Spanien führt den EU-Misery Index an: Durchschnittsgehalt reicht nicht mehr zum Leben
Ein Durchschnittsgehalt von 1.000 Euro in Spanien reicht nicht aus, um die Grundbedürfnisse zu decken, wie in der Debatte dargelegt wird. In Uruguay kommt man mit umgerechnet 350 Euro knapp über die Runden. In Kuba hingegen reichen 27 Euro im Monat nicht einmal für eine Woche Verpflegung. Der internationale Vergleich der Lebenshaltungskosten ist zum neuen Schlachtfeld geworden, um die wirtschaftliche Verschlechterung in Spanien zu messen, und die Daten in der öffentlichen Diskussion lassen wenig Raum für Optimismus. Das Land, das mit Rekordwachstum prahlt, kämpft mit einem strukturellen Problem, das keine offizielle Statistik beschönigen kann: Die Durchschnittseinkommen reichen nicht aus, um den steigenden Warenkorb zu bewältigen.
Die Kluft ist nicht nur eine Wahrnehmungssache. Wer im Ausland gelebt hat, bestätigt dies bei der Rückkehr: In den USA können ein Mechaniker, eine Friseurin oder ein Kellner ein gebrauchtes Auto und eine bescheidene Wohnung finanzieren. In Spanien reicht das Einkommen dieser Berufsgruppen kaum noch für eine alleinige Mietwohnung. Die Differenz der Kaufkraft ist zum ehrlichsten Indikator für die aktuelle Lage geworden – ehrlicher als jede Arbeitslosenquote oder das BIP-Wachstum.
Der Misery Index und die Falle der Beschäftigungsstatistiken
Der Misery Index — der Arbeitslosigkeit und Inflation kombiniert — setzt Spanien an die Spitze der Europäischen Union, noch vor Rumänien und Griechenland, wie Analysten berichten. Die offizielle Arbeitslosenquote verschleiert jedoch eine härtere Realität. Die sogenannten [fijos discontinuos] (befristete Arbeitnehmer mit der Option auf Weiterbeschäftigung), die in Spanien etwa 1,2 Millionen Menschen umfassen, werden in keinem anderen OECD-Land als Arbeitslose gezählt. Auch die 322.000 Spanier, die ihren ersten Job suchen, tauchen in der Arbeitslosenstatistik nicht auf, anders als im restlichen EU-Aus.
Das Ergebnis ist eine statistische Beschönigung einer Arbeitsmarktsituation, die seit 47 Jahren in mehreren Kategorien die schlechteste der OECD ist: allgemeine Arbeitslosigkeit, Jugendarbeitslosigkeit, lang anhaltende Arbeitslosigkeit bei Frauen sowie bei Männern über 55 Jahren. Spanien führt all diese Rankings ohne Ausnahme an. Die Schattenwirtschaft und die saisonale Beschäftigung im Tourismus sorgen zudem für eine mangelnde Transparenz darüber, wie viele Menschen tatsächlich illegal arbeiten.
Auswanderung als Ventil: 3 Millionen seit 2008
Seit 2008 haben etwa 3 Millionen Spanier das Land verlassen, so die vorliegenden Zahlen. Nicht alle sind arbeitslos: Viele emigrieren, um beruflich aufzusteigen. Ein Sicherheitsmitarbeiter in Barcelona kann durch Überstunden netto 2.500 Euro im Monat verdienen, doch ein Angebot aus Deutschland mit bezahlter Unterkunft und 1.800 bis 2.000 Euro netto ohne Extras wirkt attraktiver. Dabei geht es nicht nur um Geld, sondern um Lebensqualität und Perspektiven.
Das wirtschaftliche und soziale Erbe wiegt schwerer, als oft zugegeben wird. Wer eine Familie mit Vermögen hat, startet mit einem Vorteil; wer nicht, beginnt ganz unten und hat kaum Chancen auf einen Aufstieg. Für Einwanderer der ersten Generation ist es noch härter: Ohne familiäres Netzwerk oder institutionelle Unterstützung treffen sie auf einen Arbeitsmarkt, der bereits die Einheimischen verdrängt. Der Vergleich mit anderen europäischen Ländern hinkt: In Deutschland oder den Niederlanden kann sich ein durchschnittlicher Angestellter eine eigene Wohnung leisten; in Spanien ist das Teilen von WGs zur Norm geworden, selbst für Berufstätige.
Lebenshaltungskosten fressen Gehalt auf: Der Warenkorb als Thermometer
Gehälter zwischen Ländern zu vergleichen, ohne die Kaufkraft zu berücksichtigen, ist irreführend. 350 Euro in Uruguay können ausreichen; in Spanien reichen 1.000 Euro nicht aus. Der Vorschlag, der kursiert, ist die Messung von Löhnen in konkreten Gütern: Wie viele Brote, wie viele Liter Milch, wie viele Steaks oder wie viele Kilowattstunden kann man mit dem Durchschnittsgehalt kaufen? Diese Methode, die ehrlicher als jeder offizielle Index ist, zeigt, dass Spanien selbst gegenüber Volkswirtschaften an Boden verloren hat, die vor einem Jahrzehnt noch schlechter dastanden.
Die Wohnkosten sind der entscheidende Faktor. In den USA kann ein normaler Angestellter ein bescheidenes Haus erwerben; in Spanien muss dieselbe Person eine WG bilden oder auf familiäre Unterstützung angewiesen sein. Das Verhältnis zwischen Lohn und Lebenshaltungskosten ist gekappt, und keine Erhöhung des SMI (Mindestlohn) konnte den kumulierten Kaufkraftverlust ausgleichen.
EU-Gelder und das nicht korrigierte Produktionsmodell
Ein Teil der Analyse weist auf die Milliarden an EU-Entwicklungsfördermitteln hin. Das Geld versickerte in Provisionen, Größenwahn und Prestigeprojekten: Hochgeschwindigkeitszüge statt Autobahnen zwischen Hauptstädten, Kongresspaläste in Städten mit 30.000 Einwohnern oder Musikschulen in Gemeinden mit 3.000 Menschen. Währenddessen wurde die verbliebene Industrie zu Spottpreisen verkauft, die größte Fischereiflotte des Planeten demontiert und Agrar- sowie Viehquoten akzeptiert, die führende Produkte benachteiligten.
Das Ergebnis ist ein Wirtschaftsmodell, das vom Tourismus, dem Bauwesen und der öffentlichen Beschäftigung abhängig ist. Ohne Industrie, Fischerei und wettbewerbsfähige Landwirtschaft ist das Land jeder externen Krise schutzlos ausgeliefert. Die zentrale Frage ist, ob das europäische Geld zur Modernisierung diente oder nur dazu, Löcher zu stopfen, während die Zukunft verpfändet wurde.
Soziale Unzufriedenheit und politische Entfremdung
Die Unzufriedenheit beschränkt sich nicht auf die Wirtschaft. Ein Teil der öffentlichen Debatte sieht Rentner als privilegierte Gruppe gegenüber der Jugend, während ein anderer die gesamte politische Klasse — von links bis rechts — als letztverantwortlich für den Verfall ansieht. Das Gefühl, dass keine Partei eine Lösung bietet, schürt die Entfremdung und die Erzählung, dass das System einen radikalen Wandel benötigt.
Die Jugend hingegen nutzt das Fernsehen kaum noch als Informationsquelle. Sie informieren sich über soziale Medien und Content-Creator, was die Erzählung weiter fragmentiert. Die Kernfrage ist, ob sich diese Entfremdung in Mobilisierung oder Resignation entlädt. Die Daten zu Beschäftigung, Emigration und Kaufkraft deuten darauf hin, dass sich das Problem nicht von selbst lösen wird.
Der Misery Index misst keine Wahrnehmungen, sondern Arbeitslosigkeit und Inflation. Spanien führt in beiden Bereichen. Mit 47 aufeinanderfolgenden Jahren als Spitzenreiter der OECD bei der Arbeitslosigkeit, 3 Millionen Auswanderern seit 2008 und einem Durchschnittsgehalt, das nicht für das Lebensnotwendige reicht, ist die Frage nicht mehr, ob es dem Land schlecht geht, sondern wie lange die Erzählung vom wirtschaftlichen Aufschwung noch haltbar ist.
Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft.
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