Die PER-Bewertungsmethode und ihre Schwächen

Das Multiplizieren des KGV mit dem freien Cashflow soll den wahren Aktienkurs ergeben, doch die Formel widerspricht ihren eigenen Beispielen.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Die PER-Bewertungsmethode und ihre Schwächen
KGV mal freier Cashflow: Eine Heimwerker-Methode zur Aktienbewertung

Lässt sich erkennen, ob eine Aktie unterbewertet ist, mit nur zwei Divisionen und einer Subtraktion? Das verspricht eine weit verbreitete Methode: Nehmen Sie das KGV — Kurs pro Aktie geteilt durch Gewinn pro Aktie —, multiplizieren Sie es mit dem freien Cashflow, addieren oder subtrahieren Sie die Nettoverschuldung und teilen Sie das Ergebnis durch die Anzahl der ausstehenden Aktien. Der resultierende Wert wäre der "wahre" Preis der Aktie. Das Versprechen geht weiter: Mit drei Gewinnen von 50 % in zwei Jahren werden aus 10.000 Euro 33.750, und bei Wiederholung ergibt sich eine Million Euro in acht Jahren.

Was das KGV misst und warum hier ein hoher Wert gesucht wird

Die Methode basiert auf einem kontraintuitiven Ansatz. Es wird nicht ein niedriges, attraktives KGV gesucht, sondern das Gegenteil: ein möglichst hohes KGV. Die Logik besagt, dass ein sehr kleiner Gewinn pro Aktie den Nenner drückt und den Multiplikator erhöht. Angewandt auf den freien Cashflow führt dies zu einer theoretischen Marktkapitalisierung, die weit über der tatsächlichen liegt, was ein unterbewertetes Unternehmen anzeigen soll.

Damit dies funktioniert, müssen sowohl der Gewinn pro Aktie als auch der freie Cashflow positiv sein. Bei kleinen Unternehmen oder Verlustunternehmen bricht die Formel zusammen. Daher der Fokus auf Finanzdatenplattformen — oft wird eine begrenzte kostenlose Version wie ein Mantra wiederholt — statt manueller Prüfung der Jahresabschlüsse.

Interactive Brokers: Kurs bei 66 Dollar, Formel sagt 2.403

Das Vorzeigebeispiel ist der Broker Interactive Brokers. Am 31. März 2022 lag der Gewinn pro Aktie bei 0,74 Dollar und der Kurs bei 66 Dollar, was ein KGV von 89 ergab. Bei einem freien Cashflow von 2,1 Milliarden und negativer Nettoverschuldung (51 Milliarden Dollar Barvermögen) errechnete sich eine Marktkapitalisierung von 238 Milliarden. Geteilt durch 99 Millionen Aktien ergibt sich ein theoretischer Preis von 2.403 Dollar pro Aktie. Befürworter argumentieren, dass die Differenz allein den Kauf rechtfertigt, auch wenn der Kurs diese Höhe nie erreicht.

Allerdings fiel die Aktie im folgenden Quartal um 17 %, als der freie Cashflow negativ wurde. Verteidiger der Methode erkennen dies an und fügen eine technische Bedingung hinzu: Warten Sie auf Wochen des Rückgangs und tägliche Hochs vor dem Einstieg. Im dritten Quartal 2022, mit einem Kurs von 63 Dollar und einem Gewinn pro Aktie von 0,97, ergab die Formel 2.088 Dollar, und der Wert stieg 27 % in einem Monat.

Warum ein hohes KGV nicht bedeutet, dass die Aktie billig ist

Hier beginnt die Widerlegung. Dasselbe KGV misst je nach Ursache gegensätzliche Dinge: ein temporäres Geschäftsproblem, das günstige Einstiege erlaubt, oder eine hohe Kapitalisierung, die rein spekulativ ist. Der zentrale Einwand ist arithmetisch. Wenn zwei Unternehmen identisch in Cashflow, Schulden und Aktienanzahl sind, aber nur im Gewinn pro Aktie unterscheiden, erscheint das mit dem winzigen Gewinn über die Formel extrem günstig. Zahlenbeispiele zeigen, dass zwei Firmen mit 1 Million freiem Cashflow und 0,5 Millionen Schulden radikal unterschiedliche Bewertungen liefern, nur weil der Gewinn pro Aktie bei 5 bzw. 0,01 liegt.

Die Formel verwechselt Preis mit Wert. Ein winziger Gewinn pro Aktie ist kein Schnäppchen; er kann ein Signal dafür sein, dass das Unternehmen kaum Gewinn erzielt. Angewandt auf eine Spekulationsblase würde sie überbewertete Aktien als Chancen markieren.

Quartals-Cashflow verzerrt die Berechnung

Der zweite Kritikpunkt betrifft die Eingabedaten. Der freie Cashflow ist volatil, wenn er quartalsweise betrachtet wird: Ein Unternehmen, das Investitionen in einem bestimmten Zeitraum konzentriert, kann unrealistische Cashflows ausweisen, oft gedrückt durch Capex. Drei-Monats-Zahlen spiegeln nicht die echte Generierung wider. Relevanter Cashflow sollte ein langfristiger Durchschnitt sein, nicht eine Quartalsaufnahme. Dies gilt auch für Geschäftsjahre, wo Capex das Bild verzerrt.

Das Versprechen des Zinseszinses: Von 10.000 auf eine Million

Der letzte Rahmen ist der Zinseszins. Die Sequenz ist reine Arithmetik: 10.000 Euro, die dreimal in zwei Jahren um 50 % wachsen, werden zu 33.750; Wiederholung bringt es auf 100.000; zwei weitere Zyklen erreichen eine Million in acht Jahren. Die Falle besteht darin, dass dies einen nachhaltigen, fehlerfreien 50%-Renditezyklus alle zwei Jahre erfordert. Skeptiker weisen darauf hin, dass Warren Buffett sechs Jahrzehnte brauchte, um mit einer anderen Strategie Vermögen aufzubauen, und fragen, warum niemand dieses Millionenziel mit dieser Methode erreicht hat.

Der Leitfaden enthält technische Indikatoren — RSI, gleitende Durchschnitte, Fibonacci-Retracements — zum Timing des Einstiegs. Nichts davon ist neu, was die Paradoxie hervorhebt.

Mit diesen Werkzeugen verspricht das Rezept Verzehnfachungen alle vier Jahre und offensichtliche Schnäppchen. Es erfordert nur, dass die Unternehmen liefern, was sie versprechen... und genaue Prüfung derer, die Erfolg behaupten, zu ignorieren.

Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (121 Antworten).

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