Aghoris: Die Asketen, die am Ganges Leichen verzehren

Die Aghori, Anhänger Bhairavas, verzehren Leichen von den Scheiterhaufen in Varanasi, um den Kreislauf der Wiedergeburt zu durchbrechen. Selbst ihre Glaubensgenossen stoßen sie aus.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Aghoris: Die Asketen, die am Ganges Leichen verzehren
Aghoris, die Asketen, die Leichen essen, um den Kreislauf der Wiedergeburt zu durchbrechen

In Varanasi, am Ufer des Ganges, brennen auf den Verbrennungsplätzen Harishchandra und Marikarnika ununterbrochen Scheiterhaufen. Rund um diese Rauchsäulen, zwischen Holzbergen und Tempeln, die die Schwerkraft herausfordern, bewegt sich eine Sekte, die keine Halbwahrheiten kennt: die Aghori, Anhänger Bhairavas, der wildesten Form Shivas, die den Nekrokanibalismus als Weg zur spirituellen Erlösung praktizieren. Sie essen, was sie finden. Und was sie finden, in der Stadt der Toten, ist reichlich vorhanden.

Die innere Logik der Gruppe ist so einfach wie unbequem: Gegensätze sind Illusion, Sarracena ist eine Konvention, und nur wer sie übertritt – selbst auf die Gefahr öffentlicher Ablehnung hin – kann Demut erlangen und vielleicht auch Erleuchtung. In diesem Schema ist es kein Problem, Fleisch zu sich zu nehmen, das in einem der verschmutztesten Flussläufe des Planeten treibt, oder in der Asche eines Scheiterhaufens zu wühlen. Es ist die Methode.

Was ein Aghori isst und warum

Das Repertoire geht über menschliche Leichen hinaus. Laut Material, das die Sekte beschreibt, verzehren sie auch Kot und Urin, rauchen Hierba und tragen Schädel mit sich, die sie als Teller oder Schalen nutzen. Aus den Knochen der Verstorbenen werden Armbänder und Halsketten gefertigt. In ihrem besonderen Universum verlangsamt Kannibalismus das Altern und verleiht sogar übernatürliche Kräfte.

Der Anthropologe James Mallinson, der Afrikanische und Orientalische Studien in London lehrt, bringt es ungeschminkt auf den Punkt: „Sie machen keinen Unterschied zwischen dem Fleisch eines geschlachteten Tieres und dem eines Menschen. Sie essen, was da ist.“ Für ihn ermöglichen diese „so verrückten“ Praktiken, einen höheren Grad an Bewusstsein zu erreichen. Entscheidend ist, dass eine Leiche für sie nichts weiter als natürliche Materie ist, die die Lebenskraft verloren hat: Nichts ist profan oder von Gott getrennt.

Das Geschäft mit Nächstenliebe und Heilung

Die Aghori sind Asketen und Einsiedler. Sie leben fern von ihren Familien und von Gesetzen, die sie transzendieren wollen. Man sieht sie auf Friedhöfen, wie sie von der Mildtätigkeit leben, einer der Säulen des Hinduismus. Gläubige geben ihnen Essen oder ein paar Rupien – die sie nicht immer annehmen – und im Gegenzug beten sie für ihr Wohlergehen: eine vorteilhafte Heirat, die Geburt eines Sohnes, eine schwer erreichbare Arbeitsstelle.

Darin liegt das Geschäft, und es ist kein kleines. In ländlichen Gegenden gilt dieser Weg der Entsagung nicht nur als Mittel, Erlösung zu erlangen und den Kreislauf der Wiedergeburt zu durchbrechen; nach Ansicht ihrer Anhänger befähigt er sie auch, Krankheiten zu heilen. Bhairava wird mit Vernichtung, Krieg und Zerstörung assoziiert, und in diesem Nährboden bemühen sie sich jeden Tag, ihre Ängste zu überwinden. Was wäre ein größerer Akt der Tapferkeit, als den Tod zu besiegen – ihn zu verschlingen?

Die Ablehnung durch die eigenen Glaubensgenossen

Selbst die Hindus, ihre Brüder im Glauben, verabscheuen sie. Kein Wunder: Der Ruf, der ihnen vorausgeht, weckt Abscheu. Im Land der Kasten gibt es niemand Unerreichbarere, und niemand kann tiefer fallen. Die Übertretung, die sie als Verdienst suchen, ist für alle anderen ein Makel.

Die Szene hat auch eine zeitgenössische Lesart. Der Dokumentarfilmer Jordi Piris ist der Ansicht, dass sich in Indien der Glaube in Spektakel verwandelt und die Götter in den sozialen Medien angerufen werden, sodass man am Ende das Ewige zwischen Asche und Algorithmus sucht. Der Aghori erscheint so als ein uralter Schatten, der mit dem Tod zusammenlebt, den er nicht fürchtet. Es fällt nicht schwer, bei diesem Bild in Phantasien zu verfallen, wenn man in jene Augen blickt, die wie abgrundtiefe Brunnen wirken.

Die Paradoxie des Technologieriesen

Wir sprechen von der viertgrößten Volkswirtschaft der Welt, einer Militärmacht mit Atomwaffen und einem Schlüsselakteur in der Raumfahrt. Und zugleich von einem Land, in dem der durchschnittliche Inder von den Machtzentren ebenso weit entfernt ist wie von der Kolonisierung des Mondes. Unten, inmitten der Götterschar des hinduistischen Pantheons, suchen die Gläubigen ihr Heil, indem sie in die heiligen Wasser des Ganges eintauchen, des Mutterflusses, zwischen Blütenopfern. Immer umgeben von Touristen, in Gefahr, als Eindringlinge in der eigenen Geschichte zu erscheinen.

Hier stockt die Analyse. Die Sekte, die Tote isst, lebt neben der Macht, die Satelliten startet, und keine der beiden Erklärungen – weder die spirituelle noch die ökonomische – passt so recht zur anderen. Der Aghori ist kein Überbleibsel der Vergangenheit: Er ist ein weiteres Teil des indischen Puzzles, jenes, das niemand direkt anschauen will.

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Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (20 Antworten).

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