NATO und das Versprechen an Gorbatschow: Kein Zoll nach Osten?

1990 soll Baker Gorbatschow versichert haben, die NATO werde sich nicht „einen Zoll nach Osten“ ausdehnen. Ohne Unterschrift bleibt dieses angebliche Versprechen im Zentrum der Debatte.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

NATO und das Versprechen an Gorbatschow: Kein Zoll nach Osten?

Im Jahr 1990 versicherte der damalige US-Außenminister James Baker Michail Gorbatschow, dass die NATO sich nicht „einen Zoll nach Osten“ ausdehnen werde, so zumindest zitierte entlassene Dokumente. Dieser Satz ist zum Kern einer hitzigen Diskussion geworden: War es ein formelles Versprechen oder nur eine beiläufige Bemerkung? Hat Gorbatschow die Sowjetunion verraten oder war er das Opfer seiner eigenen Naivität? Die verfügbaren Daten lassen keinen abschließenden Schluss zu.

Der Ursprung des Versprechens und seine Auslegung

Die Debatte geht von einem konkreten Faktum aus: Bei den Verhandlungen über die deutsche Wiedervereinigung teilten Baker und andere westliche Führer Gorbatschow mit, die NATO werde nicht nach Osten vorrücken. Es existiert jedoch kein unterzeichnetes Dokument, das diese Verpflichtung festhält. Befürworter eines mündlichen Versprechens argumentieren, dass in der russischen Kultur Wortvereinbarungen ein ähnliches Gewicht wie schriftliche Verträge haben. Gegner betonen, dass die UdSSR 1991 aufgelöst wurde und damit jede Verpflichtung gegenüber diesem Staat erloschen sei.

Die Kontroverse wird durch Gorbatschows eigene Aussagen angeheizt; 2009 kritisierte er die Osterweiterung der NATO, was manche als Bestätigung werten, dass er einen Pakt verstand. Andere sehen darin lediglich die Einsicht in einen Kalkulationsfehler.

War Gorbatschow ein Verräter oder ein Naivling?

Die Person Gorbatschows polarisiert stark. Eine Strömung bezeichnet ihn als Verräter, der mit „Pizza-Gutscheinen“ bezahlt habe – eine Anspielung auf Werbung – und den Zerfall der UdSSR zuließ. Eine andere beschreibt ihn als einen von den Ereignissen überforderten Führer, der gegen die Auflösung der Union war und vor den Problemen gewarnt hatte. In dieser Lesart war Boris Jelzin der eigentliche Verantwortliche für die Auflösung, da er die Unabhängigkeit der Russischen Republik erklärte, um „reicher zu werden“.

Laut einem Teilnehmer erhielt Gorbatschow bei den ersten Wahlen im postsowjetischen Russland nur 0,6 % der Stimmen. Der Westen feierte ihn als Helden; in seinem Land wollte ihn kaum jemand.

NATO-Erweiterung und russische Sicherheit

Die Debatte dreht sich um die Kernfrage: die Erweiterung der NATO. Einer Berechnung zufolge sind seit 1991 fünfzehn osteuropäische Länder dem Bündnis beigetreten. Für einige beweist dies, dass das Versprechen „keinen Zoll“ wertlos war. Für andere waren diese Staaten souverän und konnten ihre Mitgliedschaft frei wählen.

Die Diskussion umfasst auch ein wenig bekanntes Episode: Mitte der Neunziger sagte der damalige NATO-Generalsekretär Javier Solana zu Jelzin, Russland habe Platz in der NATO, „ob es will oder nicht“. Jelzin nahm dies als schlechten Scherz und protestierte. Diese Anekdote illustriert die Ambivalenz der Beziehungen zwischen Russland und der Allianz.

Die Rolle der USA und die Souveränität Osteuropas

Ein Teil der Analyse behauptet, die NATO sei der bewaffnete Arm der USA und ihre Ausweitung diene imperialen Interessen. Man nennt 800 US-Militärbasen weltweit sowie Dutzende von Staatsstreichen und Invasionen als Beweis dafür, dass Washington fremde Souveränität missachtet. Demgegenüber argumentieren andere, dass die osteuropäischen Länder selbst um NATO-Mitgliedschaft baten, um sich vor Russland zu schützen, während Moskau seinen Einfluss verlor, weil es Nachbarn wie Satellitenstaaten behandelte.

Der Fall der Ukraine schwebt über der gesamten Diskussion. Dass Titan und Weizen exportiert werden, ohne dass Russland die ukrainischen Kommunikationswege zerstört hat, nährt in bestimmten Kreisen den Verdacht, der Kreml werde von angloamerikanischen Interessen kontrolliert oder beeinflusst. Dies ist eine unbewiesene Hypothese, die jedoch stark kursiert.

Gorbatschows Vermächtnis und die Zukunft der europäischen Sicherheit

Das Gespräch endet nicht. Für manche war Gorbatschow ein Naivling, der dem Wort jener glaubte, die es nie halten. Für andere war er ein Führer, der versuchte, ein unhaltbares System zu reformieren, und von Kräften überwältigt wurde, die er nicht kontrollieren konnte. Die einzige Gewissheit ist, dass das Versprechen „keinen Zoll nach Osten“ weiterhin als Gespenst jeder NATO-Erweiterung umhergeistert.

Gab es je eine echte Verpflichtung oder nur ein diplomatisches Missverständnis? Die Antwort hängt davon ab, wen man fragt. Und das ist in der Geopolitik dem Stillstand am nächsten.

Auch verfügbar auf: English

Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (131 Antworten).

Weitere Zusammenfassungen

Alle Zusammenfassungen auf Deutsch →

-
Volver