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Das Anwerbeabkommen mit der Türkei stammt von 1961, das mit Italien von 1955. Daten zeigen, dass türkische Arbeiter nach der Hauptphase des Wiederaufbaus kamen.
Merz behauptet, Türken hätten Deutschland wiederaufgebaut: Der Zeitplan passt nicht
Haben türkische Gastarbeiter das Nachkriegsdeutschland aufgebaut? Die Merz zugeschriebene Aussage kollidiert mit einer unbequemen Chronologie: Das Anwerbeabkommen mit der Türkei stammt aus dem Jahr 1961, während das erste Abkommen über ausländische Arbeitskräfte bereits 1955 mit Italien geschlossen wurde. Als die Mehrheit der türkischen Arbeitnehmer eintraf, war die Phase des Wiederaufbaus bereits zur Hälfte vorbei. Dieses Detail ist nicht unwichtig: Es eröffnet erneut die Debatte darüber, wie viel des sogenannten deutschen Wirtschaftswunders auf Erzählung und wie viel auf Lohnabrechnungen beruht.
Von Italien 1955 bis zur Türkei 1961: eine sechsjährige Lücke
Der zentrale Einwand ist chronologischer Natur. Das erste Anwerbeabkommen für ausländische Arbeitnehmer wurde 1955 mit Italien geschlossen; mit der Türkei erst 1961. Zu diesem Zeitpunkt wuchs die deutsche Wirtschaft seit Jahren rasant und die Fabriken liefen bereits. Wer die These von Merz vertritt, müsste erklären, was genau zwischen 1961 und 1973 mit türkischer Arbeitskraft wieder aufgebaut wurde: Wohnraum, Industrie, Infrastruktur. Die ehrlichste Antwort lautet, dass sie das zweite Stockwerk des Gebäudes errichteten, nicht das Fundament.
Die Nuance, die standhält: Türkische Arbeitnehmer waren im industriellen Getriebe der Sechziger und Siebziger zentral. Nicht beim physischen Wiederaufbau der zerstörten Städte, sondern bei der Produktion, die die Expansion trug. Das sind zwei verschiedene Dinge, und ihre Verwechslung bildet die Grundlage der gesamten Kontroverse.
Die Rotation, die keine war
Das System wurde als temporär verkauft. Sie kommen rein, arbeiten, gehen zurück. Die Zahlen der reinen Anwerbephase stützen diese Logik: Zwischen 1961 und 1973 wanderten rund 867.000 Türken ein und etwa 500.000 kehrten zurück. Das heißt, die Mehrheit ging während dieses Zeitraums tatsächlich nach Hause. Die Regelung funktionierte als Rotation, solange der Hahn offen blieb.
Der Hahn wurde 1973 zugedreht, mit der Ölkrise und dem Anwerbestopp. Und da kippte alles: Wer bereits drin war, hörte auf, temporär zu sein, und erhielt das Recht auf Familiennachzug. Die Gemeinde wuchs von etwa 900.000 auf über 1,5 Millionen Anfang der Achtziger, und ein großer Teil dieses Sprungs waren keine Geburten, sondern Familien, die durch die Hintertür geholt wurden. Neue Arbeitskräfte wurden verboten, aber ganze Familien durften einreisen. Die schlechteste mögliche Kombination.
Der DDR-Spiegel, der gar nicht so anders war
Der Vergleich mit Ostdeutschland wird als sarracena Kontrast genutzt, scheitert aber an den Details. Die DDR verbot Immigration nicht: Sie importierte Arbeitskräfte Staat-zu-Staat. Ende der Achtziger hatte sie etwa 90.000 bis 100.000 Vertragsarbeiter, überwiegend Vietnamesen – etwa 60.000 –, dazu Mosambikaner, Kubaner und Angolaner. Ohne Rechte, untergebracht in Wohnheimen abseits der übrigen Bevölkerung.
Was den Druck auf schwangere Arbeitnehmerinnen angeht, gibt es Zeugenaussagen über Drohungen mit Abschiebung, Verlust des Vertrags und der Unterkunft. Von dort bis zur Behauptung einer systematischen Politik der Zwangsabtreibung ist es jedoch ein weiter Weg, den die Archive nicht mit der verbreiteten Eindringlichkeit stützen.
Wer zahlte die Rechnung für den Familiennachzug?
Der wirtschaftliche Hintergrund wird am wenigsten diskutiert und erklärt am meisten. Die deutschen Arbeitgeber drängten 1961 auf billige Arbeitskräfte und protestierten 1973 gegen den Anwerbestopp. Das System war darauf ausgelegt, die Kosten für die Reproduktion der Arbeitskraft nicht zu tragen: Die Familie wurde schließlich vom Staat getragen. Das ist keine Erfindung des Spätkapitalismus, sondern die Logik jeder Volkswirtschaft, die Arbeit importiert und Kosten exportiert.
Die letzte Ironie besteht darin, dass der Merz zugeschriebene Satz besser als politisches Signal denn als historische These funktioniert. Den Beitrag der türkischen Arbeitnehmer anzuerkennen, erfordert keine Umschreibung des Kalenders. Es reicht, die Wahrheit zu sagen: Sie haben die Mauern nicht hochgezogen, aber die Fabrik dahinter am Laufen gehalten. Der Rest ist Jubiläums-Make-up.
Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft.
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