Charkiw, das nächste Referendum, das niemand anberaumt hat
Der Leiter der provisorischen Zivilverwaltung der Region Charkiw, Vitali Gantschow, kündigte an, dass nach der Stabilisierung der Lage in den befreiten Gebieten ein Referendum abgehalten werden könne. Er sagte es Ria Nowosti. Das heißt: Dieselbe staatliche Agentur, die als Sprachrohr des Kremls dient, setzt einen ungefähren Zeitrahmen für eine Abstimmung, die bislang weder Datum noch Wählerverzeichnis, Frage oder anerkannten Rechtsrahmen hat. Die Nachricht ist, wie sie dasteht, ein Konditionalsatz.
Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. Und nicht wegen des Inhalts – das überrascht inzwischen niemanden mehr –, sondern wegen der Form. Die Flagge der Volksrepublik Charkiw, als Gebilde noch gar nicht existent, löste bereits eine Debatte über ihr Design aus: grün, mit wiederholtem Wappen und, laut der häufigsten Kritik, obendrein hässlich. Wenn das institutionelle Ereignis ein Konditionalsatz ist und die Flagge das Konkreteste daran ist, ist der Grad an Gewissheit des Projekts treffend porträtiert.
Ein Referendum ohne Wählerverzeichnis, ohne Frage und ohne Beobachter
Die Mechanik der Ankündigung hat einen Haken. Erst bombardieren, dann stabilisieren, dann abstimmen. Diese Reihenfolge, im Gespräch mit Augenzwinkern angemerkt, fasst den Skeptizismus zusammen: Erst bombardiere ich sie, dann bitte ich sie, mich zu wählen. Das klingt nicht nach einer guten Strategie, ist aber die, die es gibt. Wer den Prozess verteidigt, hält dagegen, dass die ukrainischen Truppen das Ziel waren, nicht die lokale Bevölkerung, und dass die Mehrheit der Einwohner der Region prorussisch sei. Tatsächlich, so fügen sie hinzu, hätten diese sich 2014 gemeinsam mit Lugansk und Donezk abspalten wollen, und ukrainisches Militär und Milizen hätten es verhindert.
Das Problem ist überprüfbar: Es gibt kein unabhängiges Wählerverzeichnis, keine definierte Frage, keine Wahlbehörde, die irgendjemand außerhalb Moskaus anerkennt. Und der Präzedenzfall von 2014, mit unter Milizkontrolle geöffneten Wahllokalen, lädt nicht dazu ein, das Unternehmen als eine ganz normale Übung in Bürgerbeteiligung zu betrachten. Der Vergleich mit der 1-O-Abstimmung und Katalonien stellte sich bald ein, eher mit Augenzwinkern als mit Strenge: Man kann zwei- oder dreimal wählen wie in Katalonien.
Was bleibt von der Ukraine, wenn Charkiw, Lugansk, Donezk, Cherson und die Krim von der Karte verschwinden?
Die demografische und ökonomische Rechnung ist das am wenigsten ideologische und das unbequemste Argument. Ordnet man die ukrainischen Städte nach Einwohnerzahl ohne Kiew, fällt ein erdrückender Teil der bevölkerungsreichsten Städte, mit höherem BIP und mehr Industriestruktur, auf die russische Seite der Linie. Die im Gespräch kursierende Behauptung ist grob, zeigt aber auf etwas Reales: Was von der Ukraine übrig bleibt, wird ein kleineres, ländlicheres und ärmeres Land sein, und seinen Wiederaufbau wird Russland nicht bezahlen.
Hier kommt die Debatte über den Wiederaufbauplan ins Spiel. Die vorherrschende These ist, dass der Westen, insbesondere die USA, den nicht besetzten Teil mit einer Kraftanstrengung nach Art des Marshallplans finanzieren wird. Der Einwand ist buchhalterischer Natur: Diese Schuld werden die Ukrainer nicht in fünf Generationen abbezahlt haben. Und die am stärksten zerstörten Gebiete – die unter russischer Kontrolle – bräuchten einen Millionenregen, den Moskau offenbar nicht beizusteuern gedenkt. Die These, die sich durchsetzt: China wittert ein Geschäft und mischt sich ein.
Cherson als Präzedenzfall und ein Zeitplan, der sich in die Länge zieht
Der Fall Cherson funktioniert als Generalprobe. Auch dort wurde ein Referendum angekündigt, und im Gespräch hieß es, zuerst müsse Mykolajiw gesichert werden. Später stellte sich heraus, dass die Abstimmung ohne die Einnahme von Mykolajiw stattfand, allerdings auch nicht viel brachte. Dieses Muster – Ankündigung, Warten, Abstimmung ohne Garantien – wird nun in Charkiw wiederholt und erklärt, warum die im Laufe der Zeit meistgestellte Frage nicht ideologischer, sondern logistischer Natur ist: Wie läuft das Referendum?.
Die Entwicklung der Diskussion ist aufschlussreich. Zunächst ging es um die Legitimität, dann um den Zeitplan, am Ende um die bloße Existenz eines Wählerverzeichnisses. Wer ist dort noch übrig, um überhaupt etwas abzustimmen? ist die Frage, die den Zyklus beschließt. Wenn das Wahlvolk mobil ist, ist das Ergebnis ein Schnappschuss der Armee, die das Gelände kontrolliert, nicht des Willens der Anwohner.
Das Recht zu entscheiden – je nachdem, wer es beansprucht
Der Doppelmoral-Vergleich ist der saftigste Subtext. Dieselben, die die Selbstbestimmung Charkiws verteidigen, verachten die Kataloniens, und dieselben, die sie in Donezk bestreiten, fordern sie in Barcelona ein. Die Frage, die in der Luft hängt: Werden die katalanischen Unabhängigkeitsbefürworter das Selbstbestimmungsrecht der Charkiwer unterstützen?. Niemand beantwortet sie, ohne die Jacke zu wechseln.
Vor Ort ersetzt die provisorische Zivilverwaltung die Kiewer Bürokratie, ebenso wie in Lugansk und Donezk seit 2014. In den Distrikten des Ostens der Region, etwa in Isjum, gilt die Macht der Zentralregierung als zerschlagen. Die Abstimmung wird, wenn sie kommt, nichts entscheiden, was nicht bereits durch die Position der Truppen entschieden ist. Und genau da bleibt die Analyse stecken: ohne Wählerverzeichnis, ohne Frage und ohne Beobachter ist das Referendum in Charkiw kein Instrument der Legitimierung, sondern ein Verwaltungsakt, der angekündigt wird, bevor er existiert.
Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft.
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