Europa erwägt einen eigenen Tech-Riesen, um die Abhängigkeit von den USA zu bremsen
Ein europäisches Betriebssystem, eine eigene Suchmaschine, sichere E-Mails und ein soziales Netzwerk, das alles integriert. Das ist das Paket, das ein Teil der Wirtschaftsdiskussion für die EU fordert – mit dem Argument, dass jedes Jahr Hunderte Milliarden für digitale Dienste in die USA abfließen. Der Vorschlag, mit der Dringlichkeit „sofort" gestartet, prallt frontal auf die Realität eines Kontinents, der nicht einmal seine eigene Software in den eigenen Verwaltungen durchsetzen konnte.
Der Ausgangspunkt ist eine Feststellung, die kaum jemand bestreitet: Europa konsumiert US-Technologie auf fast allen digitalen Ebenen. Vom Betriebssystem des Computers bis zur Messaging-App des Handys, von der Suchmaschine bis zur Cloud, in der Steuerdaten liegen. Die Frage ist, ob sich das mit einem staatlichen Megakonzern nach Art der großen Tech-Firmen korrigieren lässt oder ob der Zug schon vor Jahren abgefahren ist.
Die Diagnose: digitale Abhängigkeit und die Außenrechnung
Die zentrale These des Ansatzes lautet: Die EU ist die größte Wirtschaftsmacht der Welt und hat dennoch kein einziges global relevantes IT-Unternehmen. Wer die Gründung eines europäischen Konsortiums befürwortet, argumentiert, dass das Geld für Lizenzen, digitale Werbung und Cloud-Dienste das BIP der Gemeinschaft belastet. Die in der Debatte genannten Zahlen sind Schätzungen: Die Rede ist von einem BIP-Anstieg von 15 bis 20 Prozent, wenn Europa die Kontrolle über diesen Markt zurückgewönne. Es gibt keine offizielle Berechnung, die diese Prozentsätze stützt, aber die Richtung des Arguments – die digitale Außenrechnung – ist schwer zu widerlegen.
Das vorgeschlagene Modell ist nicht freie Software für Nerds, sondern ein großer staatlicher Konzern mit klangvollem Namen und massivem Budget. Die Idee: Er soll auf Augenhöhe mit den US-Riesen konkurrieren – gleiche Benutzerfreundlichkeit, gleiches Bild von Solidität, gleicher kommerzieller Rollout. „Die Leute wollen keine seltsamen Nerdsachen", fasst ein Beitrag zusammen. Sie wollen intuitive, dominante Produkte, die Vertrauen schaffen.
Die Alternativen, die es längst gibt und die niemand nutzt
Gegen den Plan des Megakonzerns weist eine andere Strömung der Analyse darauf hin, dass das Problem nicht fehlende Alternativen sind, sondern deren Verbreitung. Es gibt bereits europäische Betriebssysteme – Zorin OS, openSUSE, Ubuntu –, Suchmaschinen wie Ecosia oder DuckDuckGo, sichere E-Mail-Dienste wie Proton Mail oder Tutanota und sogar ein Projekt für ein von Grund auf in Rust entwickeltes Betriebssystem, EuroOS. Die Liste ist lang, die Nutzung marginal.
Das Argument dieser Strömung: Freie Software existiert, funktioniert und erfüllt die Datenschutzanforderungen, ihr fehlt nur der institutionelle Schub. Würden die europäischen Verwaltungen diese Tools ernsthaft übernehmen, wären sie in kurzer Zeit in der Mehrheit. Als Beispiel werden Verwaltungen genannt, die seit Jahren versuchen, Open-Source-Optionen zu etablieren – mit wenig Erfolg, während der normale Beamte veraltete LibreOffice-Versionen nutzt, weil die Führungskräfte Microsoft Office nicht aufgeben wollen.
Die sofortige Gegenreplik: Vertraute man die Software aller Europäer der Verwaltung an, würde das am Ende „den Grindr mit der technischen Exzellenz der Renfe-Website" hervorbringen. Ein Klassiker.
Der Engpass: die Cloud und die öffentlichen Daten
An einem Punkt wird die Debatte technischer und weniger ideologisch. Souveräne soziale Netzwerke oder eine Softwareindustrie sind ohne eine leistungsstarke Cloud-Infrastruktur, die das gesamte Gebiet abdeckt, nicht möglich. Das ist das Fundament von allem anderen. Und dort ist die betonte Tatsache, dass die Daten der Steuerbehörde auf Amazon-Servern liegen.
Die Paradoxe liegt auf der Hand: Europa legislirt über Datenschutz, legt aber die Steuerdaten seiner Bürger in der Cloud eines US-Unternehmens ab. Jeder Plan für digitale Souveränität, der nicht damit beginnt, so das Argument, ist Makulatur. Das Problem: Diese Infrastruktur erfordert massive Investitionen und Jahre, keine Ankündigung.
Das regulatorische und steuerliche Hindernis
Eine weitere Kritiklinie weist darauf hin, dass das europäische Umfeld alles andere als förderlich für das Wachstum eines Tech-Riesen ist. Hyperregulierung, Steuerlast und Bürokratie werden als strukturelle Bremsen genannt. „Hier wachsen nur Ad-blue, CO2-Steuern, Verbote und Bügel, die an die Flasche gebunden sind", fasst ein Beitrag zusammen. Die Ironie mit den Flaschenbügeln ist ein Foren-Klassiker, aber dahinter steckt ein ernstes Argument: Ändert sich der Rahmen nicht, wird kein Unternehmen, ob staatlich oder privat, mit dem Silicon Valley konkurrieren.
Außerdem wird darauf hingewiesen, dass die Automobilindustrie, der letzte große Industriesektor Europas, verloren geht. Und dass die EU Milliarden in gescheiterte Projekte gepumpt hat, ohne ein einziges global relevantes IT-Unternehmen hervorzubringen.
Das chinesische Modell und der unbequeme Vergleich
Der Vergleich mit China fällt mehrfach. China hat sein eigenes Betriebssystem, seine eigene Suchmaschine, seine eigenen sozialen Netzwerke und sein eigenes Messaging-Ökosystem. Es hängt weder von Google noch von Meta oder Microsoft ab. Und es läuft nicht schlecht. Die Frage ist, warum Europa nicht dasselbe getan hat.
Die angeführte Antwort: China tat es aus einer Position politischer Kontrolle heraus und mit einem geschlossenen Binnenmarkt – etwas, das Europa nicht replizieren kann. Aber es wird auch eingeräumt, dass die EU einen Binnenmarkt hat, der groß genug wäre, ein eigenes digitales Ökosystem zu tragen, gäbe es den politischen Willen. Das Fehlen dieses Willens, nicht das Fehlen technischer Fähigkeiten, wird als das eigentliche Hindernis benannt.
Die KI-Lücke: das Argument, das alles verändert
Mitten in der Debatte über Betriebssysteme und soziale Netzwerke taucht ein Gegenspieler auf, der die Prioritäten neu ordnet. Künstliche Intelligenz kann Microsoft Office an einem Nachmittag klonen, oder die Adobe-Suite, oder das SAP des Tages. Wenn das stimmt, sollte die Anstrengung in die KI fließen – nicht in die Nachbildung von Produkten, die längst existieren und die KI in wenigen Stunden erzeugen kann.
Das ist die wenig romantische und wahrscheinlich die pragmatischste Position. Aber sie kollidiert mit der Ausgangsthese: Entscheidend ist nicht die KI, sondern all diese etablierten Dinge, die als selbstverständlich gelten und Hunderte Milliarden bewegen. Ein eigenes Google, ein eigenes Windows, ein eigenes WhatsApp, ein eigenes YouTube haben. Das ist es, was das Geld im Land hält.
Die Debatte endet ohne Schlussfolgerung. Die einen glauben, Europa könne und müsse seinen eigenen großen IT-Block schaffen. Die anderen halten es für zu spät, der Zug sei abgefahren, und das einzig Vernünftige sei, nicht zu verlieren, was übrig ist. Unterdessen liegen die Daten der Steuerbehörde weiterhin auf Amazon-Servern.
Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft.
Die ganze Diskussion lesen (117 Antworten).