Die Frage, die Spanien spaltet: Sind Lateinamerikaner „unsere Brüder“?
Ein Bewohner eines ganz normalen Viertels in der Autonomen Gemeinschaft Madrid stellt die Frage ohne Umschweife: Immer häufiger hört er Spanier sagen, dass ein Ecuadorianer, Venezolaner oder Kolumbianer „im Grunde genommen genau wie ein Spanier“ sei. Er sieht das anders. Aufgewachsen inmitten dieser Realität, die er auf Fußball- und Basketballplätzen hautnah erlebte, gesteht er, dass er „ruhiger“ gelebt hätte, wenn es sie nicht gegeben hätte. Die zentrale Frage lautet: Ähneln wir den Lateinamerikanern wirklich, oder ist dies nur Nostalgie für eine Vergangenheit, die es so nicht mehr gibt?
Die erhaltenen Antworten sind keineswegs einheitlich. Manche ziehen eine klare Linie zwischen den Ländern des Südens – Argentinien, Chile, Uruguay – und dem Rest, während andere behaupten, der kulturelle Abstand sei derselbe wie zwischen einem Murcianer und einem Almerienser. Das Thema berührt jedenfalls sensible Punkte: Identität, soziale Klasse, Immigration und den schwer fassbaren Begriff der Hispanidad.
Die Landkarte der Teilnehmer
Der erste Riss ist geografisch. Einige Stimmen behaupten, Argentinier, Chilenen und Uruguayer – zumindest ihre Eliten – könnten „problemlos als Spanier durchgehen“, während Kolumbianer, Venezolaner, Peruaner, Bolivianer, Ecuadorianer und Mittelamerikaner auf einer anderen Ebene stünden. Die wiederkehrende Rechtfertigung mischt europäische Abstammung, Kulturbild und Bräuche. Andere lehnen diese Hierarchie rundweg ab und führen sie auf reinen Klassismus zurück.
Der zweite Riss ist klassenbezogen. Ein Teilnehmer stellt eine unbequeme These auf: Wer den lateinamerikanischen Einwanderer als Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt oder im Liebesleben sehe, sei seiner Meinung nach ein „armes Schlitzohr vom Stadtrand“. Er behauptet, in Chile oder Uruguay gebe es Menschen, die „reicher, gebildeter und genetisch besser veranlagt“ seien. Die Antwort lässt nicht lange auf sich warten: Wenn Geld das Kriterium wäre, wären ein reicher Norweger und ein reicher Kolumbianer gleichzusetzen. Und hier wird das Argument wackelig.
Der dritte Riss betrifft die alltägliche Erfahrung. Gegenüber denen, die von Kulturschock sprechen, beschreiben andere das Gegenteil: Dominikaner, Uruguayer, Costa Ricaner, Bolivianer oder Marokkaner seien „perfekt integriert“, höflich und gute Arbeiter. Das Problem liege nicht an der Nationalität, sondern an der Art der Immigration und dem mangelnden Kontrollsystem.
Warum spricht man von „Brüdern“, wenn es sich nicht danach anfühlt?
Hier wird die Sache interessanter. Mehrere Beiträge deuten darauf hin, dass die Zuneigung einseitig ist: In Spanien wird die Geschwisterlichkeit betont, doch blickt man darauf, wie über Spanien in Lateinamerika gesprochen wird, fehlt jegliche Gegenseitigkeit. Ein Teilnehmer fasst es mit einem Beispiel zusammen: Ein Peruaner, so heißt es, „hasse Spanien seit Kindheitstagen“, etwas, was bei Afrikanern nicht der Fall sei; diese würden das Land erst dann verachten, „wenn sie ankommen und sehen, wie dumm wir sind“.
Eine andere Strömung kritisiert die hispanistischen Intellektuellen. Man wirft ihnen vor, in Elfenbeintürmen zu leben, nur die venezolanischen oder mexikanischen Eliten zu kennen, die Wohnungen in guten Stadtteilen kaufen, und ein Ideal der Hispanidad zu konstruieren, das der Realität nicht standhält. Das angeführte Beispiel: Während eines solchen Gesprächs sterben in Mexiko gewaltsam mehr Menschen als in Spanien in einem ganzen Jahr.
Und dann ist da noch die innere Paradoxie. Spanien, so wird argumentiert, ist ein Land mit brutalem regionalen Hass, wo sich ein Murcianer nicht als Gleichrangiger eines Almeriensers sieht, und plötzlich proklamiert man Geschwisterlichkeit mit jemandem, der anders spricht, anders lebt und sich manchmal nicht einmal mit einem Spanier verwechselt sehen möchte.
Der Riss, den niemand betrachten will: Hispanidad als ideologisches Geschäft
Der Faden führt zu einer Diskussion darüber, was Hispanidad eigentlich bedeutet. Die einen sehen darin ein zivilisatorisches Projekt mit Mexiko als Speerspitze; die anderen halten es für eine Erfindung von Romanautoren und YouTubern, die nie ein normales Viertel betreten haben. Die häufigste Kritik: Die Hispanisten haben keinen praktischen Kontakt zu dem, was sie verteidigen.
Währenddessen driftet das Gespräch Richtung Hautfarbe, Genetik und Intelligenzquotient. Dort wird das Material unangenehm und teilweise direkt inakzeptabel. Behauptungen über Rassen, Temperamente oder intellektuelle Fähigkeiten in einigen Beiträgen entbehren jeder Grundlage und werden hier nicht wiedergegeben. Klar ist jedoch, dass das Thema Leidenschaften weckt, die weit über gemeinsame Sprache oder Geschichte hinausgehen.
Das verwirrende Faktum
Am Ende hat die Ausgangsfrage – sehen wir uns als ähnlich wie die Lateinamerikaner? – keine eindeutige oder bequeme Antwort. Was zum Vorschein kommt, ist ein Land, das öffentlich das eine sagt und privat das andere, das Geschwisterlichkeit proklamiert, während es diskutiert, ob der Nachbar sein Ebenbild ist, und das sich nicht entscheiden kann, ob die gemeinsame Sprache eine Brücke oder bloßer Zufall ist. Die einzige Gewissheit: Nach 174 Antworten hat niemanden überzeugt.
Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft.
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