Wohnungsmarkt und Pille senken Spaniens Geburtenrate, nicht Impfungen

Spanien hat keine Impfpflicht, aber eine der niedrigsten Geburtenraten weltweit; Frankreich impft verpflichtend und hat mehr Kinder. Daten entkräften den Mythos.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Wohnungsmarkt und Pille senken Spaniens Geburtenrate, nicht Impfungen
Der Mythos, der Impfungen für sinkende Geburtenraten verantwortlich macht

Die Geburtenraten im Westen sind im freien Fall, und manche haben bereits einen Schuldigen ausgemacht: die obligatorischen Säuglingsimpfungen. Diese These verbreitet sich stark in sozialen Medien und Foren, doch die in diesen Diskussionen selbst angeführten Daten widerlegen sie Stück für Stück. Spanien kennt keine Impfpflicht – der Kinderimpfplan ist freiwillig –, und dennoch liegt die Fertilitätsrate bei etwa 1,1 bis 1,2 Kindern pro Frau, einer der niedrigsten Werte weltweit. Frankreich machte elf Kinderimpfstoffe im Jahr 2018 zur Pflicht und verzeichnet nun eine höhere Geburtenrate als Spanien oder Italien. Das einfache Argument scheitert an der Arithmetik.

Impfpflicht und Geburtenraten: Was sagen die Daten?

Die Logik, die niedrige Geburtenraten auf Impfungen zurückführt, verwechselt zwei verschiedene Dinge: wie viele Kinder geboren werden und wie viele danach sterben. Die Geburtenrate misst Geburten, nicht Todesfälle. Sie sinkt, weil Paare später und weniger Kinder bekommen aufgrund von Wohnkosten, Löhnen, Arbeit, langen Ausbildungszeiten und Verhütung. Die Säuglingssterblichkeit in Spanien liegt bei rund 2 bis 3 pro 1.000 Lebendgeburten; zu Beginn des 20. Jahrhunderts, vor den modernen Impfungen, lag sie über 150 pro 1.000. Wenn Impfungen Babys „zu Millionen“ töten würden, wäre diese Zahl mit der Ausweitung der Impfprogramme gestiegen. Das ist nicht geschehen.

Die Debatte nimmt eine Wendung, wenn man den Fokus auf Polio legt. Es wird behauptet, die Krankheit sei bereits vor dem Impfstoff stark rückläufig gewesen und der Trend habe sich danach fortgesetzt, was bedeute, dass das Medikament wirkungslos war. Die in den Gesprächen zitierten Daten deuten jedoch in eine andere Richtung: In den USA stieg die Zahl der Polio-Fälle vor der Einführung des Impfstoffs an, mit einem Höhepunkt im Jahr 1952 und etwa 58.000 Fällen. Der Salk-Impfstoff kam 1955. Anfang der 1960er Jahre gab es nur noch wenige hundert Fälle, Mitte des Jahrzehnts weniger als 100 pro Jahr.

Was den Rückgang der Geburtenraten in Europa wirklich erklärt

Das Gespräch verlagert sich schnell auf weniger verschwörerische, eher häusliche Ursachen. Der Wohnungsmarkt taucht als Hauptbarriere auf: Der Zugang zu Wohnraum ist für junge Menschen unmöglich. Hinzu kommt der Wandel des Familienmodells – immer weniger heiraten – und Abtreibungen. Vor allem aber die Antibabypille wird von Teilnehmerinnen als die Erfindung hervorgehoben, die alles verändert hat: „Ich selbst wäre Mutter von 10 oder 15 Kindern, wenn ich mich mein ganzes Leben nicht so gut verhütet hätte“, erzählt eine Teilnehmerin. Sie ist 50 Jahre alt und hat null Kinder.

Weitere Hypothesen stehen im Raum. Antidepressiva, verschrieben „wie Bonbons“, werden als Faktor genannt: Zu den dokumentierten Langzeitwirkungen gehört ein Libidoverlust, der auch Jahre nach Therapieende anhalten kann. Auch sozialer Druck spielt eine Rolle: Obwohl der Impfplan nicht verpflichtend ist, wird die Weigerung, sein Kind zu impfen, oft als Akt des Mutes dargestellt, verbunden mit dem Risiko, als Terrorist bezeichnet zu werden. Der Druck existiert; der kausale Zusammenhang mit der Geburtenrate nicht.

Trinkwasser, Antibiotika und der Rest der Erzählung

Sogar das technischste Argument wird differenziert betrachtet. Der Großteil des Rückgangs der Säuglingssterblichkeit seit 1900 ist auf Trinkwasser, Kanalisation, Ernährung und Antibiotika zurückzuführen. Impfungen sind ein Teil, nicht alles. Diese Erkenntnis entschärft die maximalistische Version des Mythos, ersetzt sie aber nicht durch eine andere: Wären Impfungen das Problem, wäre die Säuglingssterblichkeit mit ihrer Verbreitung wieder angestiegen. Das geschah nicht.

Die grundlegende Frage bleibt offen: Wenn die Ursachen Wohnraum, Löhne und die Pille sind, warum gedeiht dann die Impferklärung so sehr? Vielleicht weil es einfacher ist, auf eine Spritze zu zeigen, als auf die Mietpreise zu blicken. Mit den verfügbaren Daten lautet die Prognose, dass der Mythos weiter kursieren wird; die Evidenz unterstützt ihn nicht.

Auch verfügbar auf: English

Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (18 Antworten).

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