„90% der neuen Programmierer finden keine Arbeit“
Die Aussage ist kategorisch und stammt von einem Teilnehmer, der angibt, die Branche von innen zu kennen: Wenn die aktuelle Welle an Informatikstudenten – ob an Universitäten oder in Bootcamps – abgeschlossen ist, werden neun von zehn keinen Job finden. Diese These wird in einem Investorenforum hartnäckig wiederholt. Sie besagt, dass der angebliche Mangel an Entwicklern jahrelang eine große Lüge war, gestützt von Schulen, Beratungsfirmen und Medien. Das zentrale Argument ist nicht technischer Natur, sondern marktgetrieben. Massenhafte Entlassungen, das Outsourcing nach Indien und die Sättigung durch Absolventen hätten ein Gleichgewicht zerstört, das laut diesen Nutzern nie zurückkehren werde.
Der Entwicklermangel, den es nie gab
Das offizielle Narrativ des letzten Jahrzehnts lautete, dass Ingenieure fehlten. Unternehmen klagten über unbesetzte Stellen, Bootcamps versprachen Gehälter von 30.000 Euro innerhalb von sechs Monaten und Universitäten erweiterten ihre Kapazitäten. Dieses Narrativ war laut Beobachtern des Marktes eine kollektive Marketingoperation, um Arbeitskosten zu senken. Der Beweis dafür sei die aktuelle Lage: Hunderte Bewerbungen, monatelange Suche und kaum Antworten.
Es gibt einen Fall, der sich mit Uhrwerksgenauigkeit wiederholt. Ein Entwickler mit mehr als zehn Jahren Full-Stack-Erfahrung, Englisch C1, AWS-Zertifizierung und Masterabschluss gab die Jobsuche nach sechs Monaten Arbeitslosigkeit auf. Die englischen Interviews waren perfekt, die technischen Anforderungen wurden erfüllt, aber sobald er ein Mindestgehalt von 50.000 Euro erwähnte, verschwand das Unternehmen. Reines Ghosting. Selbst wenn er technische Tests einsandte, die eine ganze Woche dauerten. Am Ende meldete er sich für den öffentlichen Dienst (Oposiciones) an.
Warum stellen Unternehmen keine Junior-Entwickler mehr ein?
Die kurze Antwort: Weil sie günstigere Alternativen haben. Die lange Antwort umfasst Outsourcing, ein Überangebot an Absolventen und eine perfekte Ausrede namens Künstliche Intelligenz. Die am häufigsten zitierte Analyse besagt, dass Unternehmen KI als technische Vorwand nutzen, um rein finanzielle Entscheidungen zu rechtfertigen. Entlassungen senken Kosten, und niedrigere Kosten steigern den Aktienkurs. Es ist Börsenmathematik, keine Ingenieurskunst.
Das Outsourcing hat geografische Namen. Zwischen 2018 und 2023 waren Bangalore, Hyderabad und Pune die Städte mit dem stärksten Wachstum bei Software-Ingenieur-Einstellungen. Das ist keine Meinung, sondern das Muster, das Datenbeobachter beschreiben. Ein französisches Energieunternehmen verlegte seine gesamte F&E-Abteilung nach Indien. Das Phänomen beschränkt sich nicht nur auf Software.
Das Ergebnis in Spanien ist ein gespaltenes Marktumfeld. Manche behaupten, Beratungsfirmen würden jedes Profil ohne Erfahrung einstellen und in vier Monaten ausbilden. Andere widersprechen: Das passiere nicht mehr. Die Firmen verlangten jetzt Frameworks, KI-Agenten, Hooks und Modelle und zahlten netto 1.200–1.400 Euro. Der Junior, der früher 24.000 Euro wert war, konkurriert nun mit einem, der 18.000 Euro verlangt. Und mit einem in Bangalore, der 8.000 Euro will.
Auch die Gehaltsobergrenze ist gebrochen
Es betrifft nicht nur Juniors. Auch Senior-Profile sehen ihre Spielräume schrumpfen. Ein Entwickler mit 10–15 Jahren Erfahrung verlor vor einem Jahr seinen Job, sicher davon überzeugt, sofort einen neuen zu finden. Ein Jahr später liegen die Angebote weit unter seinem früheren Gehalt. Er akzeptiert nicht. Ein anderer tut es. Das Ersatzgehalt ist das neue Marktniveau.
Das Phänomen erstreckt sich laut einem Teilnehmer auch auf STEM-Profile mit Doktortitel. Physiker, Mathematiker und Ingenieure mit Erfahrung nehmen technische Positionen im Privatsektor für brutto 20.000–24.000 Euro in Barcelona an. Einige bereiten sich auf Prüfungen für den öffentlichen Dienst vor. Andere emigrieren. Eine Chemieingenieurin ist dankbar, dass ihr Partner einen stabilen Job hat, was ihr erlaubt, weiter zu suchen. Die wiederholte Diagnose: Der Markt für Wissenschaftler und Techniker im Westen ist kaputt, und KI ist die Ausrede, nicht die Ursache.
Der Ausweg: Öffentlicher Dienst, Pflegeausbildung oder Schweiz
Die häufigste individuelle Strategie in der Diskussion ist nicht technisch, sondern strategisch. Menschen, die seit zwei Jahren im totalen Sparmodus leben, um sich für den öffentlichen Dienst vorzubereiten oder eine Ausbildung im Gesundheitswesen zu machen. Ein Entwickler mit über zehn Jahren Erfahrung gab die Suche nach sechs Monaten auf und bewarb sich für die Beamtenprüfungen 2024. Er hofft auf ausreichende Ergebnisse. Der Ausweg ist nicht Code, sondern die Festanstellung im Staatsdienst.
Es gibt eine Ausnahme, die die Regel bestätigt: die Schweiz. Ein Physiker mit drei Jahren Erfahrung und einem KI-Master aus Madrid verdient laut Forumsnutzer 140.000 Schweizer Franken jährlich in Zürich als Cloud Architect. Mit zehn Jahren Erfahrung liegt die Zahl bei 180.000–190.000 Franken. Der Unterschied zu Spanien beträgt nicht 20% oder 30%. Es ist ein Vielfaches. Wer kann, geht. Wer nicht kann, macht Karriere im öffentlichen Dienst.
Das eigentliche Geschäft: Den Traum verkaufen
Wenn Jobs rar sind, warum öffnen weiterhin Bootcamps? Die zynischste Antwort im Diskurs lautet: Das Geschäft besteht nicht darin, Programmierer zu vermitteln, sondern ihnen Studiengebühren abzunehmen. Private Zentren verlangen 3.000–4.000 Euro für eine berufliche Ausbildung, die weder Praktika noch Jobs garantiert. Akademien versprechen Gehälter von 30.000 Euro und liefern Zertifikate, die niemand beachtet. Die Ausbildung ist zum Produkt geworden, nicht zum Mittel.
Das Muster wiederholt sich in anderen Disziplinen. Röntgentechniker warten zwei Jahre auf versprochene Praktika. Arbeitsberater empfehlen GitHub-Portfolios als Ersatz für offizielle Abschlüsse. Der Rat, der am häufigsten von denen gegeben wird, die bereits durchgemacht haben: Wenn du programmieren willst, lerne es, bevor du dich einschreibst. Wenn du es nicht selbst kannst, wird ein Bootcamp das nicht richten.
Die am häufigsten wiederholte Prognose ist nicht optimistisch. Die Branche wird das frühere Gleichgewicht nicht wiederherstellen, denn laut diesen Nutzern war das frühere Gleichgewicht künstlich. KI beschleunigt die Entwicklung, das Outsourcing geht weiter, und das Überangebot an Absolventen braucht Jahre zur Korrektur. Wer zwanzig ist und überlegt, sich in ein Bootcamp einzuschreiben, sollte Folgendes wissen: Der Markt, den er nach Abschluss vorfindet, wird nicht dem entsprechen, der ihm versprochen wurde. Niemand weiß jedoch genau, wie lange es dauert, bis der Tiefpunkt erreicht ist.
Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft.
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