Mileis erster Test: DNU unter Verdacht und explodierende Preise
Argentinien schloss das Jahr 2023 mit einem neuen Präsidenten ab, dessen Preise sich quasi von selbst neu ordneten. Javier Milei unterzeichnete ein Dekret der Notwendigkeit und Dringlichkeit (DNU), um die Wirtschaft zu deregulieren. Parallel dazu begannen Geschäfte, ihre Preislisten zu überarbeiten: Kraftstoff stieg um 70 %, Lebensmittel um 80 %, und einige Tarife kletterten innerhalb einer Woche um 100 %. Auf den Straßen kam die Reaktion schnell, wenn auch weniger heftig als von vielen erwartet. Die Frage, die Buenos Aires und Córdoba bewegt, lautet: Ist dies der versprochene Sparkurs oder der Beginn eines anderen Weges?
Ist das DNU zur Deregulierung verfassungsgemäß?
Die heikelste Front befindet sich nicht auf der Straße, sondern vor Gericht. Das Dekret beruft sich auf Artikel 99, Absatz 3 der Nationalverfassung, der eine Regierung durch Dekrete nur dann erlaubt, wenn „außergewöhnliche Umstände“ den ordentlichen Gesetzgebungsprozess unmöglich machen. Von dieser Formulierung hängt alles ab: Ob Argentinien tatsächlich eine Ausnahmesituation erlebt, die das Überspringen des Kongresses rechtfertigt. Einige Analysen betrachten es als verfassungswidrig und rückgängig machbar, und die meisten Prognosen deuten darauf hin, dass die Angelegenheit vor dem Obersten Gerichtshof landen wird, möglicherweise im Eilverfahren per per saltum. Wenn das Gericht das Dekret bestätigt, gewinnt der Sparkurs rechtliche Stärke; wenn es ihn kippt, öffnet sich ein Szenario, das noch niemand geprobt hat.
Kraftstoff +70 %, Lebensmittel +80 %: Die Karte der Preiserhöhungen
Die ersten Preisdaten zeigten ein schwer verdauliches Bild. Kraftstoff, ein Rohstoff, der fast alles andere nachzieht, legte um rund 70 % zu, während Lebensmittel um etwa 80 % stiegen und manche Listen direkt um 100 % korrigiert wurden. Zur Ursache gibt es zwei gegensätzliche Lesarten. Eine behauptet, Milei habe genau jene Hyperinflation entfesselt, die er versprochen hatte zu vermeiden. Die andere entgegnet, der reale Preis sei immer da gewesen; geändert habe sich nur, wer ihn zahlt: Der Staat subventioniert nicht mehr, und diese Kosten tauchen nun über die Preise wieder auf.
Das ist kein geringfügiger Unterschied. Wenn der Anstieg ein einmaliger Schock ist, hat der Sparkurs eine Chance; wenn er sich festsetzt, fehlt jedem Stabilisierungsplan die soziale Basis.
Von Straßenschlachten zu friedlichen Märschen
Manche argumentieren, dass sich die Form des Protests gewandelt hat. Im Gegensatz zu Bildern schwerer Ausschreitungen, die in sozialen Medien kursieren – und die in vielen Fällen ältere Ereignisse zeigen, nicht die Tage nach der Amtseinführung –, erscheinen die jüngeren Aufrufe als sanfte Märsche ohne Verkehrsblockaden und mit deutlich weniger Teilnehmern. Ohne den Hebel der Angst vor dem Verlust sozialer Hilfen verliert die Mobilisierung an Zugkraft. Mehrere Berichte beschreiben Pfannen- und Topf-Demonstrationen, die Ampeln respektieren und auf den Bürgersteig zurückkehren, wenn Fußgänger Vorrang haben. Ein Wechsel im Repertoire, der, falls er sich bestätigt, radikale Organisationen ihres klassischen Werkzeugs beraubt: der Blockade.
Sicherheit
Regierung stellt Rechnung für Einsatz; Córdoba meldet Festnahmen
Die offizielle Antwort war finanzieller und juristischer Natur. Die Exekutive kündigte an, linken Organisationen die Kosten für den Sicherheitsaufwand bei den Demonstrationen in Rechnung zu stellen – ein Schritt, der den Protest zu einer Kassenfrage macht. In Córdoba endeten die Zwischenfälle mit fünf Festnahmen, angeklagt wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt, Behinderung öffentlicher Wege und Körperverletzung, während ihre Vorstrafen überprüft werden. Es sind kleine Zahlen, aber sie markieren eine Linie: Demonstrieren wird nicht mehr kostenlos sein.
Zehn Millionen Beschäftigte, davon nur sechs im Privatsektor
Unter dem politischen Lärm liegt eine Arbeitsmarktstruktur, die einen Großteil des Problems erklärt. Daten, mit denen Analysten arbeiten, zeichnen ein Land mit einer Bevölkerung ähnlich der Spaniens, in dem rund zehn Millionen Menschen arbeiten; davon sind jedoch nur sechs Millionen im Privatsektor beschäftigt. Der Rest lebt von Zuschüssen, Programmen und öffentlichen Jobs. Dies ist das Spielfeld für das vom Government oft wiederholte „Es gibt kein Geld“: Jeder Kürzung der Ausgaben entspricht ein Einkommensverlust für Hunderttausende Haushalte. Und es erklärt, warum jede Einsparung sofort zu neuen Straßenprotesten führt.
Ein Lohn von 345 Euro gegenüber Mar del Platals Immobilienmarkt
Das Bild des Geldes zeigt sich am besten auf dem Immobilienmarkt. In Mar del Plata werden Objekte in Dollar gehandelt, deren Preise nicht zu einem Durchschnittslohn von rund 345 Euro pro Monat (ca. 350 Dollar) passen. Die Paradoxie löst sich auf, wenn man betrachtet, wer kauft: Wer dieses Gehalt bezieht, kann keine Wohnungen erwerben, aber zwei bis drei Millionen Menschen können sie bar bezahlen. Der argentinische Immobilienmarkt richtet sich nicht nach dem Durchschnittslohn, sondern nach den dollarisierten Ersparnissen, die alle Krisen überlebt haben. Ein Detail aus diesen Angeboten verdeutlicht dies: Häuser mit sechs Meter hohen Zäunen und weiteren drei Metern Gittern, als wäre Sicherheit eine zusätzliche Posten im Preis.
Der peruanische Spiegel des Schocks
Der häufigste Vergleich zieht Peru heran, das einen harten Sparplan durchführte, um eine scheinbar unaufhaltbare Hyperinflation zu stoppen. Wer sich daran erinnert, betont zwei Punkte: Der Schlag war brutal, wurde aber ausgehalten, und der entscheidende Unterschied besteht darin, dass Peru damals ein höheres Lebensniveau besaß, das hierzulande nur durch Schulden gehalten wird. Die Analogie hat Grenzen. Argentinien geht den Schock mit weniger Puffer, mehr Jahren des Defizits und einer Gesellschaft ein, die daran gewöhnt ist, dass jemand anders die Differenz zahlt.
Und dort stockt die Analyse. Der Oberste Gerichtshof hat noch nicht entschieden, ob das DNU verfassungsgemäß ist; die Märsche haben an Intensität verloren, sind aber nicht verschwunden, und die Preise reagieren weiterhin auf Impulse, die kein Gesetz kontrolliert. Der Kampf bleibt offen. Niemand weiß, ob der Sparkurs hält oder ob die nächste Preisanpassung erneut die Straßen füllt.
Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft.
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