Die junge Truckerin, die mit 3.000 Euro am Tag fürs Posieren kassiert: ein neues Geschäftsmodell?
Ein Video einer Frau Anfang zwanzig am Steuer eines Lkw hat auf YouTube über zwei Millionen Aufrufe gesammelt. Doch das eigentliche Geschäft liegt nicht im Gütertransport, sondern im Image, das sie verkauft. Laut kursierenden Berechnungen soll diese «Truckerin» für einen einzigen Drehtag zwischen 1.500 und 3.000 Euro kassiert haben – im Rahmen einer Werbekampagne, die vom Europäischen Sozialfonds (ESF) mitfinanziert wird, um die Berufsausbildung und den Berufseinstieg zu fördern. Das Gesamtbudget der Kampagne wird auf rund 200.000 Euro geschätzt. Die naheliegende Frage: Haben wir es mit einer echten Fahrerin zu tun – oder mit einer engagierten Schauspielerin, die einen kriselnden Beruf attraktiv machen soll?
Die Kostenanalyse der Kampagne 'Werde Trucker'
Der genaue Betrag, den die junge Frau erhielt, wurde nicht veröffentlicht, doch eine Analyse der üblichen Kosten in der Werbebranche erlaubt eine Annäherung. Ein Model mit «authentischem» Profil – keine Topmodel – verlangt in der Regel zwischen 1.500 und 3.000 Euro pro Drehtag. Die Kampagne, die Teil eines europäischen Programms zur Förderung der Berufsausbildung war, verfügte über ein Gesamtbudget von rund 200.000 Euro, aufgeteilt auf Agentur, Produktion, Medien und Honorare. Wer das vollständige Video gesehen hat, wird die aufwendige Produktion bemerken: Beleuchtung, Bildausschnitte, Nahaufnahmen. Das ist nicht das übliche mit dem Handy gedrehte Statement. Die Rechnung übersteigt in jedem Fall deutlich das Durchschnittsgehalt eines Berufsfahrers, das kaum 1.500 Euro im Monat erreicht.
Echte Truckerin oder Casting-Schauspielerin?
Die Debatte konzentriert sich auf die Glaubwürdigkeit der Protagonistin. Die Argumente der Zweifler sind deutlich: Sie erscheint in einstudierten Posen, mit makellosem Make-up, enger Kleidung und einer Ausstrahlung, die eher an Parfümwerbung erinnert als an den Arbeitsalltag einer Spedition. Es wird darauf hingewiesen, dass jemand, der tatsächlich zehn Stunden am Steuer verbringt, diesen Look kaum halten könnte. Zudem deutet der Inhalt ihrer Social-Media-Kanäle – darunter Videos im Bett und Nahaufnahmen – auf eine Content-Creatorin hin, nicht auf eine Profifahrerin. Wer ihre Echtheit verteidigt, argumentiert, es gebe durchaus echte Truckerinnen und die Sichtbarkeit sei positiv; doch selbst diese Verteidiger räumen ein, dass das Video zumindest eine beschönigte Version der Realität ist.
Das Nebengeschäft: von der Truckerin zur Erotik-Content-Creatorin
Das ist kein Einzelfall. Auf Plattformen wie OnlyFans oder YouTube gibt es eine ganze Nische von Frauen, die das Truckerin-Image mit erotischen oder anzüglichen Inhalten kombinieren. Das sogenannte schwedische «Trucker Girl», bekannt als Larsson, ist ein weiteres Beispiel für dieses Phänomen: blond, Superman-T-Shirt, über eine Million Trinc. Die Monetarisierung läuft längst nicht mehr nur über institutionelle Werbung, sondern über den Verkauf von Abos und privaten Inhalten. Im Thread wird ein X-Konto (@TruckerGirl850) erwähnt, das direkt zu OnlyFans verlinkt. Die Schlussfolgerung vieler Analysten: Die offizielle Kampagne dient als Sprungbrett für eine Karriere als bezahlte Influencerin.
Europäische Gelder, um Kanonenfutter zu rekrutieren
Die letzte Ironie hat einen bitteren Beigeschmack. Öffentliches Geld – aus dem ESF – zu verwenden, um ein junges, attraktives Model zu bezahlen und damit neue Fahrer für eine Branche mit akutem Arbeitskräftemangel zu gewinnen, ist eine so alte Strategie wie die Propaganda selbst. Einige Kommentatoren ziehen Parallelen zu den Plakaten der Hitlerjugend, wo weibliche Anziehungskraft ebenfalls als Köder diente. Heute ist die Verpackung «proge» oder «Empowerment», doch der Mechanismus ist identisch: Eine Fantasie wird verkauft, um einen realen, harten und schlecht bezahlten Job zu besetzen. Angesichts dieser Zahlen bleibt die Frage, wie viel dieses Budget tatsächlich in bessere Arbeitsbedingungen für Berufsfahrer geflossen ist – und wie viel in die Schönfärberei der Realität.
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