Erste-Welt-Infrastruktur, Dritte-Welt-Arbeitsmarkt in Spanien

Valeria, eine Argentinierin in Spanien, sagt, das sei «keine erste Welt». Die Daten geben ihr recht: Die Produktivität stagniert seit 2007, und die Schulden liegen über 100 % des BIP.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Erste-Welt-Infrastruktur, Dritte-Welt-Arbeitsmarkt in Spanien
Hochgeschwindigkeitszüge und kostenlose Gesundheitsversorgung, aber Löhne, die die Miete nicht decken

Wie erklärt man sich, dass ein Land mit AVE-Hochgeschwindigkeitszügen, führenden Transplantationszentren und Glasfaser in jedem Dorf am Monatsende nicht über die Runden kommt? Genau dieses Paradoxon hat Valeria, eine in Spanien lebende argentinische Content-Creatorin, in einem TikTok-Video angesprochen, das von Medien wie as.com aufgegriffen wurde: «Glaubt nicht, dass das hier die erste Welt ist, davon ist es meilenweit entfernt.» Der Satz hat eine unbequeme Debatte neu entfacht – nicht wegen dessen, was eine Migrantin sagt, sondern wegen dessen, was er über die Wirtschaft des Landes bestätigt, das sie aufnimmt.

Erste Welt hieß Produktivität pro Stunde, kein sarracena Club

Vor zwei Jahrzehnten spielte Spanien noch in der Top 10 des BIP pro Kopf in Kaufkraftparitäten; heute ist es auf Platz 20 und etwas darunter abgerutscht. Das ist keine Meinung, das ist eine Entwicklung: die eines Landes, das aufgehört hat, mehr pro Stunde zu produzieren, und begonnen hat, das zu verteilen, was es gar nicht mehr erwirtschaftet. Die Produktivität pro Stunde ist seit 2007 praktisch flach, und alles, was darüber hinaus verteilt wurde, kam aus Schulden oder Inflation, nicht aus neuem Wohlstand.

Dort liegt die beunruhigende Zahl: Die Staatsverschuldung übersteigt 100 % des BIP und liegt nach einer der kursierenden Berechnungen bereits bei rund 105 %. Was am Verhandlungstisch beschlossen wurde, zahlen nicht die Unterzeichner. Es zahlt, wer danach kommt – und der ist noch nicht geboren. Der institutionelle Rahmen – NATO, EU, Hochgeschwindigkeitszüge – ist weiterhin makellos; die Kasse stimmt nicht.

Die Kategorie, die die Lage am besten beschreibt, ist weder «Dritte Welt» noch «Keller», sondern etwas weniger dramatisch und dafür präziser: reicher Südrand Europas. Genau das machen Italien und Griechenland seit zwanzig Jahren durch, nur mit mehr Touristen und weniger Feingefühl.

Die Rechnung: Was man einzahlt und was man erhält

Die Rechnung, die in den Analysen immer wieder auftaucht, ist grob, aber schwer zu widerlegen. Ein Gehalt von 1.200 Euro wird nur auf der Mindestbeitragsbasis verbeitragt; die Einkommensteuer IRPF liegt nahe null, und die Mehrwertsteuer fällt nur auf das an, was man ausgeben kann – was mit zwei Töchtern und einer pflegebedürftigen Mutter nicht viel ist. Demgegenüber konsumiert derselbe Haushalt Gesundheitsversorgung – Notaufnahme inklusive –, einen Schulplatz, Mensa, Bücher, Stipendien, subventionierte Medikamente und, falls nötig, eine der regionalen Sozialleistungen. Die Bilanz, so argumentieren diejenigen, die nachrechnen, ist von der ersten Minute an negativ.

Man sollte zwei Dinge auseinanderhalten, die allzu leicht vermischt werden. Das eine ist der sogenannte Rufeffekt, der kein Mythos wäre, sondern Verwaltungsdesign: Anmeldung im Melderegister, Grundeinkommen ingreso mínimo vital, das Pflegegesetz ley de dependencia und eine Gesundheitsversorgung mit breitem Zugang wirken wie Preissignale. Das andere ist der Arbeitsmarkt. Und hier dreht sich die Diagnose um: Wer die Bedingungen festlegt, ist nicht der, der ankommt, sondern der, der einstellt. Gastronomie, Bau und Lieferdienste spielen seit Jahrzehnten dasselbe Doppelspiel: auf der einen Seite unkündbare Festangestellte, auf der anderen ewige Rotation. Der Neuankömmling ist das Symptom, nicht die Krankheit.

Oben erste Welt, unten dritte

Die in der Debatte am häufigsten gezeichnete Bilanz teilt das Land in zwei Schichten, die sich nicht berühren:

  • Seite A: NATO- und EU-Mitgliedschaft, Infrastruktur, Gesundheitsversorgung, Bildung, Meinungsfreiheit.
  • Seite B: prekärer Arbeitsmarkt, niedrige Löhne, teures Essen und Energie, unbezahlbarer Wohnungsmarkt, langsame Justiz.

Der Schluss aus diesem Mix ist, dass viele Menschen eine Dritte Welt innerhalb eines Landes der ersten Welt erleben. Und dass sich die erste Welt nach Asien verlagert, während die europäische schrumpft. Niemand nennt dafür ein Datum, was allen bequem ist.

Ist Spanien unsicherer als London oder Paris?

Hier kommt die Zahl ins Spiel, die meistens den Mund stopft. Bei den Tötungsdelikten verzeichnet Spanien 0,60 pro 100.000 Einwohner; Barcelona 0,80; London 1,1; Paris und Mailand 1,6. Mit dieser Tabelle hält der europäische Vergleich gut stand.

Das Problem ist, dass die Tabelle zu kurz greift. Wechselt man die Kennzahl, kippt das Bild: Raubüberfälle, Wohnungszwangsbesetzungen, Wiederholungstäter mit dreißig Vorstrafen, die in der folgenden Woche wieder auf der Straße stehen. Oder einfacher: Lassen Sie das Fahrrad ohne Schloss im Zentrum irgendeiner Hauptstadt stehen. Den einzigen Indikator auszuwählen, bei dem wir gut dastehen, und ihn bis zum Überdruss zu wiederholen, ist keine Analyse, sondern ein Taschenspielertrick.

Auf die Frage, ob das die erste Welt ist, lautet die ehrliche Antwort: Sie war es vermutlich nie so, wie es erzählt wurde – es war Propaganda, auch wenn es keine Lüge war. Was es heute gibt, ist ein Land, das etwas reicher und besser geführt ist als der Durchschnitt seiner Umgebung, in langsamem Abstieg und ohne Plan, ihn aufzuhalten. Valeria hat mit ihrer Klage recht. Von ihr zu verlangen, sie solle umkehren, mit dem Argument, dass es hier besser sei, ist die Antwort auf die falsche Frage. Die erste Welt, die wurde längst abgeholt, und zwar lautlos.

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Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (37 Antworten).

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