Mariupol: Die Belagerung, die Russland nicht verlieren darf

Russland kündigt eine Waffenruhe für Evakuierungen in Mariupol und Wolnowacha an, während sich die isolierte Stadt auf einen Häuserkampf vorbereitet.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Mariupol rüstet sich für den letzten Sturmangriff

Eine vorübergehende Waffenruhe, um Zivilisten herauszulassen. Und danach die Stadt selbst. Das russische Verteidigungsministerium kündigte eine Pause in Mariupol und Wolnowacha an, um humanitäre Korridore zu öffnen. Dieses Manöver – so alt wie der Krieg selbst – lässt zwei Deutungen zu: eine humanitäre Geste oder ein Countdown. Die Hafenstadt im Donbas ist seit Tagen vom Rest der Ukraine durch einen Landkorridor abgeschnitten, der Donezk mit der Krim verbindet, und alles deutet darauf hin, dass die Schlacht sehr hart werden wird.

Der Grund ist nicht nur strategisch. In Mariupol hat das Asow-Bataillon, eine Einheit neonazistischen Ursprungs, die die Stadt verteidigt, seine historische Basis, und über ihr schwebt eine offene Rechnung, die bis ins Jahr 2015 zurückreicht. Wer nach dem Ultimatum bleibt, hört auf, Zivilist zu sein: Er wird zum Kämpfer. Diese Logik wurde in anderen Szenarien angewandt und hier mit präziser Lehrbuchmanier wiederholt.

Was ein humanitärer Korridor in einer belagerten Stadt bedeutet

Die Abfolge ist bekannt: Die Pause wird angekündigt, diejenigen, die können, gehen hinaus, und die Bleibenden werden als feindlich definiert. Im Fall von Mariupol wird die Evakuierung einer isolierten Stadt als Zeichen dafür gewertet, dass der Widerstand zahlenmäßig erheblich und politisch symbolträchtig sein wird. Es ist kein Rückzug: Es ist das Freimachen des Spielbretts.

Einige vertreten die Ansicht, dass die russische Taktik in Syrien genau diesem Drehbuch folgte – die Bevölkerung auslassen und dann das Übrige zerstören –, und dieser Vergleich kursiert beharrlich. Dagegen spricht ein anderes Argument: Wenn Moskau einfach nur zerstören wollte, müsste es weder das Feuer einstellen noch die Kosten in eigenen Verlusten tragen, die eine Haus-für-Haus-Verteidigung mit sich bringt. Die pessimistischste Berechnung geht von vollständiger Zerstörung aus; die wohlwollendere von einem langsamen Abnutzungskampf, um die Strapazen anderer Fronten nicht zu wiederholen.

Das Asow-Bataillon und die offene Rechnung von 2015

Mariupol ist keine gewöhnliche Stadt auf der Karte des Donbas. Dort hatte das Asow-Bataillon, eine Formation neonazistischen Ursprungs, die später in die ukrainische Militärstruktur integriert wurde, seinen historischen Sitz. Dass ausgerechnet diese Einheit die Festung verteidigt, erklärt einen Teil der Härte: Die Belagerer suchen keine gewöhnliche Kapitulation.

Über die Rolle des Asow-Bataillons unter der russischsprachigen Bevölkerung des Donbas kursieren widersprüchliche Versionen. Ein Teil der Analyse behauptet, die Einheit habe seit 2015 Terror unter der Zivilbevölkerung gesät; andere entgegnen, dass die mehrheitlich russischsprachige Zone das Ergebnis von Bevölkerungsverschiebungen aus früheren Zeiten sei. Keine der beiden Lesarten ist abgeschlossen, und man sollte sie als das betrachten, was sie sind: konkurrierende Narrative über ein Gebiet, das seit Jahren im Krieg ist.

Lehrbuchmäßige Verteidigung: Sich in der Stadt verschanzen

Militärisch wendet der ukrainische Widerstand das Handbuch des Schwächeren an: nichts im offenen Feld, wo er vernichtet würde, und alles auf die geschlossene Stadtverteidigung. Sich in den Städten zu verschanzen, zwingt den Angreifer zu Straßenkämpfen, vervielfacht die Verluste und macht jedes Gebäude zu einer Stellung. Es ist die Taktik, die den Belagerer am meisten abnutzt, abgesehen von amphibischen Landungen.

Das Problem ist der Preis. Die Zivilbevölkerung bleibt drinnen, und die Linie zwischen Kämpfer und Nachbar verschwimmt. Manche berechnen, dass mehr als eine Million Ukrainer seit Beginn der Offensive das Land verlassen haben, und die Frage, die jede Analyse überschattet, lautet: Was tut jemand, der kein Geld und kein Ziel hat, wenn seine Stadt bombardiert wird? Weggehen und eine alte Mutter oder kleine Kinder zurücklassen, oder bleiben? Aus dreitausend Kilometern Entfernung zu entscheiden, ist leicht. Es zu erleben, nicht.

Der russische Vormarsch: Propaganda gegen Logistik

Hier herrscht totale Uneinigkeit. Eine Seite nimmt als gegeben hin, dass Moskau sich gegen ein Land durchsetzt, das größer als Frankreich ist, mit einer Armee, die in acht Jahren Vorfeldkrieg gestählt wurde. Die andere Seite antwortet mit dem logistischen Argument: Ein Territorium dieser Größe in einer Woche zu besetzen, ist nicht machbar, und Karten, die triumphale Pfeile zeigen, sind meist Propaganda der einen oder anderen Seite.

Beeindruckender russischer Vormarsch. Beeindruckend, fasst mit Sarkasmus eine der gefeierten Interventionen zusammen, die unmittelbar daran erinnert, dass auch ein Rückzug spektakulär sein kann. Die Diskussion darüber, ob der Dnepr zur roten Linie werden wird – von Kiew bis zum Schwarzen Meer –, bleibt unbeantwortet. Und der Vergleich mit Stalingrad schwebt über dem gesamten Faden: Dort veränderte der städtische Widerstand einen Krieg. Hier hat er bisher nur den Kalender verändert.

Was mit der Stadt und dem Land passieren könnte

Die Hypothese, die in der Diskussion an Gewicht gewinnt, ist nicht die formale Aufteilung der Ukraine, sondern etwas, das eher einer faktischen Teilung ähnelt: Der Osten und Süden unter russischem Einfluss, der Westen als Reststaat und abhängig. Der Kreml bestreitet, dass sein Ziel die Teilung des Territoriums sei. Karten des Syrienkriegs, mit Belagerungen und massenhaften Bevölkerungsumsiedlungen, werden als Präzedenzfall dafür angeführt, wie man eine Region entleeren kann, ohne einen Vertrag zu unterschreiben.

Inzwischen ist die Szene, die für die Geschichte bleibt, keine Karte: Es ist ein Mann, der auf einem russischen Panzerfahrzeug steht und die ukrainische Flagge in Cherson schwenkt. Der Pappstein-Krieg, wie manche ihn nennen, erzeugt beredtere Bilder als jeder Operationsbericht. Wie lange braucht eine belagerte Stadt, um zum Symbol zu werden, und wie lange, um zum Problem für ihre Verteidiger zu werden?

Auch verfügbar auf: English

Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (92 Antworten).

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