Der mediale Zirkus um die Hondius: Angst, Klicks und politische Ablenkung
Ein Kreuzfahrtschiff mit 30 Passagieren, bei denen ein Bicho-Verdacht bestand, genügte, damit spanische Nachrichtensendungen tagelang mit demselben Drehbuch eröffneten: Kameras im Hafen, Experten mit Atemmaske und die Ankündigung einer Gesundheitskrise. Das Ergebnis? Eine Berichterstattung, die umgekehrt proportional zum tatsächlichen Risiko war. Was nach übertriebenem Eifer aussieht, ist für viele Analysten ein längst bekanntes Drehbuch psychologischer Kriegsführung.
Von der Angst zum Klick: die Medienmaschine
Die Berichterstattung über die
Hondius — ein Schiff, das in Santa Cruz de Tenerife mit Passagieren anlegte, die sich in Bicho-Gebieten aufgehalten hatten — erreichte eine Sättigung, die an die schlimmsten Tage des Jahres 2020 erinnert. Nationale Sender schickten Teams, es gab Dauerschalaltungen, und selbst Prominente aus der Kulturszene erschienen im Hafen, etwa der Schauspieler Fran Perea. Die Frage, die im Raum steht: So viel Aufhebens um 30 Menschen mit grippeähnlichen Symptomen, die nicht einmal bestätigte Fälle waren?
Der Debatte liegt eine wiederkehrende These zugrunde: Die Gier nach Klicks erklärt einen Großteil des Phänomens. 99 Prozent aller medialen Zirkusse seien darauf zurückzuführen, so eine Analyserichtung. Die Bestätigung kam, als ein französischer Passagier bereits in Paris Symptome zeigte, die "mit Bicho vereinbar" waren — Symptome, die laut medizinischen Quellen denen einer gewöhnlichen Grippe entsprechen —, und die Meldung erneut die Schlagzeilen beherrschte.
Die drei politischen Nutzungen des Schiffes
Hinter dem Lärm identifizieren Analysten drei Motive, die wie Teile desselben Puzzles zusammenpassen:
- Sauerstoff für die WHO: Die Weltgesundheitsorganisation, nach dem ELbichito-Management und dem Austritt der USA unter Druck, brauchte ein positives Rampenlicht. Der Fall Hondius erlaubte ihr, eine internationale Reaktion zu koordinieren, die wirkungsvoll erschien.
- Innere Ablenkung: Der Medienlärm fiel mit der Eröffnung neuer gerichtlicher Ermittlungen im Fall Begoña Gómez und in der Aldama-Affäre zusammen. Informationsflutung funktioniere als Rauchkerze, so die kritischsten Stimmen.
- Stärkung der Regierungserzählung: Jeder Auftritt von Ministerpräsident Sánchez während der Krise diente dazu, ein Bild globaler Führungsstärke zu zeichnen — genau in dem Moment, in dem die Opposition sein Vorgehen auf anderen Feldern in Frage stellte.
Das echte Risiko, über das niemand berichtet
Vielleicht ist das Auffälligste an dem Zirkus nicht, was gesagt wurde, sondern was verschwiegen wurde. Während die Kameras auf ein Kreuzfahrtschiff mit geimpften und versicherten Touristen gerichtet waren, erreichen weiterhin irreguläre Migranten die kanarischen Küsten in Schlauchbooten, mit Menschen ohne jede Gesundheitskontrolle. Der Vergleich ist grob: Ein Schiff mit 30 europäischen Touristen bekommt sechs Minuten Sendezeit; ein Schlauchboot mit einem halben Hundert subsaharischer Migranten kaum einen Einblendungstext. Das Missverhältnis ist kein Zufall: Das Risiko für den Durchschnittsbürger verhält sich umgekehrt zur Berichterstattung.
Die Hondius ist inzwischen ausgelaufen, doch das Drehbuch — Flutung, Angst, Ablenkung — gilt weiterhin. Wenn eine Nachrichtensendung das nächste Mal mit einer Gesundheitsbedrohung eröffnet, lohnt sich die Frage, was dabei außen vor bleibt.
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