Klassismus in Spanien: Warum Fachkräfte fehlen

Eine umstrittene These behauptet, Spaniens Klassendenken sei feudal geprägt und führe zu leeren Stellen im Handwerk.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Klassismus in Spanien: Warum Fachkräfte fehlen
Installateur, Versager: Das Stigma, das Handwerksberufe in Spanien entleert

In Spanien ist die Arbeitskleidung mehr als nur Schutz; sie trägt ein soziales Label. Wer sich in den Keller begibt, um Rohre zu verlegen, verdient nicht nur sein Gehalt: Er zieht auch den sozialen Ruf des Verlierers auf sich – und genau das, so eine viel diskutierte These, verurteilt das Land. Die Grundidee: Eine Gesellschaft, die sich für liberal hält, aber wie eine alte feudale Ordnung funktioniert, in der körperliche Arbeit als Niederlage gilt und die Mittelschicht auf jene herabblickt, die sich die Hände schmutzig machen.

Die härteste Diagnose besagt, dass diese Geringschätzung direkte wirtschaftliche Folgen hat. Wenn Arbeitersein mit Scheitern gleichgesetzt wird, finden Unternehmen keine Kandidaten für Produktionsstellen, Maschinen bleiben aus und die Modernisierung kommt spät und widerwillig. Als Beispiel dient oft die intensive Landwirtschaft: Während man im Norden Europas maschinell erntet, diskutiert man hier noch immer, ob man menschliche Arbeitskraft ersetzen sollte.

Ist Spanien ein als liberal verkleidetes Feudalreich?

Die starke These spricht nicht von Löhnen, sondern von Mentalität. Es wird argumentiert, dass das spanische Schema die Gesellschaft in Gewinner und Verlierer teilt und dass dieser Bruch schwerer wiegt als das Gehalt. Der Arbeiter kann gut verdienen, bleibt aber – in den Augen vieler – ein Verlierer. Deshalb fühlt er sich gezwungen, ein großes Auto zu kaufen, um am Wochenende als „normal“ wahrgenommen zu werden. Ein Mercedes über 60.000 Euro oder eine Villa, abbezahlt durch Jahre harter Arbeit, dienen als soziale Schminke.

Dieser Lesart widerspricht eine gewichtige historische Korrektur. Spanien war nie eine der am stärksten stratifizierten europäischen Gesellschaften, und das Schloss, das oft als Illustration des heimischen Feudalismus dient, ist in Wirklichkeit seit Jahrhunderten ein Beispiel für eine königliche Stadt (villa real). Die feudalen Hierarchien lösten sich auf, und was heute bleibt – so heißt es –, ist wirtschaftliche Ungleichheit, nicht eine geschlossene ständische Pyramide.

Reiche Handwerker oder Prekarisierte: Was sagen die Gehälter?

Hier spaltet sich die Erzählung in zwei Lager. Eine Strömung behauptet, dass sich handwerkliche Berufe bereichern: Selbstständige mit einer abbezahlten Villa für 40.000 Euro, Autos der Oberklasse und zwei Monate Urlaub. In dieser Version leben sie besser als viele Büroakademiker, die nichts sparen können.

Die andere Seite ist weniger episch. Man entgegnet, dass die Konkurrenz um jede Industriestelle, die über dem Mindestlohn liegt, hart ist, besonders in Provinzen mit hoher Arbeitslosigkeit. Der legal fakturierende Selbstständige lässt beim Finanzamt einen Teil seines Gewinns, der seine Marge blutet. Das Stigma ist jedenfalls nicht das einzige Problem: Auch das echte Geld fehlt.

Warum fehlen Schweißer und Installateure?

Der Engpass bei technischen Berufen hat eine doppelte Erklärung. Zum einen wird auf eine Frage der Mentalität verwiesen: Junge Menschen bevorzugen ein leichtes Studium oder eine Beamtenlaufbahn, statt sich in einem harten Handwerk weiterzubilden. Zum anderen relativieren Kritiker die Romantisierung und weisen auf praktische Gründe hin: Die Arbeit wird gebückt, in kalten und feuchten Orten verrichtet, und wer nicht in einer Handwerksfamilie aufgewachsen ist, hat es schwer, von null an Kundenstamm aufzubauen.

Ein zertifizierter Schweißer, so heißt es, ist heute schwieriger zu finden als ein Akademiker. Und dieser Mangel lässt sich nicht durch Reden über die Würde der Arbeit beheben.

Die Urbanistik, die alles verrät: Gedrängte Wohnungen und Villen für wenige

Für die Verteidiger der Feudalthese liegt der Beweis darin, wie gebaut wird. Häuser Wand an Wand, enge Straßen, Stadtplanungsmaßnahmen, die Boden verschenken, um denselben vierstöckigen Block zu errichten. Spanien ist größtenteils ein riesiges Grundstück mit Millionen leerer Hektar, und dennoch entstehen dichte Siedlungen direkt an der Küste.

Der internationale Vergleich hilft nicht. In Frankreich oder Deutschland verteilt sich die Bevölkerung auf mittelgroße Städte, während man hier halbe Peninsula durchquert, ohne jedes Hundert Kilometer Zeichen der Zivilisation zu sehen. Auf der Gegenseite verteidigt man die dichte Stadt gegen die US-amerikanische Suburbia, wo sich ohne Auto niemand bewegt.

Ist Großbritannien klassistischer als Spanien?

Dies ist die häufigste Korrektur zur ursprünglichen Erzählung. Es wird behauptet, die britische Gesellschaft sei viel klassistischer, weil ihre Aristokratie wirtschaftliche Macht bewahrte und sich während der industriellen Revolution festigte. In Spanien lösten sich die Hierarchien auf, und die Ungleichheit wäre vor allem wirtschaftlicher Natur, nicht kastegebunden. Auch erinnert man daran, dass es in anderen Nachbarländern Elite-Schulen und verschlossenen Zugang zu Politik und Finanzen gibt.

Die Gegenreaktion: Hier ist der aggressivste Klassismus derjenige der unteren Schichten, derjenige, der mit einem Basis-Audi, damit, kleiner Vorarbeiter zu sein, oder Marken-Outlet-Kleidung prahlt. Eine Klassenneid, der die gesamte Skala durchzieht.



Die Sache ist nicht abgeschlossen. Die These, dass Spanien durch seinen Klassismus verurteilt ist, kollidiert mit jenen, die das Problem in der Steuerlast, einer seit 1994 stagnierenden Produktivität oder einem dualen Arbeitsmarkt sehen, der einige beschützte und andere der Witterung auslieferte. Wahrscheinlich werden technische Berufe in einigen Jahren immer noch keinen Nachwuchs haben und die Diskussion intakt bleiben.

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Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (351 Antworten).

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