Kolumbus Herkunft: Thesen zu Galicien oder Katalonien statt Genua

Forscher bezweifeln die genuesische Herkunft von Kolumbus und verweisen auf fehlende italienische Texte sowie Namensurkunden in Pontevedra.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Kolumbus Herkunft: Thesen zu Galicien oder Katalonien statt Genua
Kolumbus war kein Genuese: Der Ursprung, den niemand unterschreiben will

Christoph Kolumbus hat nie ein Wort auf Italienisch geschrieben. Er sandte keine Briefe an seine Familie in Genua. Dieses Detail, das die offizielle Geschichtsschreibung jahrhundertelang als kuriose Randnotiz abgetan hat, ist der Faden, an dem jene ziehen, die behaupten, der Admiral habe über seine Geburtsstätte gelogen. Ein Weber-Sohn aus Genua, der in Portugal Schiffbruch erleidet, eine Gouverneurstochter heiratet und die Kapitulationen von Santa Fe unterzeichnet, passt nicht in die starre Ständegesellschaft des 15. Jahrhunderts. Der Zweifel ist nicht neu, bleibt aber ohne endgültige Antwort.

Die Debatte um Kolumbus’ Herkunft hat so viele Facetten wie es Flaggen gibt, die ihn beanspruchen wollen. Genua, Galicien, Katalonien, Portugal, Mallorca, Sardinien und sogar Navarra haben die Figur zu verschiedenen Zeiten für sich reklamiert. Jede Theorie hat ihre Dokumente, Gutachten und treuen Historiker. Und jede entkräftet die vorherige mit einer Leichtigkeit, die beschämend ist.

Die galicische Theorie und das Rätsel um Pedro Madruga

Der auffälligste Punkt der Angelegenheit ist die Identifizierung Kolumbus’ mit Pedro Álvarez de Sotomayor, genannt Pedro Madruga, einem adligen Galicier, geboren um 1430 in Pontevedra und gestorben 1486 in Alba de Tormes. Eine in der Diskussion zitierte Handschriftenanalyse schreibt 80 Experten die Schlussfolgerung zu, dass beide Personen identisch sind. Die Chronologie hakt: Madruga wäre 1492 bereits 62 Jahre alt gewesen, ein hohes Alter für die damalige Zeit. Befürworter dieser These erwidern, dass der Tod Madrugas von seltsamen Umständen begleitet sei und sein Grab unbekannt bleibe.

Das linguistische Argument wiegt schwerer als das kalligrafische. Ramón Menéndez Pidal, Direktor der Real Academia Española (Königliche Spanische Akademie), kam in seiner Arbeit über die Sprache des Admirals zu dem Schluss, dass Kolumbus auf galicisch-portugiesisch schrieb. Die Liste der Begriffe in seinen Texten ist lang: abalar, agardar, agora, angra, arreo, amortecido, arriscada, corredios, debuxar, despois, enxerir, espeto, falar, fame, froza, froitiferas, longura, mercar, escaramouxos, pardelas, perigos. Wendungen wie „hace un sol de espeto“ verweisen auf den Nordwesten der Halbinsel. Die amerikanische Toponymie, so wird argumentiert, sei voller Referenzen zur galicischen Küste.

Ein Detail nährt den Verdacht: Der einzige Ort, wo der Nachname Colón exakt so, ohne Varianten wie Colombo oder Colom, im 15. Jahrhundert urkundlich belegt ist, soll Pontevedra sein. Das Flaggschiff hieß ursprünglich La Gallega, bevor es in Santa María umbenannt wurde, und unter den Zeugen der notariellen Änderung befanden sich Seeleute der ersten Reise.

Katalonien, Mallorca und der Name Colom

Die katalanische Konkurrenz steht dem in nichts nach. Der forensische Handschriftensachverständige Jesús Delgado veröffentlichte 2012 ein Buch, in dem er behauptet, Kolumbus sei Katalane gewesen und die genuesische Version nur eine Alibi-Geschichte, damit die Katholischen Könige ihm Privilegien gewähren konnten, die einem spanischen Untertanen nicht zugestanden hätten. Die Logik hat ihren Haken: Einem Ausländer konnte man alles versprechen, ohne die kastilische Rechtsordnung zu gefährden.

Der Nachname Colom ist in Katalonien und auf Mallorca verbreitet. Befürworter dieses Ansatzes erinnern daran, dass die intellektuelle Aktivität im 15. Jahrhundert Barcelona mit Südfrankreich und den italienischen Städten verband. Die sardinische Theorie, vertreten durch die Historikerin Marisa Azuara, geht noch weiter: Kolumbus wäre Christoval Picolomini de Sena, geboren 1436 auf Sardinien, Sohn von Salvador Picolomini und Isabella Alagón d'Arborea, einer noblen Familie, die durch ihre Unterstützung für Juana la Beltraneja ruiniert wurde.

DNA, der Test, den niemand macht

Der vielversprechendste Weg bleibt verschlossen. Eine seriöse DNA-Analyse der Nachkommen Kolumbus’ würde den Ursprung auf einen bestimmten Ort eingrenzen. Dieser Vorschlag taucht in der Diskussion auf und wird von niemandem widerlegt. Auch wird er nicht umgesetzt. Währenddessen tragen in Spanien etwa 4.000 Menschen den Namen Colón, laut dem INE (Nationales Statistikinstitut), verglichen mit Millionen Italienern namens Colombo. Das Datenmaterial allein löst nichts.

Das Grundproblem ist ein anderes. Die meisten Theorien suchen nicht den tatsächlichen Geburtsort, sondern wollen, dass die eigene Heimat als solcher anerkannt wird. Wie eine Intervention zusammenfasst: Kolumbus’ Herkunft ist egal; wichtig ist, dass sein erster Schrei in der Nähe des eigenen Bodens erklang.

Der Charakter: Geizig und Verschlossen

Die Geheimnistuerei über seine Wurzeln ist nicht das einzige auffällige Merkmal. Kolumbus entzog Rodrigo de Triana die Belohnung von 10.000 Maravedís dafür, als Erster Land gesichtet zu haben – ein Vorfall, der den Charakter besser definiert als jede Geburtsurkunde, so mehrere Kommentare. Sein Verhalten gegenüber der Krone und seinen eigenen Männern war, denselben Aussagen zufolge, ebenso kleinlich.

Diese Verschlossenheit nährt die Hypothese des konvertierten Nnnn: Ein Ursprung, den man im Spanien von 1492 zweckmäßigerweise verbarg. Die Vertreibung der Nnnn wurde im selben Jahr unterzeichnet, und ein Admiral mit diesem Hintergrund hätte triftige Gründe gehabt, seine Spuren zu verwischen. Die Theorie passt zum dokumentarischen Schweigen, bleibt aber eine plausible Vermutung.

Was Dokumente über Kolumbus’ Herkunft sagen

Die Dokumente schließen den Fall nicht ab. Kolumbus unterzeichnete stets als Cristóbal Colón, ohne Varianten, wie in seinem Testament und im Privilegienbuch vermerkt ist. Befürworter der katalanischen oder mallorquinischen Theorie klammern sich an Formen wie Colom oder Colombo, die in einigen Texten auftauchen, doch der Betroffene selbst verwendete sie nie.

Die offizielle Geschichtsschreibung stützt sich weiterhin auf die genuesische Version, aus einem einfachen Grund: Sie hat die meiste dokumentarische Rückendeckung, wenn auch schwache. Die anderen haben Hinweise, keine Beweise. Und in der Geschichte ist ein Hinweis ohne vollständige Dokumentenkette nur eine gut publizierte Hypothese.

Was klar scheint, ist, dass Kolumbus den Atlantik wie kaum ein anderer kannte. Ob Galicier, Portugiese oder Katalane, seine Seefahrererfahrung deutet auf eine atlantische Küste hin, nicht auf das mediterrane Ligurien. Reste aus Amerika, die vom Golfstrom getrieben wurden, und verlorene Seeleuten, die in nördlichen Häfen Geschichten erzählten, passen besser zu dieser Geografie.

Die Prognose, mit allen Vorbehalten: Die DNA wird vor dem Konsens eintreffen. Und wenn sie da ist, wird das Ergebnis wahrscheinlich niemandem gefallen.

Auch verfügbar auf: English

Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (88 Antworten).

Weitere Zusammenfassungen

Alle Zusammenfassungen auf Deutsch →

Volver