Krieg ohne formale Kriegserklärung wird zum globalen Standard

Warum große Konflikte heute ohne formale Kriegserklärung geführt werden: Rechtslage, innenpolitische Kosten und die Gerasimow-Doktrin.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Krieg ohne Kriegserklärung: ein Standard, den niemand mehr hinterfragt

Im August 1939 nahm das nationalsozialistische Deutschland es nicht einmal in Kauf, Polen ein Ultimatum zu schicken. Das Unternehmen Himmler, eine False-Flag-Provocation im Sender Gleiwitz mit Dachauer Häftlingen in polnischen Uniformen, genügte, um den Casus Belli zu fabrizieren. Achtzig Jahre später wiederholt sich das Drehbuch: Russland fällt in die Ukraine ein, ohne formell Krieg zu erklären, Israel und der Iran tauschen Angriffe ohne Kriegsdokument aus, und niemand erwartet mehr ein versiegeltes Telegramm. Die Frage ist, warum die Formalität gestorben ist.

Das Völkerrecht hat den Krieg ins Niemandsland entlassen

Die UN-Charta verbietet den Krieg als Instrument nationaler Politik. Nur der Sicherheitsrat darf den Einsatz von Gewalt genehmigen, ausgenommen die Selbstverteidigung. Wer einen Konflikt formell erklärt, macht ihn im Rechtsinne zu einem „Krieg“: Damit greift die Genfer Konvention, gelten die Regeln zur Behandlung von Gefangenen, die Pflicht zu Entschädigungen und die Verfolgung von Kriegsverbrechen. Die Lösung bestand darin, Invasionen in „Spezialoperationen“ umzutaufen. Das ist kein bloßer Euphemismus: Der Staat entgeht so rechtlichen und finanziellen Verpflichtungen. Gibt es keinen offiziellen Krieg, gibt es keine Witwenrenten zu zahlen und keine Entschädigungen zu verhandeln.

Die politischen Kosten, den Dingen einen Namen zu geben

Eine formale Kriegserklärung zieht die Generalmobilmachung nach sich, eine Kriegswirtschaft, Zwangsrekrutierung, Enteignungen und in vielen Militärgesetzen die Todesstrafe. Keine demokratische Regierung will ihren Bürgern erklären, dass ihr Penthouse in Manhattan durch eine Hyperschallrakete in einem erklärten Krieg verschwinden könnte. Auch die Bürokratie ist ein klassischer Bremser: Diplomaten und ministerielle Papierkram machen aus der Erklärung eine Verwaltungsqual. Deshalb bevorzugt man die subtile Geste der Rakete gegenüber dem notariellen Dokument, wie die letzten Jahrzehnte zeigen: Von Vietnam bis zum Irak haben die Großmächte die Formalität nach und nach aufgegeben.

Hybride Kriegsführung und das Gespenst Gerasimow

Die russische Militärdoktrin, die nach Gerasimow benannt wird, begreift Krieg nicht mehr als Duell zwischen Armeen mit vorherigem Manifest. Der Sieg wird angestrebt, indem der Gegner mit allen Mitteln destabilisiert wird: cybernetisch, wirtschaftlich, medial und erst ganz am Ende militärisch. In dieser Logik ist eine Kriegserklärung eine romantische, fast schon dem 19. Jahrhundert angehörende Geste. Manche historische Analysen erinnern daran, dass Armeen in der Antike ihre Nachbarn einfach ohne Vorwarnung unterwarfen; die formale Kriegserklärung war eine moderne und kurze Erfindung.

Als die Familien der russischen Diplomaten Washington verließen und die Botschaften auf ein Minimum an Personal reduziert wurden, brauchte niemand eine Kriegserklärung, um das Signal zu deuten. Subtile Gesten haben die Manifeste ersetzt. Der formale Krieg ist nicht verschwunden: Er ist überflüssig geworden. Vielleicht ist das die beunruhigendste Erkenntnis.

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Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (40 Antworten).

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