Tweet über ETAs 23 Kinderopfer entfacht Debatte neu

Ein Tweet über die von ETA ermordeten 23 Kinder hat in Spanien eine neue Debatte ausgelöst: Kritiker werfen dem politischen Arm vor, die Regierung zu stützen, ohne die Verbrechen zu verurteilen.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Tweet über ETAs 23 Kinderopfer entfacht Debatte neu
ETA tötete 23 Kinder: Vom „Kampf“ zum Parlamentssitz

Ein Tweet fasst es schonungslos zusammen: „Er sagt ‚Kämpfen‘, aber ETA hat 23 Kinder ermordet.“ Der Satz, der einem Anführer der linksnationalistischen Bewegung (izquierda abertzale) zugeschrieben wird, ist der Auslöser einer Diskussion, die seit 1.113 Tagen offen ist und nun durch ein Fernsehinterview wieder auftaucht. Das eigentliche Problem ist unbequem und lässt sich nicht mit einer Schlagzeile lösen: Der politische Arm der Organisation, die 23 Minderjährige – und insgesamt fast 900 Menschen, wie im Diskurs behauptet wird – getötet hat, besetzt heute Sitze und beeinflusst parlamentarische Mehrheiten. Die Zahl der 23 Kinder, im Austausch bis zur Erschöpfung wiederholt, ist der emotionale Anker und auch das Argument, das niemand bestreitet.

Was folgt, ist keine Chronik der Empörung. Es ist eine Karte davon, wie das Narrativ, das jahrzehntelang aufrecht erhielt, ETA sei ein Problem der öffentlichen Ordnung und keine politische Struktur mit institutionellen Verzweigungen, Stück für Stück zerlegt wurde.

Wie viele Kinder tötete ETA und warum wird diese Zahl wiederholt?

Die Zahl 23 erscheint wörtlich in dem Tweet, der die Angelegenheit eröffnet, und wird in vielen Beiträgen wie ein Mantra wiederholt. Es handelt sich nicht um eine runde oder symbolische Zahl: Es ist eine konkrete Zählung der von der Terrororganisation ermordeten Minderjährigen. Im Material wird auch der Anschlag auf die Kaserne in Zaragoza erwähnt, wo laut einer Nachricht die Autobombe „unter dem einzigen Fenster mit Kinderwäsche“ platziert wurde. Dieses Detail, das kein statistischer Wert, sondern ein Bild ist, erklärt besser als jede Grafik, warum die Zahl 23 zu einer Mauer geworden ist, an der jeder Versuch einer politischen Normalisierung zerschellt.

Die Diskussion dreht sich nicht nur um die Vergangenheit. Manche behaupten, die Organisation habe sich 2011 aufgelöst und seither niemanden mehr getötet; andere entgegnen, dass das Ende der Gewalt weder Reue noch eine ausdrückliche Verurteilung der Morde bedeutet. Das Fehlen einer klaren Verurteilung und Entschuldigung ist genau das am häufigsten wiederholte Argument, um jede Gleichsetzung zwischen Opfern und Tätern abzulehnen.

Der politische Arm der ETA und seine Rolle in der Regierung

Die zentrale These des Tweets ist, dass jene, die ETA beschönigen, sich damit assoziieren oder Dokumentationen darüber drehen, Teil desselben Ökosystems sind. In der Debatte wird dies konkretisiert: Die Partei, die den politischen Raum der linksnationalistischen Bewegung geerbt hat, stützt heute die Exekutive, und deshalb kehrt das Thema jedes Mal zurück, wenn es um eine Wahl oder einen Haushalt geht. Die am häufigsten wiederholte Formulierung lautet: „ETA regiert letztlich die PSOE“, ein Satz, der eine verbreitete Wahrnehmung zusammenfasst: Die Organisation erreichte die Unabhängigkeit nicht mit Waffen, aber ihr politisches Umfeld landete schließlich im Ministerrat.

Es gibt keinen Konsens darüber, was genau das bedeutet. Eine Strömung der Analyse vertritt die Ansicht, dass die Nachfolgepartei alle spanischen Institutionen akzeptiert hat und zu einer weiteren parlamentarischen „Krücke“ geworden ist, ohne die Fähigkeit, eine eigene Agenda durchzusetzen. Eine andere erwidert, dass die Akzeptanz des institutionellen Rahmens den Ursprung nicht auslöscht und dass die Normalisierung jener, die die Morde nicht verurteilt haben, eine Form der Beschönigung ist. Die Diskussion schärft sich, wenn man sie mit dem Umgang anderer Vergangenheitsfragen vergleicht: „Wenn sie über den Bürgerkrieg vor 87 Jahren sprechen, glaubt man ihnen nicht“, sagt eine Nachricht, „aber wenn ETA zur Sprache kommt, die 2011 aufgehört hat zu töten, werden die Morde nicht verurteilt und keine Entschuldigung gefordert.“

Kann man über ETA in der Vergangenheit sprechen?

Hier liegt eine der interessantesten Bruchlinien der Debatte. Ein Teil behauptet, ETA existiere nicht mehr, habe kapituliert, und es sei „niederträchtig und gemein“, ihren Geist zwölf Jahre später weiter zu beschwören. Das Argument lautet, dass die PP das Thema nutze, weil sie nichts anderes habe, um die Regierung anzugreifen, und dass die großen Unternehmen mit der aktuellen Exekutive zufrieden seien. Von dieser Position aus sind Anerkennung und Hilfe für die Opfer bereits gewährt und es gebe nichts mehr zu tun.

Die Antwort von der anderen Seite ist, dass die Organisation nicht verschwunden sei, sondern ihre Methoden geändert habe. „Warum sprecht ihr über ETA in der Vergangenheit?“, fragt eine Nachricht. „Jetzt sind die Initialen nicht sichtbar und ihr Terrorismus ist niedrigschwellig: Schlägereien, Belästigung, Diskriminierung.“ Dies ist eine These, die sich nicht mit Daten überprüfen lässt, aber erklärt, warum ein Teil der Debatte den Rahmen eines „überwundenen Konflikts“ nicht akzeptiert. Für diese Strömung entspricht das Fehlen tödlicher Gewalt nicht demokratischer Normalität, und die institutionelle Präsenz des linksnationalistischen Umfelds ist der Beweis dafür, dass das Problem nicht gelöst, sondern nur transformiert wurde.

Die GAL und das Argument der Reaktion

Eine der kontroversesten Wendungen im Austausch tritt ein, wenn staatliche Gewalt ins Spiel gebracht wird. „Man kann keinen Garten säubern, ohne sich die Hände schmutzig zu machen“, fasst eine Nachricht zusammen, die verteidigt, dass die GAL (Grupos Antiterroristas de Liberación) eine Reaktion auf den Pavor waren und dass alle europäischen Länder ähnliche Episoden hatten. Die Antwort ist eindeutig: „Es gibt keinen Unterschied zwischen denen, die ETA-Mitglieder bei ihrer Freilassung feiern, und dir.“ Die Debatte driftet dann in Richtung einer Gleichsetzung von Terrorismus und staatlicher Reaktion, einem Terrain, auf dem die Positionen verhärten und der Austausch jede Möglichkeit der Differenzierung verliert.

Relevant für das Gesamtbild ist, dass die Diskussion über ETA nie nur über ETA geht. Sie geht auch darum, was vom Staat aus getan wurde, wer es autorisierte und in welchem Maße die spanische Demokratie Terrorismus mit Werkzeugen bekämpfte, die heute unzulässig wären. Diese Anerkennung, die in anderen Ländern ohne Dramatik erfolgt ist, bleibt hier brennbares Material.

Vergessen als politische Strategie

„In Spanien wird alles vergessen, alles vergeben, aber Paco lebt noch.“ Der Satz, in verschiedenen Versionen wiederholt, deutet auf eine Idee hin, die die Debatte von Anfang bis Ende durchzieht: Das Gedächtnis ist selektiv und diese Selektion hat Begünstigte. „Sie haben das Gedächtnis zerstört und es in sehr kurzer Zeit durch ein anderes ersetzt“, sagt eine Nachricht. „Ein Volk ohne Gedächtnis ist sehr leicht zu regieren.“

Das Argument verdichtet sich in einem wiederkehrenden Kontrast: Enorme Anstrengungen werden unternommen, um den Franquismus aufzuarbeiten, während das, was ETA tat, umgangen oder minimiert wird. Für einen Teil der Debatte ist dies keine Nachlässigkeit, sondern eine Strategie. Für einen anderen ist es einfach so, dass die Gesellschaft beschlossen hat, die Seite umzublättern, und dass jene, die auf dem Thema beharren, es aus wahltaktischem Interesse tun. Die beiden Lesarten koexistieren ohne Versöhnung, und diese unbequeme Koexistenz ist wahrscheinlich das genaueste Porträt der Angelegenheit.



Was ist zu erwarten? Wenn das Muster anhält, wird das Thema jedes Mal zurückkehren, wenn die Regierung parlamentarische Unterstützung braucht und jedes Mal, wenn ein Jahrestag oder eine Dokumentation ansteht. Es gibt keine Anzeichen dafür, dass eine der beiden Strömungen nachgeben wird: Jene, die eine ausdrückliche Verurteilung fordern, werden sie nicht bekommen, und jene, die die Angelegenheit für abgeschlossen halten, werden in jeder neuen Dokumentation weiterhin eine Provokation sehen. Die Zahl der 23 Kinder wird dort bleiben, im Zentrum, als Erinnerung daran, dass es Dinge gibt, die nicht verhandelbar sind.

Auch verfügbar auf: English

Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (109 Antworten).

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