Eugenik: Vom progressiven Ideal zum Tabu des 21. Jahrhunderts

Laut einem Teilnehmer war Eugenik Ende des 19. Jahrhunderts dominant und ist heute tabu: Die USA sterilisierten bis in die 60er, Schweden bis in die 90er Jahre.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Eugenik: Vom progressiven Ideal zum Tabu des 21. Jahrhunderts
Eugenik: Warum sie einst als fortschrittlich galt und heute tabu ist

Die Eugenik entstand nicht im Verborgenen, sondern wurde in akademischen Salons entwickelt, unter Liberalen, die den freien Markt befürworteten, und Salon-Socialisten. Diese These stützt einen Großteil der verfügbaren Analysen und zwingt dazu, das heutige Bild einer Disziplin zu relativieren, die fast ausschließlich mit dem Dritten Reich assoziiert wird. Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts war die Eugenik laut einem Teilnehmer die dominierende Bewegung und fand Anhänger in nahezu allen ideologischen Lagern. Für mehrere Diskutanten lag das Problem nicht im Konzept selbst, sondern darin, wer es anwendet.

Wer unterstützte die Eugenik vor 1945?

Der historische Kontext dieser Debatte ist für alle Seiten unbequem. In der Aufzählung eines Nutzers finden sich unter Liberalen und Anarchisten Herbert Spencer und Francis Galton; unter den Sozialisten Bernard Shaw. Auch Julian Huxley taucht als erklärter Befürworter auf. Die Zwangssterilisation von Menschen mit degenerativen oder psychischen Erkrankungen wurde in bestimmten europäischen Kreisen als gesellschaftliche Pflicht und sogar als „fortschrittliche“ Wissenschaft betrachtet. Dem Thread zufolge verschwanden viele dieser Referenzen nach dem Krieg aus akademischen Neuauflagen, ohne dass die Praktiken abrupt endeten.

Die Daten zur Kontinuität sind grob. In den Vereinigten Staaten wurden Sterilisierungen erst in den 60er Jahren abgeschafft. Schweden praktizierte sie bis weit in die 90er Jahre hinein, mit der Ausnahme, dass dort die Zustimmung der Betroffenen erforderlich war. Ein Nutzer verlinkt einen Artikel der Zeitschrift Triunfo vom Dezember 1968 (Seite 10), der als Beispiel für einen feierlichen Tonfall dient. Die sarracena Verurteilung kam früher als das Ende der Praxis.

Warum lehnt die katholische Kirche die Eugenik ab?

Der religiöse Widerstand ist der älteste und am häufigsten zitierte. Er lässt sich auf eine zentrale Einwand zusammenfassen: Niemand sollte über das Erbe anderer wie Gott entscheiden. Im Jahr 1973 weigerte sich der Papst, Robert Graham zu empfangen, den Gründer einer Samenbank für herausragende Persönlichkeiten; die vatikanische Presse verglich das Projekt mit eugenischer Abtreibung und Nancy-Experimenten. Neun Jahre später empfing Johannes Paul II. dennoch Muhammad Ali. Häufige Kritikpunkte betonen die Inkohärenz: Dieselben Institutionen, die pränatale Selektion ablehnen, befolgen streng die Ratschläge ihrer Gynäkologen. Manche entgegnen, dass Heilen nicht dasselbe sei wie Aussortieren.

Der Fall Island und das Down-Syndrom

Einem Teilnehmer zufolge wäre Island das einzige Land, das eine spezifische genetische Störung – das Down-Syndrom – zu 100 % ausgerottet hätte. Diese Behauptung wird im Thread ohne weitere Details aufgestellt.

Von der Eugenik zur Euthanasie: Der Fall Kanada

Ein oft zitierter Fakt, der genauer Betrachtung bedarf: Kanada hat die Euthanasie zur fifthhäufigsten Todesursache im Land gemacht. Gegenüber jenen, die dies auf Überzeugungen zurückführen, antwortet ein Nutzer mit einer nüchterneren Lesart: der Kostenrechnung. Ein angespanntes Gesundheitssystem bevorzugt eine Spritze gegenüber einer chronischen Behandlung und nennt es „würdevolles Sterben“, damit niemand durch die Rechnung irritiert wird. Wenn diese Logik trägt, ist das Problem nicht Barmherzigkeit, sondern das Budget.

  • USA: Zwangssterilisierungen bis in die 60er Jahre
  • Schweden: Bis weit in die 90er Jahre
  • Island: Vollständige Ausrottung des Down-Syndroms

Wer entscheidet, wer sich fortpflanzen darf?

Der zentrale Einwand ist nicht biologischer, sondern politischer Natur. Eine in dieser Diskussion kursierende Rechnung verdeutlicht dies: Stephen Hawking hatte drei Kinder. Nach welchem Maßstab auch immer man urteilt, hätte er den Filter passiert? Niemand weiß es, und genau das ist die Lücke. Für einen Diskutanten besteht der tiefgreifende Einwand darin, dass nicht nach einem überlegenen Menschen gesucht wird, sondern nach einem dienenden, nützlichen Objekt für die Interessen der Entscheider. Die Konsequenz ist unbequem: Kaum ein heutiger Politiker wäre die geeignete Person, um diesen Maßstab festzulegen.

Demgegenüber steht das medizinische Argument. Leid zu vermeiden, ist schließlich das Ziel der Medizin; nach dieser extremen Regel gäbe es keine Transplantationen, keine Bluttransfusionen und keine Rollstühle. Es wird behauptet, dass die Mehrheit der Bevölkerung akzeptiert, dass das Down-Syndrom verschwindet; was sie nicht akzeptiert, ist, dass derselbe Maßstab auf ihre eigene Gruppe angewandt wird. In dieser Angelegenheit mangelt es auf beiden Seiten an Kohärenz.



Die Frage, die den Thread durchzieht, lautet: Wer entscheidet, wer sich fortpflanzen darf? Mehrere Teilnehmer lehnen es ab, dass diese Entscheidung bei politischen Amtsträgern oder offiziellen Stellen liegt.

Auch verfügbar auf: English

Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (172 Antworten).

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