fähigkeit, Brüssel mit seinen Ideen zu geostrategischer Autonomie und Industrieprotektionismus zu beeinflussen.

## Die europäische Spaltung: von der Straße an die Wahlurne

Die Unzufriedenheit macht nicht an den französischen Grenzen Halt. In Spanien und Italien drücken die Proteste die Ablehnung jahrelanger unzureichender Reformen beim Wohnraum, von Kürzungen im Bildungs- und Gesundheitswesen und der Versuche aus, die Rentenlast zu verbilligen. Der **Council on Foreign Relations (CFR)** warnt, dass die Mobilisierungen in der zweit-, dritt- und viertgrößten Volkswirtschaft des Euroraums Symptome einer Zerbrechung des Gesellschaftsvertrags sind, angeführt von der **Gen Z**. Aus dieser Sicht sei der Protest "nicht nur Widerstand gegen den Wandel, sondern eine Forderung nach ausbleibenden Transformationen", so der CFR.

Deutschland zeigt eine ähnliche Blockade. Kanzler **Friedrich Merz** erhält Kritik von einer Gesellschaft, die über die wirtschaftliche Stagnation unzufrieden ist, aber auch von der Jugendorganisation seiner eigenen Partei, der CDU. Deren Vorsitzender, **Johannes Winkel**, wirft ihm vor, kleine Korrekturen als ehrgeizige Reformen auszugeben, und fordert eine tiefgreifende Rentenreform. Die jungen Konservativen stellen **20 Abgeordnete** im Bundestag – genug, um die knappe Regierungsmehrheit zu gefährden. Der deutsche Unmut richtet sich gegen die wirtschaftliche Lähmung, die die rechtsensrecht **AfD** an der Wahlurne kapitalisiert, indem sie Themen wie Arbeitsmarktreform oder Renten polarisiert.

In Italien koexistieren die Mobilisierungen mit einer niedrigen Produktivität und den Zwängen aus der hohen Verschuldung. Der europäische Aufstand ist nicht einheitlich, teilt aber soziale Forderungen, die mit vertagten Reformen und traditionellen Parteien, die kaum Konsense schmieden können, schwer zu erfüllen sind. **Charles Grant**, Direktor des Centre for European Reform (CER), warnt: "Europa läuft Gefahr, seine Ablehnung der Lähmung in eine Mauer zu verwandeln, die es daran hindert, aus seinem Hamsterrad auszubrechen."

## Der Preis politischer Zerbrechlichkeit und Politikverdrossenheit

Auch die Märkte spiegeln diese Zerbrechlichkeit wider. **Ludovic Subran** von Allianz Research betont, dass die aktuelle politische Fragilität einen hohen Preis hat. seiner Ansicht nach "haben Fragmentierung, Polarisierung und Regierungsunfähigkeit die politische Bedrohung durch die übermäßige Staatsverschuldung der G-7-Partner erhöht". In Frankreich war der Anstieg seines Fragilitätsindikators besonders ausgeprägt – die Risikoprämie stieg um zusätzliche **38 Basispunkte**. Ohne Reformen verlieren die Dynamiken an Kraft; ohne gesellschaftliches Vertrauen stoßen Reformen auf Widerstand; und ohne politische Stabilität werden die Finanzen teurer.

Die **OECD** versucht, die institutionelle Wurzel dieser feindseligen Haltung zu ergründen. Ihr Generalsekretär **Mathias Cormann** stellt fest, dass die Bürger zwar ein gewisses Vertrauen in öffentliche Dienste haben, aber an der Fähigkeit ihrer Regierungen zweifeln, langfristige Herausforderungen zu bewältigen. Laut einer aktuellen Umfrage der multilateralen Institution gibt nur **31 %** derjenigen, die eine kritische Sicht einräumen, an, Einfluss auf offizielle Entscheidungen zu haben. Der wahrgenommene Repräsentationsverlust erschwert den Aufbau von Konsensen für Reformen, deren Kosten sofort anfallen, deren Nutzen aber erst nach Jahren sichtbar wird.

In Großbritannien nährt die Unzufriedenheit die Entfremdung von den traditionellen Parteien. Eine Studie des **UCL Policy Lab** zeigt, dass **75 %** der Briten glauben, die Regierung zeige den Bürgern wenig oder keinen Respekt. Die **Joseph Rowntree Foundation** erklärt: "Ohne neue Umverteilungsrezepte wird die laufende Legislaturperiode den schlechtesten Rückgang der Familieneinkommen seit **1961** verzeichnen."

## USA: Gesundheitswesen, Inflation und Strafvote

In den USA konzentriert sich der soziale Unmut auf die Lebenshaltungskosten und die Gesundheitskosten – ein Schlüsselfaktor vor den Zwischenwahlen. Eine jährliche Umfrage von **KFF** zeigt, dass Arbeitnehmer mit familiärer Krankenversicherung im Durchschnitt **7.471 Dollar** jährlich zu ihren Policen beitragen, **9 %** mehr als 2025. Die Gesamtprämie inklusive Arbeitgeberbeitrag erreicht **28.303 Dollar** und steht im Kontrast zu Löhnen, die nur um **3,7 %** stiegen – im Einklang mit der Inflation im September.

Dieser Kaufkraftverlust, verschärft durch den Krieg im Iran und die Zölle, ist der Treibstoff für die Strafstimme gegen den Trumpismus. Laut **Pew Research** vertrauen **44 %** der Wähler darauf, dass ihre Stimme eine Abfuhr für **Donald Trump** bedeutet, wobei die Umfragen den Demokraten **90 %** Chancen einräumen, das Repräsentantenhaus zu gewinnen, und ein Drittel, die Mehrheit im Senat zu erreichen. Die **No Kings**-Mobilisierungen haben Millionen Bürger versammelt, die den MAGA-Politiken entgegenstehen, insbesondere den Migrationsmaßnahmen, den föderalen Sozialkürzungen und der Machtkonzentration in der Exekutive.

Der Trend beunruhigt die Wall Street. **Chris Hughes**, Mitgründer von Facebook, kritisiert offen, dass die Tech-Bosse besessen davon seien, Washington zu beeinflussen, um ihre regulatorischen Interessen zu fördern. Während **Ken Rogoff**, Ex-Chefökonom des IWF, vor dem Cocktail aus Inflation, Geldpolitik-Verhärtung und sozialem Unmut warnt, der bereits "die MAGA-Agenda bedroht".

## Japan und das Risiko der Kluft zwischen Reformen und Opfern

Die Spannungen in Japan kommen eher von den Märkten. Premierministerin **Sanae Takaichi** hat ihr Kabinett auf die Reaktivierung der Wirtschaft mit strategischem Kapital eingeschworen, um die Inflation abzufedern, den Yen zu stärken und die weltweit höchste Schuldenquote im Verhältnis zum BIP zu senken. **Keiji Kanda** vom Daiwa Institute of Research sieht das Risiko "in der wachsenden Kluft zwischen den empfehlenswerten Reformen und den Opfern, die Bürger und Märkte zu akzeptieren bereit sind".

Die große Herausforderung besteht laut den Experten nicht darin, effiziente strukturelle Agenden zu entwerfen, sondern die Legitimität zurückzugewinnen, um sie umzusetzen. Die geopolitische Rivalität und der Anstieg der strategischen Ausgaben verschärfen diese Spannungsskala. **Marcel Fratzscher**, Präsident des DIW-Instituts, erkennt ein reales Risiko politischer und wirtschaftlicher Lähmung und – bei den vier größten Euroraum-Partnern – einer Spaltung innerhalb der EU, sowohl im Haushalts- als auch im strategischen Bereich, wobei sich die deutsch-französische Achse auf Sanktionen und Vetos gegen den Handel mit China zubewegt.

Die europäische Regierungskrise hat auf den Straßen Wurzeln geschlagen und eröffnet Kräften an den Rändern des politischen Spektrums Raum. Sie zeigt, dass die Eliten es nicht geschafft haben, eine Roadmap für wirtschaftliche Erneuerung und industrielle Umstrukturierung zu formulieren. Der Bürgerunmut fordert letztlich einen neuen Gesellschaftsvertrag, der sich mit Schulden, Alterung und prekärer Arbeit befasst. Dieser Artikel dient ausschließlich der Information und stellt keine Finanz- oder Rechtsberatung dar.

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Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (5 Antworten).

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