Minimalismus in Spanien: Leben mit nur 89 Gegenständen

Ein Spanier lebt seit drei Monaten mit 89 Dingen und will auf 70 reduzieren. So funktioniert das Zählen der 100-Dinge-Regel und was man wirklich spart.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Drei Monate mit 89 Gegenständen: So zählt man die 100 Dinge

Wie viele Dinge besitzt du gerade? Kaum jemand kann das beantworten, und genau hier setzt der Minimalismus an. Manche wissen es sehr wohl: Ein Mann lebt seit drei Monaten mit weniger als 100 Gegenständen, hat 89 gezählt und will vor Ende August auf 70 runterkommen. Der Auslöser war keine spirituelle Erleuchtung, sondern Geldmangel: Er begann, ungenutzte Sachen auf Secondhand-Plattformen zu verkaufen, und merkte, dass er Berge von Dingen hortete, an die er sich nicht einmal erinnerte.

Die Zahl trügt. Mit 100 Dingen zu leben ist nicht dasselbe wie mit 100 Gegenständen, und dort beginnt das erste Problem. Denn das Zählen hat Regeln, und diese sind umstritten.

Was zählt als ein Ding und was nicht

Ein Paar Schuhe zählt als eins. Ein Ladegerät zählt nicht, weil das Handy ohne ihn nicht funktioniert. Dokumente zählen nicht, wenn sie archiviert sind und ein Verfallsdatum haben; Erinnerungen auch nicht, solange sie in eine Schuhkarton passen. Verbrauchsartikel – Deo, Zahnpasta, Essen – bleiben außen vor. Und alles, was man den ganzen Tag trägt, ebenfalls: Uhr, Ohrringe, Armbänder.

Mit diesem Regelwerk ist die tatsächliche Zahl deutlich elastischer, als die Überschrift suggeriert. Auch bei der Wohnung gibt es Kleingedrucktes: Wer zur Miete wohnt, nutzt Möbel und Geschirr, die mit der Wohnung kommen und die man sonst hätte kaufen müssen, daher ist der Vergleich nicht sauber. Der Initiator des Experiments räumt ein, dass er die Möblierung ausließ und sich auf den persönlichen Bereich beschränkte: Schränke, Schubladen, Kleidung und Luxusgüter.

Fotos, Listen und die Sechs-Monate-Regel

Die Methode ist simpel und funktioniert deshalb: Das Handy nehmen, alles fotografieren, was man besitzt, die Bilder prüfen, auf Papier notieren, was bleibt und was geht, und das Filtern wiederholen, bis die Zahl stimmt. Keine App, kein Berater, kein Abo.

Zum selbstgemachten Algorithmus kommt ein Kriterium, das immer wieder auftaucht: Was du in sechs Monaten nicht benutzt hast, brauchst du nicht. Diese Maxime hat Fürsprecher und einige vernünftige Nuancen – manche Dinge werden nicht täglich genutzt, sind aber trotzdem nötig, wie Kritiker am Beispiel einer Heizdecke zeigen. Für jene, die sich von der 100er-Marke überfordert fühlen, gibt es eine abgespeckte Version: jeden Tag eine Sache loswerden. Weniger episch, nachhaltiger.

Wie viel Geld fließt weniger ab

Hier wird es vom Philosophischen zum Buchhalterischen. Den Überschuss zu verkaufen bringt sofort Liquidität – darum ging es am Anfang – und weniger Krimskrams zu kaufen entlastet das monatliche Budget. Unter den genannten Fällen ist einer, der die Ersparnis auf fast 1.000 Dollar pro Monat beziffert, während man im Wohnmobil lebt, und eine häusliche Formulierung fasst die Idee besser zusammen als jede Grafik: „Mein Monatsende ist jetzt der 20. statt des 15.“

Im Hintergrund schwingt ein Argument mit, das nichts mit Minimalismus zu tun hat: Wenn du nur das besitzt, was du wirklich nutzt, hörst du auf, Geld für Ersatz, Lagerung und Reparaturen von Dingen auszugeben, an die du dich kaum erinnerst. Die Ersparnis kommt nicht durch Askese, sondern durch Wissen darüber, was im Haus ist.

Der emotionale Preis des Ausmistens

Nicht jeder kann das. Comics, DVDs, CDs und Bücher stapeln sich oft zu Hunderten in Regalen, und manche fassen es präzise zusammen: „Ich würde etwas Geld bekommen und Platz gewinnen, aber der Verkauf würde mir wehtun und ich glaube, ich würde es bereuen.“ Andere haben den Prozess ohne Trauma durchlaufen: Nach einer Trennung waren 80% der Schränke leer und das Haus funktionierte genauso gut weiter.

Und dann gibt es Geschichten, in denen das Leeren keine ästhetische Wahl ist. Manche berichten von Jahren im unsteten Leben – mal Monate in einer Stadt, mal beim Verwandten – und später vom Tod ihres Partners im Jahr 2007: Seine Kleidung zu verschenken und nur vier Gegenstände mit sentimentalem Wert zu behalten, war weniger eine Methode als eine Notwendigkeit. Die Grenze zwischen Minimalismus und Trauer ist dünner, als es scheint.

Rationalität oder „Coolness“ der Armut?

Die Spaltung ist da. Eine Strömung behauptet, Minimalismus sei eine verpackte Mode, ein weiteres Marketingprodukt, das aufgezwungene Knappheit zur Tugend macht und demjenigen, der knapp bei Kasse ist, verkauft, dass Nichts-Haben eine freie Entscheidung sei. Man sagt sogar mit Ironie, das Motto der Saison laute „Du wirst nichts haben und glücklich sein“, und Askese werde als Lifestyle getarnt. Manche tun es so ab: Armut cool machen.

Auf der anderen Seite geht es in der Verteidigung nicht um Menge, sondern um Kriterien: Es geht nicht darum, wenig zu haben, sondern nur das, was Mehrwert bietet, indem man ein Hobby intensiv pflegt statt zwölf halbherzig, und keinen Neuschnee-Kauf tätigt, um zweimal im Jahr Ski zu fahren. Und eine historische Korrektur, die alle entkräftet, die dies als neu bezeichnen: Zwanghaftes Horten nennt man Diogenes-Syndrom, obwohl Diogenes das genaue Gegenteil war, ein radikaler Minimalist.

Fragen, die das System nicht löst

Jede Zählung hat Lücken, und manche werden mit Humor angesprochen. Zählt eine Festplatte mit 2.000 Filmen als ein Objekt oder als 2.001? Ist ein Satz Bohrmeißel eine Sache oder sechzehn? Keine Antwort schließt das System ab, und das ist unbequemer als gedacht: Eine Methode, die Genauigkeit beansprucht, weiß nicht, was sie mit einer Werkzeugkiste anfangen soll.

Es gibt auch Leute, die den Schraubenzieher zweimal im Jahr hervorholen und ihn nicht wegwerfen wollen. Und andere, die am anderen Ufer den Maximalismus ohne Komplexe verteidigen: Werkstatt, Fitnessstudio und Bibliothek mit hunderten Büchern. Ein halb leeres Haus, sagen sie, wirkt wie ein seelenloses Standardhotel.

Mit diesen Regeln scheint das Zählen des eigenen Lebens einfach, bis man anfängt. Was, wenn das Problem nicht darin liegt, wie viele Dinge du hast, sondern wie viele du benennen kannst?

Auch verfügbar auf: English

Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (211 Antworten).

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