Vom Mental Beat der Neunziger zur KI: der Techno, der nicht klingt wie Techno
Techno braucht kein Radio. Techno braucht eine Community, die einen Thread tragen kann, in dem ohne Waffenstillstand darüber gestritten wird, wo das Genre endet und der Rest beginnt. Das ist die Anomalie: ein Gespräch, das sich über das definiert, was es ablehnt —Autotune, das bequeme Etikett— und das einen Großteil der Zeit damit verbringt, das bereits Vorhandene zu sortieren.
Das Gespräch funktioniert wie ein intermittierender Sender. Ein Thema am Donnerstag, eines am Samstag, ein bon dia am Dienstag. Ohne Programmvorschau und Moderator, mit einem Katalog an Namen, der von Daft Punk bis zu einem kolumbianischen DJ mit Kollaborationen an der Seite von Armin Van Buuren springt.
Was war der Mental Beat der Neunziger?
Ein Teilnehmer erinnert sich, dass es eine Zeit gab, in der man über Mental Beat sprach, einen Ableger des Pogre, der Mitte der Neunziger kursierte und den heute, so seine Erfahrung, kaum noch jemand offen für sich beansprucht: «Ich habe nie wieder jemanden über diesen Stil reden hören».
Das ist kein Einzelfall. Die elektronische Musik hat einen Friedhof voller Etiketten, die weniger lange hielten als ihr eigener Hit der Saison, und jede Generation glaubt, die vorherige mit mehr Sachverstand beerdigt zu haben. Auffällig ist, dass der Begriff hier nur genannt wird, um festzuhalten, dass ihn niemand mehr benutzt. Eine Szene, die darauf stolz ist, nicht zurückzublicken, verbringt erstaunlich viel Zeit mit Archäologie.
Flacher Techno, Happy Hardcore und das Etikett als Minenfeld
Die Taxonomie funktioniert wie ein Minenfeld. Ein Teilnehmer wirft eine Definition hin, ohne zu zögern: «Flache Tracks sind Techno». Der Satz wird weder angezweifelt noch ergänzt. Mit derselben Logik fällt die Erwähnung von Happy Hardcore, das im Thread als eines von vielen Etiketten auftaucht, und alles andere wird in Schubladen sortiert, die nur Eingeweihte verstehen.
Das Problem des vielen Klassifizierens: Das Etikett ersetzt am Ende das Hören. Das kennt man vom Wein, vom Kino und von der Musik: Wenn das Subgenre zur Identität wird, ist die Qualitätsdebatte an der Tür entschieden, bevor der erste Takt erklingt. Und in einem Genre, das ohne Handbuch geboren wurde, hat das schon seine Ironie.
Die Kuriosität des Archivs liegt in den Extremen. Neben dem erwartbaren Repertoire taucht ein Stück auf, das wegen eines konkreten Details als seltsam beschrieben wird: Es beginnt mit Psalm 33. Niemand diskutiert darüber. Es wird gepostet, und es geht weiter. Das ist der wirksamste Weg, eine Etiketten-Debatte zu beenden: etwas einzustreuen, das in keine Schublade passt.
Moonbootica, Daft Punk und die Grenze zum Konventionellen
Der zitierte Fall ist Moonbootica. Ein Teilnehmer hält dagegen, dass es sich nicht um einen Sonderfall handelt, sondern um dasselbe Muster: Projekte, die pendeln zwischen Techno und dem Konventionellen, genau wie Daft Punk.
Der Vergleich ist nicht harmlos. Er enthält einen leisen Einwand: Ästhetische Kohärenz gibt es nicht, es gibt nur das Set der jeweiligen Nacht. Im Thread wird die Grenze eher auf dem Line-up ausgemacht als im Studio.
Autotune und KI: die rote Linie einer Szene, die sich für handgemacht hält
Die verarbeitete Stimme ist der Auslöser. Ein Teilnehmer reagiert auf einen Track mit Autotune und fragt sich, was als Nächstes kommt, mit dem Verdacht, dass der Kurs sich von dem entfernt, was er sucht.
Kompliziert wird es, wenn die künstliche Intelligenz ins Spiel kommt. Eines der geteilten Stücke weist in der eigenen Beschreibung darauf hin, dass es mit KI erstellt wurde, Bild, Klang oder beides, und die Reaktion eines Teilnehmers ist nicht ästhetischer, sondern besorgter Natur: Wohin soll das alles führen. Die Frage ist weniger, ob es gut klingt, als vielmehr, wohin sich die Branche bewegt.
Die Frage, die im Raum steht: Was geschieht mit dem, was die Szene als Handwerk verkauft —die Auswahl, das Gespür, die Stunden im Booth—, wenn sich Produktion maschinell erzeugen lässt? Ein Genre, das sich über den Geschmack der Person hinter den Decks definiert, hat da ein ernstes Problem.
Funk Tribu und die Zirkulation des Line-ups
Im Repertoire taucht Funk Tribu auf, ein kolumbianischer DJ, den ein Teilnehmer als Sustancia ilegal vorstellt und der mit Armin Van Buuren kollaboriert hat.
Die Info dient dem Poster dazu zu unterstreichen, dass die Nische gar nicht so abgeschlossen ist: Das Repertoire zirkuliert über geteilte Links, ein Video oder einen Mix, einfach hochgeladen ohne großes Zeremoniell.
Vom „Juernes“ bis zum Sonntag: das Ritual, das die Szene trägt
Der Kalender zählt mehr als jede Chartliste. Der Freitag wird mit einem Augenzwinkern angekündigt, der Donnerstag wird in Juernes umbenannt (ein spanisches Wortspiel aus Donnerstag und Feiern), der Sonntag eröffnet mit dem Etikett des Tages und einer Runde Links. Dieses Ritual erklärt die Widerstandskraft des Genres besser als jede Marktanalyse: Elektronische Musik wird heute als fortlaufendes Gespräch konsumiert, nicht als Album.
Auch für das Nicht-Musikalische ist Platz. Dasselbe Gespräch diente dazu, jemandem, der eine Krankheit durchmacht, gute Besserung zu wünschen, und jemandem zu gedenken, der nicht mehr da ist. Und um zwischen zwei Sets den Namen einer Bollywood-Schauspielerin unterzubringen oder die Behauptung eines Teilnehmers, eine bestimmte DJ sei unter allen Frauen der elektronischen Musik die Beste. Das Archiv gerät durcheinander und funktioniert trotzdem weiter.
Die vernünftige Prognose: Das nächste Subgenre mit eigenem Namen hält weniger lange als das vorherige, und die nächste Debatte wird exakt dieselbe sein, nur mit anderem Etikett. Mit einer Einschränkung: Wenn die KI die Produktion auffrisst, bleibt der Szene das Material fehlen, über das sie spricht. Vielleicht muss dann jemand den Mental Beat wieder ausgraben und erneut erklären, was das eigentlich war.
Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft.
Die ganze Diskussion lesen (1605 Antworten).