Zölle gegen China: Viel Propaganda, wenige belastbare Daten
Hält China dem Zolldruck von Trump stand oder bricht sein Modell zusammen? Seit Washington seine Handelsoffensive gestartet hat, kursieren Videos voller Container in chinesischen Häfen und kurz vor der Schließung stehender Betriebe, um zu beweisen, dass Peking einknickt. Das Problem ist jedoch: Weder halten die Videos einer rigorosen Analyse stand, noch bestätigen die Daten ein solches Szenario.
Es gibt allerdings eine Zahl, die in der Debatte immer wieder auftaucht: Die USA absorbieren 12,5 % der chinesischen Exporte, laut für 2024 zitierten Zahlen eines Teilnehmers. Dies ist der wohlhabendste Markt der Erde und lässt sich, nach dieser Logik, nicht mit drei Anrufen ersetzen. Wer behauptet, Peking könne dieses Volumen innerhalb von zwei Wochen anderweitig platzieren, sollte erklären, wohin.
Das Video, das alles beweist – und nichts
Der Ausgangspunkt der katastrophalen These sind zwei Aufnahmen: eine zeigt überfüllte chinesische Häfen, die andere westliche Märkte, die ihre Türen für chinesische Überschüsse schließen. Das klingt überzeugend. Bis man nach dem Aufnahmedatum fragt.
Die häufigste Kritik lautet, dass das Material aus einem Kanal mit klarer redaktioneller Linie stammt und die Bilder tatsächlich aus der Zeit der Pandemie stammen. Um das tatsächliche Verkehrsvolumen zu messen, gibt es bessere Werkzeuge als undatierte Videos: Websites, die Frachtschiffe und Cargo-Flugzeuge in Echtzeit verfolgen. Wer präzise Daten sucht, wird dort fündig.
Wie stark hängt China vom US-Markt ab?
Die Gegenargumentation besagt, dass China die USA nicht braucht. Das ist zur Hälfte wahr. Die andere Hälfte ist, dass alternative Märkte nicht gerade mit offenen Armen warten.
Die EU hat bereits klargestellt, dass sie keine chinesischen Überschüsse schlucken wird: Zwei Monate vor Trumps Wahlsieg hatte Brüssel strenge Zölle auf chinesische Elektroautos beschlossen, um die eigene Industrie zu schützen. Australien spielt in dieselbe Liga. Es gibt keinen Ersatzkunden für das Volumen, das die USA freigeben.
Und was wächst, hat einen Haken. Chinas Exporte stiegen im April um 8 %, während die an die USA gerichteten um 20 % fielen, so die Berechnung eines Teilnehmers. Die Lücke wird durch Umlenkung der Ware über Malaysia, Indonesien oder Indien geschlossen, die das Produkt dann auf den amerikanischen Markt bringen. Eine buchhalterische Umleitung, kein neuer Markt.
Chinas Trumpfkarte: Binnennachfrage und schwacher Yuan
Wo manche Schwäche sehen, erkennen andere Spielraum. Einige argumentieren, China sei eine langfristig geplante Wirtschaft, die in der Lage sei, Überschüsse zu lagern, den Yuan abzuwerten, um Wettbewerbsfähigkeit zu gewinnen, und die Binnennachfrage anzukurbeln. Während der Pandemie bewies das Land bereits, dass es sozialen Frieden durch öffentliche Subventionen wahren kann.
Ein oft weniger erwähnter, schwerer reparierbarer Schaden ist die Glaubwürdigkeit der USA als Handelspartner. Nach Jahrzehnten der Förderung von Offshoring und nun der Abschottung durch Zölle ist Washington vom zuverlässigen Kunden zum Problem geworden. Peking hat dies registriert und beschleunigt, wie im Thread angemerkt, sein eigenes Zahlungsnetzwerk, um nicht von internationalen Kanälen abhängig zu sein.
Dagegen spricht das Gesamtbild: eine seit Jahren andauernde Immobilienkrise, deflationäre Druck, ein sich abkühlendes verarbeitendes Gewerbe und ein Bankensystem, das stets am Abgrund steht. Und das Datum, das den einfachen Vergleich widerlegt, laut einem anderen Teilnehmer: 68 % des US-BIP sind Binnennachfrage. Das Land, das per Definition am wenigsten von Verkäufen ins Ausland abhängt, ist Washington.
Die Schweiz und die Verhandlungstaktik
Was viele übersehen, ist, dass die Zölle laut Befürwortern dieser Lesart nie als Selbstzweck gedacht waren. Das wirtschaftliche Strategieteam — angeführt von Bessent, Navarro und Miran — betont seit Tag eins, dass es sich um ein Verhandlungsinstrument handelt. Das erklärte Ziel, so Berater aus dem Präsidentenumfeld, wären Nullzölle mit China.
Es ist die alte Taktik aus The Art of the Deal: Das Sonnensystem fordern, später nachgeben und bei Erde und Mond landen. Ob es funktioniert oder nicht, es gibt Zeichen von Bewegung: chinesische Delegationen besuchen das Finanzministerium (Department of the Treasury) und ein bilaterales Treffen in der Schweiz wurde erst dementiert, dann bestätigt.
Auch die US-Lagerbestände schrumpfen
Hier ist die Analyse nüchterner: Der große US-Einzelhandel — Walmart und Co. — hatte aus Angst vor Zöllen zwei bis drei Monate Vorräte angehäuft, so die Diskussion. Im Mai begannen diese Bestände teilweise zur Neige zu gehen, und es sind keine Alternativen in Sicht, da es für dieses Volumen keine anderen Lieferanten gibt.
Das ist der echte Countdown. Nicht der der undatierten Videos, sondern der der US-Regale.
Die Schlussfolgerung, die niemand ziehen will: Die Zölle schaden beiden Seiten, und wer auf einen klaren Gewinner wartet, wird lange warten müssen. Wenn allerdings jemand das Datum jener Videos findet, soll er Bescheid geben. Das wäre die wertvollste Information des Jahres.
Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft.
Die ganze Diskussion lesen (218 Antworten).