Putins Bilanz: 15 % der Ukraine und halber Rubelwert

Russland kontrolliert 15 % der Ukraine, verkauft Energie günstiger als vor sechs Monaten und sieht Finnland und Schweden in der NATO. Die Bilanz stimmt nicht.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Putins Bilanz: 15 % der Ukraine und halber Rubelwert
Russland behält 15 % der Ukraine und verliert seinen besten Kunden

Der Blitzkrieg gegen Kiew sollte in wenigen Tagen entschieden sein: hundert Kilometer von der belarussischen Grenze bis zur ukrainischen Hauptstadt. Es scheiterte. Fünf Monate nach Beginn der Invasion kämpfte die russische Armee immer noch darum, die Kontrolle über den Donbas zu festigen. Kritiker zogen eine Bilanz mit mehr Verlusten als Gewinnen: Der Westen war geschlossen gegen Russland, das Minsker Abkommen gebrochen, Finnland und Schweden traten der NATO bei, und das Land verkaufte seine Energie billiger als ein halbes Jahr zuvor. Auch die menschlichen Kosten passten nicht ins Bild: Sie behaupten, dass in fünf Monaten mehr Soldaten gefallen seien als in den neun Jahren des sowjetisch-afghanischen Krieges.

Die zentrale Frage lautet: Wofür? Was rechtfertigt diese Kostenliste? Die am häufigsten wiederholte Antwort unter Kritikern ist fast nichts: Ein 15 % des ukrainischen Territoriums, das annektiert etwa 1 % des russischen Staatsgebiets und 0,1 % seines BIP ausmachen würde.

Was sich tatsächlich auf dem von Russland kontrollierten Boden befindet

Das Argument dafür hat seine eigene Liste: Bevölkerung, das größte Kernkraftwerk Europas, ein Meer und dessen Küste, Lithiumreserven und ein bemerkenswerter Anteil der besten Ackerflächen der Welt. Auf dem Papier ein attraktives Paket.

Die Gegenargumente lassen nicht auf sich warten. Die Bevölkerung ist gemessen am BIP pro Kopf die ärmste in Europa und lebt nach dem Krieg in einem zerstörten Gebiet, das Wiederaufbau erfordert; das Kernkraftwerk kann Russland selbst bauen; den Zugang zum Meer hatte es seit Jahren durch die Krim, die fast die Hälfte der gesamten ukrainischen Küste ausmacht. Lithium und Ackerland wiegen wenig, wenn das kontrollierte Gebiet nur 15–20 % des Landes umfasst. Und bezüglich der Bevölkerung gibt es unbequeme Daten: Im Donbas sind fast die Hälfte dagegen, im übrigen Ukraine mehr als 80 %.

Das Energiegeschäft: Billiger an den verkaufen, der früher teuer zahlte

Hier herrscht Uneinigkeit nach Lehrbuch. Eine Seite argumentiert, den europäischen Kunden — das Ziel von 40 % der russischen Exporte — zu verlieren, um Gas und Öl mit Rabatt an China und Indien abzusetzen, sei ein selbstverschuldeter Aderlass. Die andere Seite kontert mit Preisen: Ein Rabatt von 30 % auf Rohöl, das doppelt so hoch notiert wie der Durchschnitt der letzten Dekade, sei immer noch ein gutes Geschäft, und der russische Handelsbilanzüberschuss des Jahres wäre Rekord.

Ein Detail, das laut einem Teilnehmer beide Seiten verwirrt: Die NATO-Länder würden weiterhin russische Energie kaufen, nur über China, Indien oder Saudi-Arabien und mit Aufschlag. Die Diskussion lässt sich nicht abschließen, da keine einzelne Zahl eindeutig zeigt, ob Russland durch diesen Tausch verliert oder gewinnt; es hängt vom gewählten Referenzpreis und dem Volumen ab, das indirekt platziert wird.

Warum landeten Finnland und Schweden schließlich in der NATO?

In der Lesart der kritischen Seite hat die Invasion die Sicherheitskalkulation beider Länder verändert. Keines der beiden gehörte dem atlantischen Bündnis an, und nach dieser Darstellung hatte keines davon bis dahin dringend einen Beitritt beantragt. Das Ergebnis dieses Bilanzes ist, dass Russland das Gegenteil suchte — die Ukraine aus der Allianz fernhalten — und nun den Feind vor den Toren St. Petersburgs hat. Hinzu kommt der Effekt auf die Militärausgaben: Länder, die 0,5 % des BIP für Verteidigung ausgaben, erhöhten dies auf 2 %, stets nach dieser Version.

Der konventionelle Krieg und die nukleare Bedrohung

Auf militärischem Terrain spannt sich die Erzählung am stärksten an. Eine Seite erinnert daran, dass Hitler mit weniger als der halben Armee eines Landes mit 50 Millionen Einwohnern die Sowjetunion bezwang und in fünf Monaten die Strecke von Polen nach Moskau zurücklegte, und zieht die naheliegende Schlussfolgerung: Die NATO hätte mit besserer Technologie, besseren Waffen, besserer Geheimdienstinformation und zehnmal mehr Einwohnern kein Problem in einem konventionellen Krieg. Die russische Nuklearbedrohung wäre in dieser Lesart das Eingeständnis dieser Unterlegenheit.

Die andere Strömung akzeptiert den Vergleich nicht. Sie erinnert daran, dass die Wehrmacht erst nach Jahren der Erschöpfung zur Operation Barbarossa kam und letztlich verlor, und bezweifelt, dass die NATO drei Millionen Soldaten an die Front bringen könnte oder dass ein europäischer Soldat einen Grund findet, für fremde Interessen zu sterben. In der Mitte steht das Detail des unbegrenzten Hilfevertrags, den China angeblich mit Russland unterzeichnet hat. Keine der beiden Versionen wurde im Feld getestet, was den Vergleich in der Schwebe hält.

Rubel und BIP pro Kopf: Die unsichtbare Rechnung

Wie eine Seite der Debatte behauptet, leidet der Rubel seit drei Jahrzehnten unter Schwäche als Währung — unabhängig von der Manipulation der letzten Monate — und ist heute die Hälfte in Euro wert wie 2013. Zwischen 2013 und 2022 fiel das russische BIP pro Kopf um 30 %, während das im restlichen Europa um 20 % stieg, stets nach dieser Ansicht. Wer die Veränderung der globalen Hegemonie verteidigt, muss diese Differenz erklären, ohne auf den intervenierten Wechselkurs zurückzugreifen.



Genau hier stockt die Analyse: Russland kontrolliert Territorium und hat die Beziehung zu seinem bestzahlenden Käufer ruiniert, während China, Indien und die USA billiger einkaufen oder teurer verkaufen. Wie viel davon eine russische Niederlage ist und wie viel der Eintrittspreis in eine multipolare Welt ist, hat bisher keine der beiden Seiten mit festen Zahlen beantwortet.

Auch verfügbar auf: English

Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (155 Antworten).

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