US-Läden rüsten nach 100 Mrd. Dollar Diebstahlschaden auf
Ein Supermarkt mit zwei Gängen. Batterien, Snacks, Pflaster und Deos der untersten Preisklasse, alles Eigenmarken. Die Regale sind nicht höher als 1,60 Meter, nichts versperrt die Sicht auf die Kasse und an jedem Ende gibt es ein Alarmsystem. Dies ist das letzte Konzept, das Walgreens in Chicago eröffnet hat, und es verdichtet den Wandel im US-Einzelhandel: Billige Ware liegt offen bereit, teure Ware wird verschlossen gehalten und Kunden warten darauf, dass ein Mitarbeiter sie bringt. Ladendiebstahl ist keine Randerscheinung mehr, sondern die entscheidende Variable dafür, welche Läden öffnen und welche schließen.
Die Zahlen der Branche lassen keine positive Interpretation zu. Im Jahr 2021 verursachten Entwendungen Verluste von fast 88 Milliarden Euro, laut dem letzten Bericht der nationalen Einzelhandelsvereinigung der USA. Für 2022, dessen Bericht kurz vor der Veröffentlichung stand, wurden schlechtere Prognosen erwartet: nahe an 100 Milliarden. Und seit Jahresbeginn hatten Händler einen Anstieg der organisierten Kriminalität um ihre Geschäfte von 26,5% festgestellt. Das klassische Stehlen eines Parfüms oder einer Limonade hat sich auf industrielle Größenordnungen ausgeweitet.
Vom versteckten Tablet zum Raub mit Einkaufsliste
Das Phänomen besteht nicht mehr darin, dass ein Kunde etwas in seiner Jacke versteckt. Ein weit verbreitetes Video zeigt, wie etwa dreißig vermummte Personen in eine Nordstrom-Filiale in Los Angeles eindringen, Wachpersonal mit Bärenabwehrspray besprühen und Handtaschen sowie Accessoires im Wert von fast 300.000 Euro entwenden. Dies geschah vor Weihnachten. Der Fall, der die Straflosigkeit am besten illustriert, ist ein anderer: In einem Walgreens in Queens schmolz eine Person mit einem Schweißbrenner eine Antidiebstahl-Plastikbox – wie sie in Spanien oft Schnapsflaschen schützen – auf und nahm deren gesamten Inhalt mit.
Organisierte Banden haben ihre Methoden verfeinert. Sie nutzen Alltagsprodukte – Shampoos, Seifen, Waschmittel, Zahnpasta, verpackte Lebensmittel bekannter Marken –, kommen mit dem, was ein Target-Manager als Einkaufslisten beschrieb, und ziehen von Bundesstaat zu Bundesstaat, um ihre Verfolgung zu erschweren oder die Zuständigkeiten zu verwischen. Bei Target bezeichnet man diese Entwendungen als „inakzeptabel“ und „weit über das langfristig Tragbare hinaus“. Der Schaden trifft sowohl den lokalen Supermarkt als auch das Luxusgeschäft gleichermaßen.
Warum Kalifornien Ladendiebstahl nur mit Geldbuße bestraft?
Weil die Gesetze des Staates Entwendungen unter 900 Euro als leichte Straftat einstufen und diese üblicherweise mit einer Geldstrafe statt Gefängnis ahnden, mit der Begründung, die Haftkosten für Gewalt- und Schwerverbrechen reservieren zu wollen. Einzelhändler betrachten diese milde Justizpolitik als Hauptfaktor des Problems: Man geht durch eine Gerichtstür rein und durch die andere wieder raus. Zudem kursiert die Version, dass das Gesetz Diebstähle unter 400 Dollar entkriminalisiert und Mitarbeitern verbietet, Diebe zu konfrontieren. Wie auch immer, das Risiko, dass der Dieb bewaffnet ist, führt dazu, dass viele Angestellte sich nicht einmischen.
Die öffentliche Wahrnehmung deckt sich mit dieser Diagnose. Eine Branchenumfrage zeigt, dass sich Verbraucher daran gewöhnt haben, Produkte hinter Schlössern oder an Stahlseilen zu sehen, aber 70% geben an, dass Diebstähle sie beunruhigen, und 51% glauben, Polizei und Richter seien zu nachsichtig. Händler behaupten, diese Beunruhigung koste sie Umsatz: Manche Kunden wechseln aus Angst, in einem Geschäft überfallen zu werden, zum Online-Kauf bei großen Anbietern.
Walmart schließt 17 Filialen, Macy's plant 125
Der Umbau zum Diebstahlschutz-Geschäft erfolgt unter Schließungsandrohung. Walmart kündigte im Dezember die Schließung von 17 Filialen in neun Bundesstaaten wegen kontinuierlicher Entwendungen an. Walgreens hat fünf in San Francisco, drei in Texas, zwei in Florida und eine in Chicago geschlossen, da sie aus demselben Grund unrentabel wurden. Macy's plante im ersten Halbjahr vier Standorte – in Kalifornien, Colorado, Hawaii und Maryland – zu schließen, als Vorgriff auf ein Programm von 125 Schließungen innerhalb von drei Jahren.
Steigende Preise und stagnierende Löhne
Im Hintergrund steht eine wirtschaftliche Lage, die die Unternehmensdarstellung oft vernachlässigt. Der Zugang zu teuren Marken ist schwieriger geworden, die Preise stiegen seit Beginn des Krieges in der Ukraine, und in den USA hat die hohe Inflation die Zinsen auf 5,50% getrieben. Für Millionen von Arbeitnehmern reicht das Gehalt nicht aus, und die Prognose deutet darauf hin, dass dies so bleibt. Die soziale Spannung, die dieser Cocktail erzeugt, durchzieht das Thema von oben bis unten: Manche führen Diebstähle auf die demografische Zusammensetzung bestimmter Städte zurück, eine These, die von den Branchenstatistiken nicht gestützt wird und keine Verallgemeinerungen über Gruppen erlaubt.
Der Verdacht im Diskurs: Diebstahl als Treiber für Online-Handel
Hier taucht die am häufigsten wiederholte Hypothese auf, die jedoch die wenigsten Beweise hat. Sie besagt, dass die Abfolge – lockere Gesetze, geschlossene Läden, verängstigte Kunden, Wechsel zu Internet – nicht ganz zufällig sei: Die Verschlechterung des stationären Handels würde digitalen Konsum, elektronische Zahlungen und eine viel stärkere Kontrolle jeder Transaktion begünstigen. Das passt zur Zunahme des Online-Kaufs bei denen, die Angst haben, ein Geschäft zu betreten. Es passt nicht zur verfügbaren Evidenz: Einzelhändler nennen mehrere Ursachen und kein Dokument belegt eine geplante Schließungsstrategie.
Mit den Fakten auf dem Tisch stockt die Erklärung des Phänomens. Einige fokussieren auf das Strafgesetzbuch, andere auf Inflation und Lohnniveau, wieder andere auf einen Plan, den niemand unterschreibt. Keine der drei Erklärungen allein klärt, warum ein Supermarkt in Chicago einen Mitarbeiter braucht, um eine Dose Cola zu verkaufen.
Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft.
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