Niemand liest – außer den 64%, die angeblich täglich lesen
Ein 64% der Spanier lesen jeden Tag. Diese Zahl wurde im Fernsehen verbreitet und gilt seither als offizielle Wahrheit. Im Gegensatz dazu widerspricht die Erfahrung fast aller diesem Bild: Ingenieure, Informatiker, Beamte, Bauarbeiter oder Arbeitslose im eigenen Umfeld geben an, seit Jahren kein Buch aus Vergnügen geöffnet zu haben. Der Widerspruch lässt sich nicht durch Leugnung einer Seite lösen, sondern nur durch die Frage, was genau unter „Lesen“ verstanden wird und wem diese Definition nützt.
Wie viele Spanier lesen täglich und warum passt die Statistik nicht?
Der Anteil von 64% stammt aus einem Fernsehbericht und basiert auf einer sehr dehnbaren Definition von Lesen. Darunter fallen Bestseller, Selbsthilfebücher und Jugendbuchreihen, die innerhalb einer Woche verschlungen werden. Die Statistik misst lediglich den Kontakt mit Text. Nachhaltiges Lesen ist etwas anderes.
Dagegen steht die These, dass nie so viel gelesen wurde wie heute. Vor fünfzig Jahren war mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung Analphabeten; heute gibt es Chats, soziale Netzwerke und Bildschirme überall, und pro Tag werden mehr geschriebene Wörter konsumiert als je zuvor. Der entscheidende Punkt: Es wird viel und schnell gelesen, aber ein großer Teil dieses Volumens verdampft nach wenigen Minuten.
Und dann gibt es noch die unbequeme Erklärung. Dass Zeit fehlt, ist diskutabel; dass Willenskraft fehlt, kaum. Jeder hat ein Bett und Licht zum Lesen vor dem Schlafengehen. Was mangelt, ist die Gewohnheit.
Klassiker, die überleben, und Romane, die niemand erneut liest
Es gibt eine Strömung, die bei aktuellen Neuerscheinungen resigniert hat und sich auf das konzentriert, was den Test der Zeit bestanden hat. Don Quijote, Odyssee, Amadis, La Celestina. Ihr Studium erklärt, warum sie funktionierten und weiterhin funktionieren, während der Großteil des aktuellen Katalogs – historische Romane mit Dinosauriern, Fantasy mit viel Sens, Persönlichkeitsentwicklung und Selbsthilfe – keine zweite Lektüre aushält.
Die Kritik am zeitgenössischen Essay ist hart: Er sei ebenso entbehrlich wie kommerzielle Fiktion. Auch der Leser, der sich für gebildet hält, während er genau das konsumiert, was er kritisiert, wird angeprangert. Eine radikale Zusammenfassung lautet: 90% der gelesenen Bücher sind Romane, und 90% der Essays sind ebenfalls wertlos. Daher die Empfehlung, direkt zu Büchern zu greifen, die mindestens dreißig Jahre alt sind.
Nicht alles ist Verachtung. In literarischen Kreisen ist Bewegung spürbar: Mehr Anmeldungen für Schreibwerkstätten und ein Release wie der letzte von Sanderson, der im Internet ähnlich viel Wirbel macht wie ein Videospiel. Was wächst, heißt es, ist Wegwerf-Literatur.
Handy, tote Zeit und Lesen vor dem Einschlafen
Das Argument der fehlenden Zeit zerfällt von selbst. Wer sagt, er habe keine Minute zum Lesen, gesteht später vier Stunden Kurzvideos, an die er sich am nächsten Tag nicht mehr erinnert. Die Konzentration ist zusammengebrochen, und das Buch ist das erste Opfer. Mehrere Leser geben zu, nur im Bett zu lesen, oder damit aufgehört zu haben, als sie öffentliche Verkehrsmittel nutzten – jenen letzten Zufluchtsort des Lesens aus Langeweile.
Hörbücher haben eine Seitentür geöffnet. Ein intensiver Leser gibt an, zwischen 50 und 60 gedruckte Bücher pro Jahr und etwa 100 Hörbücher zu konsumieren. Ein anderer erinnert sich daran, seinen Kindern Tausende von Geschichten vorgelesen zu haben, und stellt fest, dass sie immer noch lesen. Und gegen das Klischee, dass nur eine Elite lese, taucht der Fall einer Reinigungskraft auf, die süchtig nach Science-Fiction ist.
Lesen als Systemkritik und der lernende Arbeiter
Hierbei handelt es sich auch um eine politische Lesart. Heute wäre Lesen eines der rebellischsten Dinge überhaupt: ohne Lärm, ohne Strom, ohne Geolokalisierung und ohne Werbung. Ein Objekt, das keine Daten verlangt, keine Benachrichtigungen sendet und nicht auf jeder Seite monetarisiert wird.
Der historische Bezugspunkt ist das Mausoleum von Sagasta, wo die Figur eines Arbeiters erscheint, der über das studierte Buch nachdenkt. Diese Ästhetik fand sich auch in der politischen Plakatkunst der Zwischenkriegszeit: der sich bildende Arbeiter. Ein Bild, das heute archäologisch wirkt.
Lesen schützt nicht vor der offiziellen Erzählung
Hier kommt die unbequeme Wendung. Regale voller Bücher schützen vor nichts. Manche weisen darauf hin, dass Kollegen, die regelmäßig lesen, die Narrative der letzten Jahre kritiklos akzeptierten und die Dystopie nicht erkannten, obwohl sie direkt vor ihnen lag. In diesem Kontext wird ein bestimmtes Werk empfohlen, das weniger als Roman denn als Leitfaden für staatliches Handeln dargestellt wird.
Das abschließende Porträt kommt von außen. Zwei osteuropäische Frauen mit kulturellem Hintergrund zeigten sich überrascht, dass junge spanische Akademiker neben Arbeit, Serien, Terrasse und Sport keinerlei Interesse hatten. Keine Kunst, keine Musik außerhalb des Mainstreams, kein einziges Buch.
Da Lesen zur persönlichen Marke oder zum politischen Werkzeug geworden ist, lautet die Frage nicht mehr, wie viele lesen. Sondern: Gibt es noch jemanden, der liest, ohne dass es ihm einen Nutzen bringt?
Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft.
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