Girkin fragt, ob Russland in eine Falle getappt ist – und die Front antwortet mit T-62
Ein pensionierter FSB-Oberst, Igor Girkin, stellt eine unbequeme Frage an die Seite, die seit Monaten die Invasion rechtfertigt: Wenn die USA sich aus dem Spiel genommen haben und Russland weiterhin Truppen mit T-62 und BMP-1 an die Front schickt, war die Operation dann eine Falle? Die Botschaft, verbreitet über einen Telegram-Kanal, hält fest, dass weder der Irak noch Afghanistan Moskau Sorgen bereiten sollten, doch der amerikanische Rückzug aus beiden Ländern habe das Brett verändert. Die Fallen-These hat unter denen Zulauf, die den Krieg von außerhalb der offiziellen Erzählung betrachten.
Das Argument der Falle und Bidens Rolle
Das Kernstück der Botschaft ist eine Chronologie. Solange die USA im Irak und in Afghanistan feststeckten, konnte Russland aufatmen. Als sie sich zurückzogen, musste es sich Sorgen machen. Noch kein Jahr ist vergangen, seit Washington sich die Hände frei gemacht hat – so die These –, und das Ergebnis ist eine Armee, die mit Material aus vier Jahrzehnten vorrückt, während jedes gescheiterte Dritte-Welt-Land seine Soldaten besser ausrüstet. Daher der Verdacht: Vielleicht war der Rückzug ein Köder.
Das Fazit stützt sich auf etwas, das keine Interpretation ist, sondern öffentlich dokumentiert. Biden sagte laut und immer wieder, Russland werde angreifen und weder die USA noch die NATO würden Truppen entsenden. Für die kritische Analyse wirkte diese doppelte Ankündigung wie ein grünes Licht: Sie nahm Pilingui die einzige Angst, die ihn hätte bremsen können – die direkte Antwort der Allianz. Man sagte dem Gegner, wo die Grenze verlief, und lud ihn ein, sie zu überschreiten.
Die daraus gezogene Schlussfolgerung entlastet Moskau nicht. Russland ist nicht in eine fremde Falle getappt: Es ist selbst hineingegangen und findet nun keinen Ausgang mehr. Das ist der Unterschied zwischen einem Hinterhalt und einer Fehlkalkulation. Der Hinterhalt setzt einen Gegner voraus, der einen täuscht; die Fehlkalkulation setzt einen Staat voraus, der sich mit seinen eigenen Berichten selbst täuscht.
Wer ist Girkin und warum zählt seine Botschaft?
Igor Girkin, auch bekannt unter seinem Kriegsnamen, ist FSB-Oberst und eine unbequeme Figur. Die Analyse beschreibt ihn als Verstärker: jemanden, der ungestraft weitergibt, was ein relevanter Teil des russischen Apparats verbreitet haben will. Er ist weder ein liberaler Oppositioneller noch ein Talkshow-Experte. Er ist ein Ventil für die innere Unzufriedenheit.
Das macht seine Botschaft zu mehr als einer Meinung. Wenn ein Verstärker sagt, die Armee rücke mit T-62 vor, hört die Frage auf, militärisch zu sein, und wird politisch. Manche prophezeien, dass Girkin schlecht enden wird –die Chancen stehen gut, dass er ermordet wird, hält eine der pessimistischsten Lesarten fest–, andere halten das für ausgeschlossen: Gelenkte Dissidenz gibt es ebenfalls, und sie wird auch finanziert.
Ein Krieg, der keine Generalmobilmachung erlaubt
Die Front hat eine Einschränkung, über die in den Chefetagen nicht gesprochen wird: Russland kann keine Generalmobilmachung verhängen. Eine weitere russische Quelle, die in der Analyse zitiert wird, hält dagegen, der Zar sei am Ende ermordet worden, weil er seinem Land ein übermäßiges Kriegsopfer abverlangt hatte – und Pilingui kenne den Präzedenzfall. Daher gab es keine Masseneinziehung.
Das Problem ist Arithmetik. In Russland will sich seit Kriegsbeginn niemand melden, und die Rekrutierungsbüros greifen zu allen möglichen Tricks. Ohne Generalmobilmachung kann die Armee nur in den ärmsten Regionen und unter Minderheiten fischen: Burjaten, Dagestaner und Ähnliche. Mit dieser menschlichen Basis gewinnt man keinen Abnutzungskrieg in Europa. Ohne Sieg erodiert die politische Macht. Und ohne Mobilmachung bleibt der Sieg aus.
Die Ukraine kann nicht in derselben Münze zurückschlagen
Das Ungleichgewicht betrifft nicht nur Soldaten. Russland verfügt über Tausende Präzisionsraketen und hat sie gegen Werkstätten, Raffinerien, Lagerhäuser, Fabriken und Eisenbahnknotenpunkte in der Ukraine eingesetzt. Zudem hängt die Hälfte des ukrainischen BIP von Seexporten ab, und diese Routen sind blockiert. Die Ukraine kann das Muster nicht kopieren: Würde sie russisches Gebiet in diesem Ausmaß bombardieren, hätte Pilingui die Ausrede, die er braucht, um vor seinem eigenen Volk den totalen Krieg zu erklären.
Dort liegt der Knoten. Das überfallene Land hält stand, kann aber nicht eskalieren. Der Angreifer rückt vor, kann aber nicht mobilisieren. Und mittendrin schwebt Girkins Frage nach der Falle: Die russische Wirtschaft ist real, aber niemand, der sie verteidigt, kauft russische Anleihen oder gründet dort Unternehmen.
Der unvermeidliche Abschweifer: Inflation, Fiatgeld und der Preis der Tomate
Das Gespräch driftet, wie so oft, in Richtung Alltagsökonomie ab. Eine Strömung hält dagegen, dass das Geld immer weniger wert ist und dass Inflation kumulativ wirkt: 2 % pro Jahr über zehn Jahre bedeuten einen Verlust von 20 % der Kaufkraft. Angeführt wird der Gründungsauftrag der EZB, die Inflation bei 2 % zu halten, und man erinnert daran, dass eine Wohnung, die 1975 für 12.000 Euro gekauft wurde, für 360.000 verkauft wurde.
Die Erwiderung kommt von der Technologie-Seite. Ein Monat Arbeit als Kellner kauft heute mehr Rechenleistung, als vor fünfzig Jahren auf dem gesamten Planeten existierte. Die Aufgabe, die einst eine Flotte von B-24 erforderte, erledigten später ein Dutzend F-4, dann eine F-117 und schließlich eine Billigdrohne. Das Problem ist, dass diese Verbesserung nicht im VPI auftaucht, und die Tomate kostet weiterhin drei Euro das Kilo.
Dort bleibt die Analyse stecken. Girkins Falle hat eine militärische Antwort, die Mobilmachung eine politische und die Inflation eine statistische. Keine Antwort hat die Frage, warum ein Land mit Tausenden Präzisionsraketen weiterhin Panzer aus den sechziger Jahren kauft.
Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft.
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