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Hat die Akademie die Dichotomie von Mythos und Logos erfunden?
Mythos und Logos bedeuten im Griechischen beide „Wort“. Wer hat ihren Gegensatz erfunden? Kritiker der offiziellen Historiographie stellen den Ursprung der Dichotomie in Frage.
Die Dichotomie von Mythos und Logos: eine Erfindung der Akademie?
Mythos und Logos sind zwei griechische Wörter, die praktisch dasselbe bedeuten: „Wort“. Und doch hat die offizielle Philosophiegeschichte daraus zwei einander gegenüberstehende Formen des Wissens gemacht: die symbolische Erzählung gegen das logische Denken. Der sogenannte „Übergang vom Mythos zum Logos“, verortet im 6. Jahrhundert v. Chr., soll der Moment gewesen sein, in dem der Mensch übernatürliche Erklärungen aufgab und anfing, mit dem eigenen Kopf zu denken. Aber was, wenn diese Geschichte paradoxerweise selbst ein Gründungsmythos der Philosophie ist?
Die Standarderzählung: Thales und die Finsternis von 585 v. Chr.
Die verbreitetste Version besagt, dass alles in Milet beginnt, mit Thales, dem ersten Philosophen. Der Meilenstein wird meist auf 585 v. Chr. datiert, als Thales eine Sonnenfinsternis mit mathematischen Berechnungen vorhersagte. Plötzlich erklärte sich die Welt nicht mehr durch göttliche Launen, sondern durch Naturgesetze. Die Vorsokratiker hätten damit eine fortschreitende Entwicklung hin zur Vernunft eingeleitet, die im wissenschaftlichen Methoden gipfeln sollte. Dieses Schema wiederholen seit einem Jahrhundert alle Lehrbücher. Das Problem: Kein Grieche jener Zeit hat schriftlich hinterlassen, dass er an etwas namens „Übergang vom Mythos zum Logos“ beteiligt war. Thales selbst verband seine Astronomie mit der Behauptung, der Urstoff alles Seienden sei Wasser – was weniger nach Physik klingt als nach Symbol.
Die Kritik: eine rückwirkende Konstruktion
Wer die Quellen durchforstet, stößt auf eine interessante Leere. Es gibt keinen Text von Thales oder seinen Zeitgenossen, der Mythos und Logos ausdrücklich gegenüberstellt. Platon, der große Rationalist, verwendete in seinen Dialogen eigene Mythen, um die abstraktesten Ideen zu erklären. Und außerhalb Griechenlands zeigen die Upanishaden, entstanden zwischen dem 8. und 6. Jahrhundert v. Chr., dass das reflektierte Denken nicht auf die Vorsokratiker wartete. Von dort ist es nur ein kleiner Schritt zu der Behauptung, die Dichotomie sei eine akademische „Konstruktion“ oder „Erzählung“. Wie Gustavo Bueno sagte: „Gibt es im Mythos etwa keinen Logos?“ Die Erwiderung folgt sofort: Ist der Logos etwa nicht selbst ein weiterer Mythos?
Nicht alle sind einverstanden. Manche verteidigen die Auffassung, dass die Opposition, auch wenn die Griechen sie nie formulierten, eine echte Verschiebung beschreibt: Das symbolische Wissen verlor zunehmend an Gewicht gegenüber dem rationalen, was sich heute in der absoluten Vorherrschaft von Zahl und Daten zeigt. Doch auch diese Lesart könnte ein Mythos sein: die epische Erzählung eines linearen Fortschritts hin zur „Wahrheit“.
Die Ironie des Gründungsmythos
Wenn die Geschichte des Übergangs vom Mythos zum Logos selbst eine mythische Konstruktion ist, dann ruht die westliche Philosophie auf derselben Art von Erzählung, die sie zu überwinden vorgab. Das ist keine Nebensache: Es betrifft, wie wir Vernunft, Wissenschaft und unsere eigene kulturelle Identität verstehen. Wer die Debatte verfolgt hat, weiß, dass die Positionen zwischen denen schwanken, die in dieser Dichotomie ein nützliches Werkzeug sehen, und denen, die sie als ideologische Auferlegung der Moderne betrachten.
Wenn jemand das nächste Mal als selbstverständlich voraussetzt, dass die Vernunft den Mythos abgelöst hat, lohnt es sich zu fragen, wer dieses Drehbuch geschrieben hat. Waren es die Griechen – oder die Historiker, die einen sauberen Ursprung für die Philosophie brauchten? Die Antwort bleibt, wie der Urstoff, von dem Thales sprach, ebenso flüchtig.
Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft.
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