Krise der liberalen Ordnung: Sanktionen x4, IWF ohne Kurs

Sanktionen werden viermal häufiger eingesetzt als in den 90ern und die WTO ist seit fünf Jahren blockiert: Die Architektur der Globalisierung bröckelt.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Krise der liberalen Ordnung: Sanktionen x4, IWF ohne Kurs
Die liberale Ordnung bröckelt: Sanktionen viermal höher als in den 90ern

Ein republikanischer Senator droht damit, den Internationalen Strafgerichtshof zu sanktionieren, falls dieser Haftbefehle gegen israelische Führer ausstellt. Gleichzeitig argumentiert Südafrika vor dem Internationalen Gerichtshof, dass Israel Völkermord begeht. Überstaatliche Gerichte haben aufgehört, Schiedsrichter zu sein, und dienen nun als Waffen. Diese Szene fasst die Diagnose des Economist besser zusammen als jede BIP-Grafik: Die Weltwirtschaftsordnung seit dem Zweiten Weltkrieg steht „am Rande des Zusammenbruchs“.

Es braucht keinen offenen Krieg, um dies zu bemerken. Sanktionen werden viermal häufiger eingesetzt als in den 1990ern, die USA haben „sekundäre“ Sanktionen gegen Entitäten verhängt, die russische Armeen unterstützen, und ein Subventionskrieg imitiert die staatliche Unterstützung Chinas und der USA für grüne Fertigung. Der Dollar dominiert weiterhin, aber globale Kapitalströme beginnen sich zu fragmentieren. Bislang hat der Verfall eine stille Steuer erhoben: spürbar nur, wenn man weiß, wo man suchen muss.

Warum ist die WTO seit über fünf Jahren funktionsunfähig?

Wegen der Nachlässigkeit der USA. Die Welthandelsorganisation wird nächstes Jahr 30 und ist seit mehr als fünf Jahren blockiert. Der Internationale Währungsfonds durchläuft seine eigene Identitätskrise, gefangen zwischen einer grünen Agenda und der Sicherung finanzieller Stabilität, während der UN-Sicherheitsrat paralysiert ist.

Es gibt nicht einmal Einigkeit darüber, was gerade fällt. Einige behaupten, die nach 1945 entstandene Ordnung starb mit der Mauer und das heutige Gebäude sei anders; andere sagen, es sei dasselbe Gebäude mit abblätternder Farbe. Der Unterschied ist akademisch relevant: Er entscheidet, ob wir von Ersetzung oder bloßem Verfall sprechen.

Vom Misstrauen zur Kalkulation: Wer profitiert vom Chaos?

Die härteste Lesart besagt, dass Washington sieht, wie Konkurrenten Boden gewinnen, und deshalb Verbündeten den Hahn zudreht. Unverblümt gesagt: Europäische Partner dienen als Futter, um mit Chinas Tempo Schritt zu halten, mit dem Risiko, aussortiert zu werden, wenn sich der Block neu organisiert.

Eine zweite Strömung behauptet, „Liberalisierung“ war stets ein Euphemismus für die wirtschaftliche Kolonialisierung durch die USA, und die Begeisterung für Freihandel verdampft, sobald die Kolonisierten selbst aufsteigen. Darauf aufbauend wird argumentiert, dass Handelsöffnung und Umverteilung sich gegenseitig bedingen, da erstere billige Arbeitskräfte ermöglicht und letztere Kosten auf Steuerzahler verteilt. Eine umstrittene These, wie fast alles, was Löhne und Grenzen betrifft.

Im Finanzbereich ist Schuldverschuldung der Faden, an dem am meisten gezogen wird. Geld drucken erzeugt Inflation und verbilligt alte Verbindlichkeiten; Zweifel an der Dollar-Vorherrschaft erschüttern das Schloss. Andere lenken den Blick auf Irdischeres: In einer Welt teuren, endlichen Öls wird die Zahlung legitimer Zinsen schlicht unmöglich. Eine Minderheit neigt zu Verschwörungstheorien über Strippenzieher, ohne jeglichen Beweis.

Gegenargument: Die Ära, die viele begraben wollen, war die beste

Die Kritik an ungebremster Globalisierung liegt im Trend. Doch die Daten der 1990er und 2000er, der Höhepunkt des liberalen Kapitalsmus, erzählen eine andere Geschichte: Hunderte Millionen entkamen in China der Armut durch Integration in die Weltwirtschaft, die weltliche Kindersterblichkeit ist weniger als halb so hoch wie 1990, und Todesopfer zwischenstaatlicher Konflikte erreichten 2005 mit 0,0002 % einen Nachkriegstiefstand, fast vierzigmal niedriger als 1972. Damals begannen arme Länder zudem, zu reichen aufzuholen.

Nach dem Bruch, warnt die Analyse, entstehen keine neuen Regeln, sondern Affinitätsklubs, Zwang und Groll: EU-Carbon-Border-Tariffs oder Chinas Konfrontation mit dem IWF. Wenn Kooperation durch harte Macht ersetzt wird, sinken die Gründe für Frieden.

Szenario, das niemand ausschließt: Weniger Regeln, unbequeme Nachbarn

Einige meinen, die USA könnten sich einfach zurückziehen: Sie haben Energie, Ressourcen, Talentanziehungskraft, und ein Weltkrieg würde sie ohnehin erreichen. Die Kehrseite zeigt Europa mit demografischem Rückgang und wachsendem Migrationsdruck, woraus sich heute noch hypothetische, nicht prognostizierte Bruchszenarien zeichnen.

Europas Rückzug wird nicht überall als Zufall gesehen: Der Brexit erscheint in manchen Analysen als langfristige Kalkulation seiner Eliten, bevor sie Figuren in russischen Einflusszonen bewegen. Schwer zu widerlegen. Schwer beruhigend.

Historische Präzedenzfälle laden nicht zum Optimismus ein. Durch Smoot-Hawley-Zölle fielen die US-Importe um 40 % in nur zwei Jahren. Im August 1971 beendete Nixon die Goldkonvertibilität des Dollars; 19 Monate später war Bretton Woods Geschichte. Langsam, dann plötzlich.

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Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (121 Antworten).

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