Weihnachtslotterie in Spanien: Folklore und freiwillige Steuer

Die spanische Weihnachtslotterie als Spiegel der Volkskultur: Klischees, Kinderfehler und die Geschichte des Lospreises seit 1966.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Weihnachtslotterie in Spanien: Folklore und freiwillige Steuer
Die spanische Weihnachtslotterie als Barometer für volkstümliche Kultur

Die Ziehung der spanischen Weihnachtslotterie ist die einzige freiwillige Steuer, die es in Spanien gibt. Dieser Satz, der jedes Jahr am 22. Dezember wiederholt wird, fasst den breitesten Konsens zusammen, der bei der Live-Verfolgung der Ziehung im Teatro Real zu beobachten ist: Niemand ist verpflichtet, ein Los zu kaufen, aber Millionen tun es trotzdem. Und um diesen Widerspruch herum entfaltet sich das gesamte Repertoire: der paquismo (ein Begriff für typisch volkstümliches Verhalten) der anwesenden Zuschauer, die Kinder von San Ildefonso, die sich beim Singen verhaspeln, die Floskeln der Gewinner und der ständige Verdacht, dass der Hauptgewinn dort landet, wo jemand beschlossen hat, dass er landen soll.

Die Übertragung der Ziehung wurde zu einer Show mit parallelem Kommentar. Während die Kugeln rollen, verschiebt sich die Aufmerksamkeit auf Nebensächlichkeiten: das Aussehen der Anwesenden, die Frisur der Person hinter den Kindern, der Stil eines Gastes, die Wiederholung derselben Eigenheiten auf der Bühne. Die Ziehung selbst ist nebensächlich. Was tatsächlich übertragen wird, ist eine soziale Liturgie.

Was ist der extreme Paquismo, über den gesprochen wird?

Der Begriff Paquismo bezeichnet die Gesamtheit der Verhaltensweisen, Ästhetiken und Sätze, die den durchschnittlichen spanischen Arbeitnehmer in seiner erkennbarsten Version definieren: der 21-Euro-Kaffee in der Bar, die kleine Aufmerksamkeit für die Familie vor dem Stopfen finanzieller Löcher, der Kurzurlaub, wenn nach der kleinen Gewinnserie noch etwas übrig bleibt. Die Liste der während der Ziehung kursierenden "Paco"-Sätze funktioniert wie ein ethnografischer Katalog: "Immerhin haben wir Gesundheit", "Ich habe gewonnen und gestern lief gerade meine Arbeitslosenunterstützung aus", "Es fiel in ein sehr bedürftiges Viertel", "Es war gut verteilt".

Das Teatro Real fügt als Schauplatz eine Schicht institutioneller Feierlichkeit hinzu, die im Kontrast zur Ästhetik der Anwesenden steht. Genau diese Spannung zwischen dem Pomp des Opernhauses und der Realität der Menschen, die die Ränge füllen, wird als extremer Paquismo bezeichnet. Es ist keine Kritik an der Lotterie selbst, sondern an der Inszenierung, die sie umgibt.

Die Kinder von San Ildefonso und die Abnutzung der Live-Übertragung

Ein wiederkehrender Fokus der Berichterstattung liegt auf dem Zustand der Kinder, die die Zahlen singen. Bis zu fünf Verhaspler werden in den ersten Minuten registriert, der Fall einer Kugel auf den Boden und die Wiederholung von Lesefehlern. Die sofortige Reaktion ist Spott, aber auch die offensichtlichste Erklärung taucht auf: Es sind kleine Kugeln, Nervosität spielt Streiche und die Live-Sendung verzeiht nichts.

Manche behaupten, dass die Ersetzung der traditionellen Sänger durch andere Profile Imagekriterien folgt und nicht dem Verdienst. Der Streit, der jedes Jahr aufs Neue aufflammt, mischt sich mit dem Hintergrundrauschen der Ziehung: Zurufe aus dem Publikum, Kommentare zur Kleidung der Anwesenden und ein ständiger Strom von Einfällen darüber, wer dort sein sollte und wer nicht.

Der Hauptgewinn, der Verdacht und die territoriale Verteilung

Die Theorie der gesteuerten Verteilung taucht jedes Jahr auf. Man spekuliert, dass der Hauptgewinn in einer bestimmten Region fallen wird, um Schulden versteckt zu finanzieren, dass ein Supercomputer die Wahrscheinlichkeiten basierend auf der Temperatur der Kugeln und molekularen Vibrationen berechnet hätte, dass die Ziehung so designed ist, dass der Gewinn dort fällt, wo es passt. Keine dieser Hypothesen hat eine Beweisgrundlage, aber sie kursieren mit derselben Selbstverständlichkeit wie die Floskeln.

Der Preis des Loses hat seine eigene Geschichte. Die ältesten verfügbaren Daten stammen aus dem Jahr 1966: 500 Peseten, etwa 3 Euro. 1967 verdoppelte er sich auf 1.000 Peseten, 6 Euro, und dieser Preis blieb bis 1976 bestehen. Zwischen 1977 und 1989 verdoppelte er sich erneut auf 2.000 Peseten, 12 Euro. 1989 und 1990 stieg er auf 2.500 Peseten, 15 Euro. Zwischen 1991 und 2001 stabilisierte er sich bei 3.000 Peseten. Die Entwicklung des Preises erzählt die akkumulierte Inflation des Landes besser als jede Rede.

Feiern, Schreie und regionale Unterschiede

Auch die Art, den Gewinn zu feiern, erzeugt Vergleiche. Es wird beobachtet, dass im Süden Spaniens die Gewinner dazu neigen, massiven Lärm zu machen, bis hin zum Punkt, dass der Reporter kaum noch gehört wird, während im Zentrum und Norden die Euphorie zurückhaltender ist und das Interview ermöglicht. Die Beobachtung ist diskutierbar, beschreibt aber einen Stilunterschied, der sich jedes Jahr wiederholt.

Die Ziehung funktioniert letztlich als unbequemer Spiegel. Sie zeigt, wer wir sind: Menschen, die Hoffnung zum Preis eines Loses kaufen, die mit Schreien oder Stille feiern, die dem System misstrauen, aber daran teilnehmen. Die freiwillige Steuer wird jeden Dezember mit einem Lächeln und einer Floskel gezahlt. Und wer nicht gewinnt, kommt im nächsten Jahr wieder.



Die vernünftigste Vorhersage für zukünftige Ziehungen ist, dass sich nichts ändern wird: gleiches Format, gleiche Kritik, gleiche Sätze. Die Liturgie hält sich, weil sie eine Funktion erfüllt, die keine wirtschaftliche Analyse ersetzen konnte.

Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (183 Antworten).

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