Historische Anklage gegen die PSOE in Spanien: Kriminalisierung oder Übertreibung?

Ein spanischer Richter geht davon aus, dass die PSOE als juristische Person im Leire-Fall angeklagt wird. Es wäre das erste Mal, dass eine Regierungspartei als Organisation vor Gericht steht.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Die PSOE sieht sich einer beispiellosen Anklage gegenüber: der Prozess gegen die Partei als kriminelle Organisation

Das Untersuchungsgericht im Leire-Fall hat einen Schritt getan, der in der spanischen Demokratie ohne Beispiel ist: Die Anklage der PSOE als juristische Person gilt als beschlossene Sache. Zum ersten Mal muss eine Regierungspartei mit 147 Jahren Geschichte als Organisation auf der Anklabank sitzen. Nicht als Parteiname, sondern als Struktur.

Was ist das Leire-Netzwerk und warum belastet es die Partei?

Das durch Presseberichte aufgedeckte Netzwerk deutet auf einen mutmaßlichen Kreis illegaler Finanzierung und Einflussnahme hin, der aus der sozialistischen Führungsspitze heraus orchestriert wurde. Justizquellen zufolge sind die Indizien ausreichend belastbar, um die Organisation selbst anzuklagen, über die einzelnen Amtsträger hinaus. Der Ausdruck „Leire-Netzwerk“ – in Anspielung auf die Person, die die Vorgänge angeblich zentral gesteuert hat – ist zum Kern eines Verfahrens geworden, das nach Ansicht der Anklage Dutzende Parteimitglieder und Amtsträger einbeziehen soll.

Argumente für und gegen die Auflösung

Ein Teil der Kommentatoren vertritt die Auffassung, dass die PSOE bei Bestätigung der Anklage wie einst Batasuna verboten werden sollte, unter Berufung auf das spanische Parteiengesetz. Sie weisen darauf hin, dass das mutmaßliche Netzwerk kein Einzelfall sei, sondern Teil eines modus operandi, der Jahrzehnte zurückreiche: „mehr als 147 Jahre Mord, Diebstahl und Falschmeldungen“, so einige der schärfsten Stimmen. Auf der Gegenseite gibt es jene, die eine Anklage gegen eine Partei für einen juristischen Unsinn halten, der die Tür zur Kriminalisierung der Politik öffne und zudem erfolglos bleiben werde, weil „ohnehin nichts passiere“, wie es in skeptischen Kreisen immer wieder heißt. Das Amnestie-Präzedenz und die Fähigkeit der PSOE, sich „neu zu erfinden“, sind wiederkehrende Argumente derer, die bezweifeln, dass die Anklage echte Konsequenzen hat.

Historischer Kontext: Eine Schuld von 149 Jahren?

Parallelen zum Bürgerkrieg sind in der Diskussion unvermeidlich. Es wird daran erinnert, dass es auch auf republikanischer Seite Säuberungen gab und dass viele der Gründer der PSOE erschossen oder ins Exil getrieben wurden. „Wenn es stimmt, käme die Anklage 149 Jahre zu spät“, spottet ein Beobachter in Anspielung auf die Gründung der Partei im Jahr 1879. Der Vergleich mit dem Lager von Albatera – von den Republikanern zur „Umerziehung“ von Gefangenen genutzt – und mit dem Exil von Führern wie Largo Caballero dient dazu zu veranschaulichen, dass politische Gewalt nicht das Alleingut einer Seite ist.

Der justizielle und politische Horizont

Die Anklage ist noch nicht rechtskräftig; der Richter muss noch einen offiziellen Beschluss erlassen. Doch die Erwartung hat die Debatte darüber entfacht, ob eine von der PSOE geführte Regierung tragfähig ist, während ihre Partei angeklagt ist. Manche Analysten vermuten, dass die Justiz Jahre brauchen wird und die Partei in der Zwischenzeit ihren Namen ändern oder den PSOE-Namen ablegen könnte. Die offene Frage ist, ob die Justiz diesmal bis zum Ende durchgreift oder ob – wie schon früher – die Hebel der Macht das Verfahren aushebeln.

Auch verfügbar auf: English

Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (71 Antworten).

Weitere Zusammenfassungen

Alle Zusammenfassungen auf Deutsch →

-
Volver