„Verbotene“ Bücher im spanischen Einzelhandel

1984, Schöne neue Welt und Fahrenheit 451 sind nicht verboten: Sie werden bei El Corte Inglés und Amazon verkauft. Die Paradoxie der „verbotenen Bücher“.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

„Verbotene“ Bücher im spanischen Einzelhandel
Das „verbotene“ Buch in drei verschiedenen Ausgaben

Ein Leser betritt eine Buchhandlung, um einen der angeblich vom Neuen Weltorden verbotenen Romane zu kaufen, und findet drei verschiedene Ausgaben desselben Titels, gestapelt und gut sichtbar. Diese Episode fasst den Kern einer Diskussion zusammen, die sich über fast fünf Jahre erstreckt: Die Liste der verbotenen Bücher ist in der Praxis ein Katalog von Bestsellern, die in jedem großen Einzelhandelsgeschäft erhältlich sind.

Die Paradoxie steht im Zentrum der Debatte. Der Großteil der genannten Titel — 1984, Schöne neue Welt, Fahrenheit 451, Animal Farm — wird weiterhin bei El Corte Inglés, auf Amazon und sogar an Strandständen für fünf Euro als Taschenbuchausgabe verkauft. Kein Verbot, keine Verfolgung. Und dennoch funktioniert das Label „verbotenes Buch“ weiterhin als Verkaufsargument.

Sind 1984 und Schöne neue Welt verboten? Die Daten sagen nein

Der am häufigsten angeführte Beweis ist das Regal. Drei Ausgaben von 1984 und eine von Schöne neue Welt in derselben Casa del Libro; Neuauflagen alle paar Monate; regelmäßige Präsenz in schulischen Leselisten und auf Neuheiten-Tischen. Auch die Suchfunktion von Amazon hat nichts von einer Zensur bemerkt: Die Titel werden seit Jahrzehnten ohne Unterbrechung gedruckt.

Dem gegenüber steht die Gegenposition: Gerade weil sie nicht stören, werden sie toleriert. Die breite Verfügbarkeit würde nicht beweisen, dass es keine Kontrolle gibt, sondern dass diese Kontrolle nichts mehr verbieten muss. Umkehrung des Grundsatzes „Im Zweifel für den Angeklagten“.

Ein Sonderfall sind die zirkulierenden „verbesserten“ oder „Vintage“-Neuauflagen. Manche sehen darin den ersten Schritt einer stillschweigenden Ersetzung des Originaltextes, wobei die Rechteinhaber Revisionen genehmigen. Der Verdacht ist nicht bestätigt, aber das Format existiert und wird gekauft.

Was verschwindet, ohne verboten werden zu müssen

Hier wird die Sache interessanter. Die Bücher, die tatsächlich aus den Katalogen verschwinden, sind nicht die Schaufenster-Dystopien, sondern konkrete Werke, die einfach nicht mehr neu aufgelegt werden. Der Verlag Destino ließ J. Plas Historia de la Segunda República in seinen Gesammelten Werken weg. Ein Werk von Pío Baroja wurde nach den vierziger Jahren nur innerhalb seiner Gesammelten Werke bei Galaxia Gutenberg wieder gedruckt, und zwar beiläufig, ohne Erwähnung im Vorwort.

Die Erzählungen von Sven Hassel, die man in jeder Stadtviertel-Buchhandlung fand, kursieren heute kaum noch; die Sturmtruppen-Comics verschwanden aus dem spanischen Katalog. Es gab kein Dekret. Es gab verwaltete Vergessenheit. Dies ist der Mechanismus, auf den die Veteranen dieser Debatte hinweisen.

Zensur oder Umschreibung der Geschichte?

Die Überlegung, die die gesamte Diskussion durchzieht, ist, dass das Verbot eines Buches ein ungeschickter Zug ist: Es schenkt kostenlose Publicity und klingt schlecht. Effektiv ist das Gegenteil. Wenn etwas nicht interessiert, ist es rentabel, so zu tun, als hätte es nie existiert, und die Erzählung ab der Neuauflage umzuschreiben.

Nach diesem Kriterium weckt alles, was in einem großen Einzelhandelsgeschäft als „antisystemisch“ verkauft wird, Zweifel. Dass ein Text bei El Corte Inglés landet, kann ein Symptom für Freiheit sein… oder dafür, dass er der Macht gleichgültig, ja sogar nützlich erscheint.

Das unbequeme Argument: Verbote, die funktionieren

Nicht jeder kauft die These der sanften Kontrolle. Eine Strömung vertritt das Gegenteil: Verbote funktionieren, und deshalb werden sie angewandt. Das angeführte Beispiel ist, dass bestimmte randständige Materialien kaum jemanden interessieren, während das, was als verdammt beworben wird, zum Bestseller wird. Wenn Verbote nichts bringen würden, würde sich niemand die Mühe machen, sie auszusprechen.

Die Nuance, die das Patt bricht: Die Mehrheit liest nicht, und das entleert fast jede Theorie ihrer Bedeutung. Wenn das Volk keine Zeit für Bücher aufwendet, ist ihre Zensur eine nutzlose Anstrengung.



Im Hintergrund bleibt das übliche Mittel: eine Sammlung von etwa 550 Titeln, verteilt über archive.org und das alte eMule, wo, wie oft wiederholt wird, alles zu finden ist. Etwas zu verbieten, das mit zwei Klicks heruntergeladen werden kann, ist ein Salon-Sport. Und die verwirrende Tatsache: Die Liste, die Schul-Dystopien mit rechtsensrecht Material mischt, ist heute leichter zu bekommen als die Steuererklärung.

Auch verfügbar auf: English

Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (548 Antworten).

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