Der Comic als Waffe: Mortadelo unter der Lupe von Ayn Rand
Ein Leser, der in seiner Kindheit tausende Stunden mit Mortadelo y Filemón verbrachte und hunderte Hefte aus den 70er und 80er Jahren besitzt, formulierte nach dem Tod von Francisco Ibáñez die systematischste Anklage gegen dessen Werk. Er diskutiert nicht das Wie: Er lobt das technische Talent des Zeichners. Was er angreift, ist das Was, die Welt, die Ibáñez wählte darzustellen. Um dies zu tun, greift er auf die Ästhetik von Ayn Rand zurück, wonach Kunst eine selektive Darstellung der Realität ist, die die Werte des Künstlers widerspiegelt, und jedes Werk ein implizites „So ist das Leben“ enthält.
Daraus ergibt sich die unbequeme Frage: Wenn Eltern ihre Kinder jahrzehntelang dieses Universum absorbieren ließen, welches Land wurde da erschaffen?
Was Ibáñez zeichnete: Eine Welt ohne Konsequenzen
Die zentrale These besagt, dass das Ibáñez-Universum traumhaft ist. Jede Geschichte ist ein geschlossener Traum für sich, ohne Kontinuität, ohne Zeitablauf, ohne Kosten. Die TIA (Tecnología de Investigación en Acción) geht nie bankrott. Ofelia hört nie auf, Mortadelo zu jagen, und Mortadelo ändert sich nie. Pepe Gotera und Otilio verlieren ihren Job nicht wegen Inkompetenz. Rompetechos landet nicht bei einem Optiker, der ihm die richtige Brille anpasst. Es gibt kein Sparen, Lernen, keinen Fortschritt, keine Ehen, Geburten oder Todesfälle.
Die Schlussfolgerung ist hart: Die Figuren sind wegen ihrer geistigen Behinderung Charaktere, und auf dieser Basis wurde die Unterhaltung mehrerer Generationen aufgebaut. Dem stehen Gegenbeispiele derselben Epoche gegenüber, von einem muskulösen, leidenden Batman, der Fortschritte macht, bis hin zu Science-Fiction-Comics mit Menschen, die lieben, sterben und sich nach etwas Besserem sehnen.
Die Verteidigung: Vom Lazarillo zum Schalterbeamten
Die stärkste Erwiderung leugnet die Fakten nicht, sondern rahmt sie neu. Mortadelo hat nichts erfunden: Das Genre stammt von Apulejus, Petronius, dem Lazarillo, Don Quijote, El Buscón und den zynischen Philosophen, die Diogenes Laertios sammelte. Es ist eine zynische Lebensauffassung mit tiefen Wurzeln, kein Nebenprodukt einer bestimmten Epoche.
Es gibt noch mehr. Wer mit diesen Zeichnungen lesen lernte, behauptet, der Wert liege in dem, was sie lehrten: Vokabeln, die viele erst viel später erwerben, historische Referenzen – von den Hottentotten bis Wladiwostok –, versteckte Witze im Hintergrund. Und eine anthropologische Lesart: Diese unbewegliche, kartonartige Welt ist der Beamtenapparat, der Schalter, der KMU-Betrieb und die Verwaltung, die der Leser später bewohnen würde.
1969, die Colección Olé und das Geschäft von Bruguera
Der Katalog widerlegt die Idee eines homogenen Werks. Die Alben der Humor-Klassiker beginnen 1969; das sorgfältige Format festigt sich ab diesem Zeitpunkt. Das Album Los invasores stammt von 1974. Das Softcover der Colección Olé kommt Ende der 70er Jahre, und die Súper Humor sind nichts anderes als Sammelbände in Pappeinband, geschätzt vor allem, weil sie im Regal besser erhalten blieben.
Die Preise der damaligen Ausgaben – 40, 70, 100 und 200 Peseten – zeichnen einen Produktanstieg, der für den Kiosk gedacht war, nicht für die Bibliothek. Die kommerzielle Skala ist wichtig: Ibáñez hielt seinen durchschlagenden Erfolg über 40 Jahre hinweg in einem Markt mit kaum Konkurrenz.
Batman, Manga und der spanische Comic, der nach oben blickte
Der Kontrast erstreckt sich auf die gesamte Branche. Aus dem Superhelden-Comic wird hervorgehoben, dass der Held leidet, lernt und danach strebt, mehr zu sein. Vom Shonen-Manga wird betont, dass seine Protagonisten nichts geschenkt bekommen und sich durch Anstrengung übertreffen. Von Steve Ditkos Mr. A, gezeichnet von einem erklärten Objektivist, wird unterstrichen, dass seine Geschichten sarracena Parabeln sind.
Auch Escobar, der Autor von Zipi y Zape, wird verglichen, dem ähnliche Technik und null Anerkennung zugeschrieben werden, sowie mit den verfilmten Adaptionen derselben Figuren: eine Version von 1982 und eine aus dem 21. Jahrhundert ohne „hässliche und deformierte Leute, die unmögliche Albtraumdinge tun“. Das negative Gegenbeispiel ist Roberto Alcázar, grob geplant gezeichnet, aber mit der expliziten Absicht, ein Verhaltensmodell anzubieten. Jahrzehnte später bleibt die Frage offen: Ist ein schlecht gezeichneter Comic mit Werten schlimmer als ein genialer ohne welche?
Die Abweichung: Schwarze Legende, 1898 und Endophobie
Gegen Ende verschiebt sich die Analyse vom Strich zur Identität. Eine Strömung behauptet, Ibáñez habe ein armseliges und schlampiges Land aufgrund des Einflusses der Schwarzen Legende dargestellt, und Spanien werde im Ausland mehr respektiert als im Inland. Eine andere entgegnet, dass es die größte Form der Endophobie sei, jemanden als endophob zu bezeichnen, der die gemeinsame menschliche Armut darstellt – von Cervantes bis Beckett. Und eine dritte weist auf eine prosaischere Ursache hin: Gilden, die den Markt monopolisieren, fehlender Wettbewerb und eine fremde Unterhaltungsindustrie, die seit Jahrzehnten das nationale Selbstwertgefühl zertrümmert.
Die Anekdote, die das Durcheinander am besten zusammenfasst, ist eine Ibáñez zugeschriebene Karikatur, in der Filemón erklärt: „Ich bin rechts, aber diesmal mache ich Zugeständnisse.“ Sie wurde als Beweis für einen militanten Ibáñez verwendet, bis jemand die Signatur bemerkte: „Furiñez“, eine spätere Parodie, die nichts mit Bruguera zu tun hatte. Nicht einmal die Zitate halten der Prüfung stand.
Trotz alledem war der Vorwurf im Kern nicht ästhetisch, sondern wirtschaftlich: Ein Land, das Schlamperei ohne Kosten belohnt, ähnelt am Ende dem namenlosen Land, in dem Mortadelo und Filemón leben. Kann man etwas von einem Comic lernen, der nie lehren wollte? Niemand hat diese Antwort unterschrieben.
Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft.
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