Lateinamerika stirbt aus wie Europa, Afrika zieht nach

Bolivien, Venezuela, die Dominikanische Republik und Zentralamerika führen die Geburtenraten des Kontinents nicht mehr an, und Afrika südlich der Sahara steuert auf denselben Rückgang zu.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Lateinamerika stirbt aus wie Europa, Afrika zieht nach
Lateinamerika bekommt keine Kinder mehr: der Einbruch ist längst nicht mehr nur europäisch

Das Klischee besagte, hohe Geburtenraten seien eine Sache des Südens. Die Geburtenraten-Karte des letzten Jahres widerlegt das: Bolivien, Venezuela, die Dominikanische Republik und Zentralamerika, die an der Spitze der Kontinental-Fertilität standen, befinden sich bereits auf derselben Abwärtskurve wie Europa. Nicht einmal sie bleiben verschont.

Daraus folgt die unbequeme Konsequenz. Wenn der Rückgang global ist, verliert das Argument, Einwanderung in die Erste Welt löse den demografischen Winter, seinen Boden: Man kann keine Bevölkerung aus einem Land mit Generationennachwuchs importieren, weil dieses Land schlicht aufhört zu existieren. Selbst Afrika würde in wenigen Jahrzehnten nicht verschont bleiben, so die kursierenden Prognosen.

Bolivien, Venezuela und Zentralamerika sind nicht mehr die Ausnahme

Auffällig ist nicht, dass ein bestimmtes Land sinkt, sondern die Konvergenz. Jahrelang wurde der lateinamerikanische Durchschnitt von Ländern mit hohen Raten gestützt; wenn diese der Tendenz folgen, hört der Durchschnitt auf, ein Durchschnitt zu sein, und wird zu einer einzigen Abwärtslinie. Es bleibt keine Ausnahme, die ausgleicht.

Der Vergleich, der herangezogen wird, ist der mit Asien, dem Nahen Osten und Lateinamerika selbst vor 30 Jahren: derselbe Weg, mit unterschiedlicher Geschwindigkeit zurückgelegt von Ländern, die einst gegen niedrige Fertilität immun schienen. Das Phänomen verliert seine Geografie.

Afrika südlich der Sahara: 4,0 Kinder pro Frau und ein Countdown

Das letzte Bollwerk hoher Geburtenraten ist beziffert: 4,0 Kinder pro Frau in Afrika südlich der Sahara, mit weiterhin hoher Sterblichkeit und einer Lebenserwartung von nicht mehr als 60 Jahren. Die meistzitierte Prognose setzt diese Rate in 20 Jahren bei 2,5 Kindern an und in 30 bis 40 Jahren auf dem heutigen lateinamerikanischen Niveau.

Es gibt schnellere Schätzungen. Gegen die Hypothese eines langsamen Übergangs vertritt eine andere Richtung die Auffassung, dass große Teile des afrikanischen Kontinents in nur 10 bis 15 Jahren auf 2 Kinder pro Frau oder darunter fallen werden. Dass beide Zahlen in derselben Debatte kursieren, sagt einiges über das Ausmaß der Unsicherheit.

Das Problem ist nicht, dass die Rate sinkt, sondern wann. Kommt der Übergang vor der Entwicklung —Gesundheitssystem, Industrie, Humankapital—, bleibt das Land mit einer gealterten Bevölkerung zurück, ohne jemals reich gewesen zu sein. Es ist der Film, den Europa gerade dreht, nur ohne das angesammelte Vermögen aus zwei Jahrhunderten Industrie.

Warum bricht die Geburtenrate ein? Die sich kreuzenden Ursachen

Eine der Erklärungen, die auftauchen, ist unmissverständlich: Die Entkriminalisierung und Normalisierung der Abtreibung in Europa und Amerika sei die Ursache des Einbruchs. Die Erwiderung bestreitet den Mechanismus nicht, grenzt ihn aber ein: Es ist eine Ursache unter mehreren, und dieselbe Richtung erinnert daran, dass der Zugang zu Abtreibung auch hinter dem Rückgang der Kriminalität und dem Ende ungewollter Schwangerschaften mit all ihren sozialen Problemen steht.

Der Rest des Repertoires klingt materieller: teurer Wohnraum, Hypergamie, Dating-Apps, soziale Medien, billiges Dopamin und Entfremdung zwischen den Geschlechtern. Mit diesem Cocktail hört der Rückgang auf, eine individuelle Entscheidung zu sein, und wird zur Struktur. Die wiederkehrende Prognose lautet, dass Afrika den Weg etwas langsamer gehe und ebenso bei 2 Kindern oder weniger ankommen werde.

Ohne Verbraucher und Beitragszahler: was zuerst bricht

Hier hört die Sache auf, sarracena zu sein, und wird zur Rechenaufgabe. Weniger Geburten bedeuten weniger Arbeitskräfte, weniger Beitragszahler und weniger Verbraucher für Industrien, die ihre Produktion für Märkte dimensioniert haben, die nicht existieren werden. Es wird nicht einmal Verbraucher für bestimmte Industrien geben, fasst eine der Diagnosen zusammen.

Über die Renten gibt es zwei gegensätzliche Lesarten. Die eine hält fest, dass das Problem nicht die Geburtenrate, sondern das System sei: dass die Renten halb Europa auffressen, sei eine politische Entscheidung, kein biologisches Schicksal. Die andere erwidert, dass ohne junge Bevölkerung keine Reform jemanden findet, der die Rechnung bezahlt. Ein drittes Argument setzt den Schlusspunkt: Es sei Wahnsinn, ständiges Wirtschaftswachstum zu erwarten, wenn die Arbeitskräfte nichts mehr hergeben.

Eigene Erwähnung verdient die identitäre Drift eines Teils der Debatte, die die demografischen Daten in eine Ersetzungserzählung und Verachtung gegenüber Migranten verwandelt. Sie ist der lauteste Teil und trägt am wenigsten bei: Wenn auch die Herkunftsländer aufhören, Kinder zu bekommen, funktioniert die Ersetzung nicht einmal mehr als Trost.

Eine Frage bleibt offen: Wenn Afrika südlich der Sahara vor der Industrialisierung unter 2 Kinder pro Frau fällt, wer trägt dann die Alterung zweier Kontinente gleichzeitig?

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Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (41 Antworten).

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